Sonntag, 16. Dezember 2012

Rezension: Kein Land für alte Männer (Cormac McCarthy)

Rowohlt
Taschenbuch, 288 Seiten
ISBN 978-3-499-24288-5
8,99 €


Ein kurzer Einblick

Bei einem morgendlichen Ausflug in die texanische Wüste findet Hobbyjäger Llewellyn Moss eine gespenstische Szenerie vor: mehrere Leichen, eine Pick-up-Ladefläche voller Heroin und am Ende einer Blutspur einen Koffer mit 2,4 Millionen Dollar. Er behält das Geld – sein erster Fehler. Der zweite: In der Nacht kehrt er zum Tatort zurück, um seine Spuren zu verwischen. So gerät er ins Visier des eiskalten Killers Chigurh. Und genau wie der alte Sheriff Bell ist Moss dieser Form von Grauen und Gewalt nicht gewachsen ... 

Bewertung

Cormac McCarthy zelebriert die Zerstörung des Glaubens an eine heile Welt. Während der Schreibstil mit keinem Wort zu viel und staubtrockenen Dialogen eine überbordende Spannung erzeugt, verursacht die Erzählung mit einer inneren Distanziertheit, unterstützt von einer sprachlich präzise eingesetzten Kälte und Emotionslosigkeit, eine Hoffnung an das Gute, die im Sande zerrinnt. Die Bildgewalt McCarthys zeichnet eine verstörende Welt aus Verfolgern und Verfolgten, aus Hoffnungsträgern und Bösewichten. Das Gute hat in des Autors Realitätszeichnung einen schweren Standpunkt, ringt um ein gutes Ende - und muss einsehen, dass jegliche Hoffnung die beste Einbildung ist?
Llewellyn Moss, einstiger Vietnamveteran, entdeckt in einem zusammengeschossenen Autokonvoi einen Koffer mit 2,4 Millionen Dollar. Das er schmutziges Geld in seine eigene Tasche steckt, ist ihm bewusst. Sich und seiner Freundin Carla Jean möchte er eine glückliche Zukunft ermöglichen. Kurz darauf muss er nach Mexiko fliehen, zur starrköpfig das Geld aufzugeben. Der verzweifelte Versuch den Gangstern und dem Psychopathen Anton Chigurh, einem Auftragsprofikiller, zu entkommen, lässt seine Situation immer hoffnungsloser erscheinen. Chigurh ist gewissenlos, eiskalt und moralisch nicht mit allgemeinen Werten vereinbar. Seine Opfer erledigt er vornehmlich mit einem Bolzenschlussgerät.
Allein Sheriff Bell versucht Moss und seiner Freundin zu helfen, aus der unglücklichen Lage zu entfliehen. Bell ist ein Weltkriegsveteran, der seine Auszeichnung für Mut und Tapferkeit seiner Feigheit zu verdanken hat. Dieser Ungerechtigkeit will er Herr werden, das Böse und Schlechte in der Welt bekämpfen. Doch der Gewalt, die die Drogendealer und Chigurh in seinen Bezirk bringen, steht er fassungslos und hilflos gegenüber. In kurzen Zwischendialogen ergründet er, wie es passieren konnte, dass das Land in Blut und Mord versinkt. Zwar überblickt Bell die Zusammenhänge, hinkt den Ereignissen jedoch hinterher.
Cormac McCarthy verarbeitet Motive des Westerns, legt den zentralen Themenaspekt aber auf die Zerstörung einer friedlichen Welt, die in Gräueltat und Hoffnungslosigkeit absäuft. Erklärungen von Verbrechen und verachtenswürdiger Morde sind schlicht überflüssig und würden auch in Kongruenz zum Stil stehen, der keinerlei Handlungsspielraum und Abschweifungen zulässt. Denkanstöße in Minimalistik genügen. Was ist gut, was ist Böse? Eine Wertung nimmt der Roman nicht vor, die Moral des Lesers entscheidet.

Fazit

Gnadenlos und auf den Punkt gebracht, nimmt Cormac McCarthy eine Welt auseinander und taucht sie in ein Bad aus Blut und Gewalt. Moralvorstellungen werden dem Leser überlassen, Hoffnung auf das Gute im Menschen werden erdrückt und die Luft zu atmen genommen. »Kein Land für alte Männer« ist kein unterhaltender Western-Thriller, sondern ein philosophisches Meisterwerk, das selbst keine Antworten gibt.

5 von 5 Punkten

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