Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Kaltgeschminkt (Rona Walter)

Luzifer Verlag
ebook, 3,99 €
ISBN 978-3-943408-05-8

Luzifer Verlag
Taschenbuch, 240 Seiten
ISBN 978-3-943408-04-1
14,50 €


Ein kurzer Einblick

In Hamburg versucht der Bestatter James Beastly erfolglos eine Leiche zu präparieren – doch die ist am nächsten Morgen jedes Mal in unverändert grausam zugerichtetem Zustand. In Schottland lässt sein Kollege Harris McLiod keine skurrile Möglichkeit zum – letztendlich erfolglosem – Selbstmord aus. Als Harris sich des Toten in Hamburg annehmen soll, erhält er unerwünschte Einblicke in die wahre Arbeit von James. Unfreiwillig kommt er den morbiden Geheimnissen seines Kollegen auf die Schliche. Längst haben »Die Drei« eine Wette um James´ Seele abgeschlossen – und Harris soll sein Nachfolger werden. Doch was die Todesherrscher mit ihren Angestellten vorhaben, ist unwahrscheinlich grausamer, als man sich in seinen dunkelsten Philosophiestunden ausmalen kann. Und dann ist da noch Blutfee Rachelle …

Bewertung

Harris McLiod ist Bestatter. Sein Charakter ist - nun, um es sachlich zu nennen: ungewöhnlich. McLiod ist ein sympathischer Unsympath zum Liebgewinnen. Er erinnert an James Stark aus »Sandman Slim 1. Höllendämmerung« ohne einen derart eckigen und zynischen Charakter zu haben, der alles und jeden gnadenlos aus dem Weg räumt. Harris McLiods leicht dickliche Statur (sein Bauch ist ihm ein Ärgernis), schüchterne und sonderliche Art trägt zu einer charmant-menschlichen Art bei. Seine direkte und ungehobelte Art hingegen, die diagonal zur Gesellschatfsnorm steht, eckt an einer uns genehmen Charakterart schonungslos an. Dies bekommen wir nicht nur kräftig zu spüren, sondern sagt uns Harris McLiod auch frei heraus ins Gesicht. Die Welt ist ihm zuwider, die Menschen können sein Interesse nicht im Geringsten wecken. Jeglicher gesellschaftliche Kontakt ist ihm schauderhaft, sodass ihm die Arbeit als Leichenpräparator wie auf den Leib geschneidert ist. Morbid und lebensverneinend sind jene Eigenschaften, die ihn am besten beschreiben.
Als Auszubildender führte Harris McLiod bei seinem Lehrmeister ein unwürdiges Leben, gönnte ihm dieser doch nur eine winzige Unterkunft und karge Kost und Logis. Es gelingt McLiod schließlich, aus der misslichen Lage zu entkommen. Wie er seinem alten Leben entkommt, sei an dieser Stelle verschwiegen. Schlüsselszenen des Romans sollen aus Spoilergründen ungenannt bleiben. Schlussendlich baut Harris McLiod ein eigenes Unternehmen auf. Eines Tages besucht ihn James Beastly, der den gleichen Lehrmeister besaß. Dieser bietet ihm einen Job in Hamburg an, wo Harris die schöne Rachelle, die sich als Blutfee entpuppt, als Geliebte gewinnt. Die Spiele mögen beginnen. Die »Drei« Todesherrscher zocken um Harris und James‘ Seele. Wer von ihnen wird ins Jenseits abtreten müssen?
»Denn was ist schon ein Menschenleben? Ein Augenaufschlag der launigen Natur, mehr nicht.« (Walter, Rona: Kaltgeschminkt.)
Rona Walter besitzt einen frischen und angenehmen Stil. Auf elegant unkomplizierte Weise zeichnet sie Schauplätze, die vor den Augen des Lesers emporwachsen und an Lebendigkeit gewinnen. Sterilität im Kulissenbau ist schlicht und ergreifend nicht vorhanden. Mit unverwechselbaren Charakteren und einer wunderbaren Szenerie - einerlei ob es sich um schottische Highlands oder Hamburg handelt - vereinnahmt Rona Walter den Leser. Es ist ein wahrer makabrer Spaß in ihre Geschichte einzutauchen, die Abseits von Langeweile und Austauschbarkeit angesiedelt ist. Düster, makaber und mit einer gesalzenen Prise Humor kann man über fehlendes Lesevergnügen nicht klagen. Die etwas altertümliche Schreibweise und die anfängliche Victorianische Kulisse, die sich später mit einem Schuss Gothic vermischt, siedelt sich in der unsrigen modernen Zeit an. Diese Mischung verleiht dem Roman zusätzlich ein wunderbares Flair, das die Düsternis vergangener Zeiten besitzt, aber die Modernität der heutigen Zeit.
Die Zeichnung von Szenerien und Figuren ist gelungen. Außerdem verfällt die Autorin nicht in endlose Monologe der Leichenpräparation, wie sie in Dan Wells »Serienkiller«-Trilogie anzutreffen sind. Etwas ausführlichere Beschreibungen hier und da hätten nicht geschadet, ist das Vorbereiten von Verstorbenen doch Harris McLiods Lebensunterhalt. Die eigentliche Kritik ist dem Romanaufbau anzukreiden. Der rote Faden ist zwar klar erkennbar, die Thematik rückt niemals ins Abseits, doch war der Faden so manches Mal nicht mühelos zu verfolgen. Mehr Geradlinigkeit und ein stringenterer Handlungsfaden hätten »Kaltgeschminkt« sehr gut getan. Exkurse zur Vertiefung von Figuren sollen und dürfen natürlich erlaubt sein, doch ist das tatsächliche Handlungsziel dadurch mitunter etwas zu weit in den Hintergrund getreten. Zugutezuhalten ist aber, dass Rona Walter stets zügig bei größeren Abschweifungen zum roten Faden zurückkehrt.

Fazit

»Kaltgeschminkt« ist ein Debüt, das sich mitnichten zu verstecken braucht. Das Autorenhandwerk sitzt, muss lediglich an der Handlungsstringenz ausgebaut bzw. verbessert werden. Die ungewöhnliche Thematik mit Figurenskurrilität und schrägem Humor jedoch trägt zu einem Leseerlebnis der feinen Art bei. Wer auf der Suche nach einem Roman abseits des Bekannten und Gewöhnlichen ist, sei dazu aufgefordert, hier zuzugreifen.

3 von 5 Punkten

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