Mittwoch, 12. Dezember 2012

Rezension: Kristallwelt (J.G. Ballard)

Edition Phantasia
Klappenbroschur, 160 Seiten
ISBN 978-3-937897-06-6
12,90 €


Ein kurzer Einblick

Eine geheimnisvolle Krankheit verseucht den Dschungel eines entlegenen afrikanischen Küstenstaats, ruft Veränderungen der Zellstruktur hervor und lässt aus dem tropischen Regenwald eine phantastisch entrückte Welt entstehen, in der die Zeit sich verlangsamt und alles Leben kristallisiert und zu funkelnden Edelsteinformationen erstarrt. Während die Menschen fliehen, übt der glitzernde Dschungel einen unwiderstehlichen Zauber auf Dr. Sanders und seine Begleiter aus, die schließlich in das Zentrum des verbotenen Gebiets vordringen.

Bewertung

Zur Zeit der Kolonialisierung Afrikas, möchte der Lepra-Arzt Dr. Sanders Freunde in Mont Royal besuchen. Als er mit dem Schiff in Port Matarre ankommt, sind alle Buslinien, die Schifffahrtsstrecken und der Zugverkehr eingestellt. Das Militär hat die Straße nach Mont Royal gesperrt. Wie Dr. Sanders schon bald erfährt, breitet sich zwischen Port Matarre und Mont Royal ein Kristallwald aus, der sich zunehmend ausdehnt und organische und anorganische Masse verschlingt. Die Bevölkerung flieht vor dem Phänomen, denn nichts kann ihm Einhalt gebieten. Unglückliche Umstände führen Dr. Sanders schließlich in den Kristallwald und die surrealste Reise in seinem Leben kann beginnen.
Langsam baut J.G. Ballard eine von Drogen inspirierte – zumindest ist dies eine hervorragende Vorstellung zur bildlichen Umsetzung des Gelesenen – Atmosphäre auf, deren Faszination man sich schwerlich entziehen kann. Doch nicht nur die Faszination beherrscht die Menschen, auch das Grauen. Während die einen vor der biologischen Seuche fliehen, geben andere sich ihr freiwillig hin und werden Teil der monströsen kristallinen Welt.
Ballards faszinierend schillernde Bilder lösen auch beim Leser eine unfreiwillige Akzeptanz von normal-ist-das-nicht-aber-dennoch-heimelig aus. Mit den Beschreibungen, die eindeutigen Stärken des Romans, der Kristallwelt lassen sich die schönsten Märchen assoziieren, die verrücktesten Abenteuer und zugleich rieselt ein ungemein grusliger Schauer über den Rücken. Doch so sehr die farbenfrohe Welt fasziniert, so banal ist das Abenteuer des Dr. Sanders vor surrealistischer Kulisse. Das Abenteuer kann durch die ziellose Handlungsführung wenig Interesse wecken. Im Grunde ist die Handlung mit der Ausgangssituation identisch. Traurig, denn allein die Bilder können diesen Roman nicht tragen. Ballard versinkt fast gänzlich in der Schönheit seiner Kristallwelt und vergisst darüber hinaus, die Handlung straff zu halten, überhaupt eine Entwicklung der Handlung zuzulassen. Nicht nur die Zeit, womit wir beim Thema des Romans wären, bleibt stehen, sondern jedwede Entwicklung; von der Handlung, bis zu den Figuren. Alles stagniert – und kristallisiert.
Doch wenn ich schon wenig zur Handlung sagen kann (ohne auch die letzten Ereignisse mit kauzig schießwütigen Gestalten zu erzählen), so will ich doch noch zumindest auf das Thema eingehen, auf das Ballard sehr viel mehr das Augenmerk gelegt hat: Die Transformation der Zeit. Denn diese ist es, die sich verlangsamt und in Kristallen erstarrt. Für Vater Balthus ist die, nennen wir es, Vereinigung von Raum und Zeit, die Inkarnation des Schöpfers. Für die Eingeborenen ist es die Flucht in einen alternativen und angenehmeren Tod, denn wenig konnte für sie getan werden. Sie litten an Lepra.

Fazit

Ausdruckslose Figuren, eine banale Handlung und eine ziellose Handlungsführung erdrücken die hervorragenden Bilder gnadenlos, sodass letztendlich ein faszinierender Roman zurückbleibt, der gespaltene Gefühle weckt. Denn wirklich schlecht ist „Kristallwelt“ nicht. Als gut, kann der Roman aber auch nicht gewertet werden. Ballards „Kristallwelt“ entzieht sich einer klaren Meinung und muss einfach getestet werden. Aufgrund der doch eher geringen Seitenzahl, ist ein möglicher Fehlgriff dann auch zu verschmerzen.

2 von 5 Punkten

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