Sonntag, 16. Dezember 2012

Rezension: The Lost (Jack Ketchum)

Heyne
Hardcover, 432 Seiten
ISBN: 978-3-453-67551-3
19,99 €

Ein kurzer Einblick

Ein Campingplatz im Wald. Ein heißer Sommertag. Zwei Frauen. Opfer für den Teenager Ray, der töten will. Ein Blutbad, bei dem seine Freunde tatenlos zusehen. Ray kommt ungeschoren davon. Nur zwei Cops lassen nicht locker. Sie wollen den Mörder, um jeden Preis. Ray sieht nur einen Ausweg. Sein Amoklauf explodiert in einem Inferno von Hass, Gewalt und Blut. Ein Alptraum, der alle mit sich reißt.

Der psychopathische Ray Pye wird von seinen Freunden Jennifer und Tim gefürchtet und vergöttert. Sie ahnen nicht, wie weit der Größenwahn des charismatischen Ray geht: An einem idyllischen Sommertag wird er zum Mörder. Vor ihren Augen löscht er brutal die Leben zweier Frauen aus. Fünf Jahre später: Obwohl Ray der Hauptverdächtige war, konnte er nie überführt werden. In jenem Sommer, in dem Amerika seine Unschuld verliert und die Charles-Manson-Morde der Love&Peace- Generation alle Illusionen nehmen, lebt er immer einen Schritt vom Abgrund entfernt. Dann bröckelt seine Scheinwelt aus Drogen, Sex und krankhaftem Egoismus. Ray dreht durch – und für Tim und Jennifer beginnt der Horror von Neuem.

Bewertung

Nach einer wahren Begebenheit erzählt Jack Ketchum die Geschichte des krankhaft egoistischen Ray Pye. Kritik an Ray ist ein No-Go. Ihm seinen Willen nicht zu geben ist ein No-Go. Und natürlich ist es völlig unverständlich, wenn ihm ein Mädchen nicht zu Füßen liegt. Ray Pye ist der Mittelpunkt der Welt, er ist der Mann, der sich Bierdosen in die Stiefel packt, um seine kleine Größe zu kaschieren. Wage es ja nicht seinen Jähzorn auf Dich zu ziehen, denn das könnte tödlich enden!
Ray Pye kämpft gegen eine sich wandelnde Welt an. Während in den Großstädten Flower Power angesagt ist, haben sich die kleinen Städte ihr idyllisches Flair beibehalten – zumindest noch. Mit Macht drängt sich der Wandel der Zeit auch in die kleineren Städte, wovon allerdings bisher nur Ansätze zu spüren sind. Und so ist es wieder einmal die Kleinstadtidylle, die erst für die Atmosphäre verantwortlich ist und später im Blutbad versinkt.
Wenn die Zeilen im Blut baden und das Blut in den Schoß des Lesers tropft, dann läuft Jack Ketchum zu Höchstform auf und knebelt den Blick an die Mündung der Waffe Ray Pyes. Doch – und das zum Leidwesen des Romans – plänkelt der Roman stets vor sich hin; wenn auch immer mit einem Ansatz von Tiefe, sodass eine Lektüre in Erinnerung bleibt, die mehr Ganzes als Halbes ist, aber Abstriche im Spannungsbogen, speziell im Tiefgang der Story machen muss.
So typisch die Erzeugung der Atmosphäre auch ist, liegt auf ihr jedoch nicht die Aufmerksamkeit. Diese allein besitzt Ray Pye. Er ist der Verantwortliche für die Morde, der Verantwortliche, ob dies eine gute Geschichte werden kann oder nicht. Sein eigenwilliger Charakter hat natürlich – gar keine Frage – die volle Aufmerksamkeit. Als Jugendlicher hat Ray zwei „Spaß“morde begangen, doch obwohl er Hauptverdächtiger war, konnte die Polizei ihm nie etwas nachweisen. Sein egoistischer Stolz und seine Fassade der Makellosigkeit üben immer mehr Druck auf ihn auf, bis Ray Pye seinem inneren Druck nicht mehr standhalten kann und sich treiben lässt.
Ray Pye kämpft nicht nur gegen eine sich verändernde Welt an, sondern steht auch für die Figur der Zügellosigkeit und jener Menschen, die sich selber nie in den Begriff bekommen, aber auch kein Ventil finden, um sich abzureagieren bzw. sich nur in einer Gewalttat Befriedigung finden. Die Fassade der Makellosigkeit kann nicht auf ewig halten und fängt unweigerlich zu bröckeln an; denn eine Welt, die sich Ray Pye anpasst, die kann es nicht geben.

Fazit

Obwohl „The Lost“ in der Reihe Heyne Hardcore erschienen ist, lässt sich der Roman viel besser in einer abgeschwächten Form des Psycho-Thrillers einstufen, denn Hardcore kann der Roman kaum bieten. Fans der endlosen Gewaltorgie eines Richard Laymon werden bitter enttäuscht werden, Leser des eindringlichen Thrillers, werden auf ihre Kosten kommen.

3 von 5 Punkten

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