Mittwoch, 12. Dezember 2012

Rezension: Im Schatten des Jaguars (Angélica Gorodischer)

Golkonda
Klappenbroschur, 183 Seiten
ISBN 978-3-942396-08-0
16,90 €


Ein kurzer Einblick

Im Schatten des Jaguars liefert eine Sammlung von Highlights aus dem Schaffen der Autorin: Erkundungen durch postapokalyptische Metropolen aus dem Frühwerk, eine Einsicht in die schnörkellos evasiven Parodien und in die im Caféhaus-Plauderton verfasste »Underdog«-Science Fiction aus den siebziger Jahren; dazu aus den achtziger Jahren Tropen-Komik sowie Sprengstoff aus postnationalen Republiken und alternative Eroberungsfahrten (oder sagen wir: »Die Welt ist ein Dorf«) aus den Neunzigern; weiterhin kabbalistische Mikrotexte und lyrische Rückblenden in die politischen Abgründe Argentiniens, aus dem neuen Jahrtausend. Alles in einem Band.

Bewertung

Angélica Gorodischer wurde 2011 (neben Peter S. Beagle) für ihr Lebenswerk mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. Sie ist eine der bedeutendsten Autorinnen Lateinamerikas. Auf Deutsch liegt bislang allein ihr Roman „Eine Vase aus Alabaster“ vor. Die Sammlung „Im Schatten des Jaguars“ – in dieser Zusammenstellung nur in Deutschland erhältlich – enthält elf Erzählungen, die zwischen den Jahren 1967 und 2005 entstanden sind, und wird mit einem ausführlichen Nachwort von Rike Bolte abgerundet.
Wer „Im Schatten des Jaguars“ gelesen hat, wird hinterher nicht behaupten können, dass die Erzählungen Gorodischers belanglos seien, dass sie weder beeindrucken könnten, noch eine der anderen tausend Kurzgeschichten ähnlich seien, die tagtäglich geschrieben werden. Mit jeder Zeile erhebt Angélica Gorodischer ihre Stimme. Sie hat etwas zu sagen, sie hat etwas zu berichten – und davon kann sich niemand befreien, der zur einer Geschichte Gorodischers greift.

Nicht leicht zugänglich („Die Embryonen des violetten“, „Der unverwechselbare Duft wilder Veilchen“), schräg humoristisch („Mangosaft“, „De te fabula narratur“, „Die Natur ist eine grausame Mutter“) und die Frau im Blick („Die Embryonen des violetten Lichts“): Das sind die Geschichten Gorodischers, in denen sie über kriegerische Völker („Verkündigung von königlich Reichen und hängenden toten Gewässern“), das perfekte Leben und den perfekten Moment („Die Embryonen des violetten Lichts“, „Mit geschlossenen Augen“), fremde Kulturen („Im Licht des keuschen Elektronenmondes“) und philosophische Gedanken („Die Embryonen des violetten Lichts“, „Schwarzer Kaviar“) auf herausragende Art zu erzählen weiß.
Keine ihrer Geschichten gleicht einer anderen. Kaum ein Thema wiederholt sich auf ähnliche Weise und kaum eine Geschichte besitzt ähnliche Ansätze zur Plotentwicklung. Der Plot, das Erzählmuster erscheint Gorodischer überhaupt etwas unzureichendes zu sein. Sie besitzt ihren ganz eigenen Stil , ihren ganz eigenen Storyverlauf. Gerade deswegen ist es nicht immer einfach dem roten Faden zu folgen, wenn Geschichten einen Verlauf nehmen, der ungewohnt ist, und Perspektiven sprunghaft wechseln …
Angélica Gorodischers Sammlung „Im Schatten des Jaguars“ ist schwer in Worte zu fassen. Jeder Ansatz kann nur unzulänglich sein, ist lediglich ein Versuch etwas in Worte zu fassen, dass nicht in Worte gefasst werden will. Nicht die Geschichte, so überaus exotisch manche Ideen auch sind, will im Mittelpunkt stehen, sondern die dahinter stehende Aussage, die Kritik an der Gesellschaft und dem Staat; oder schlechthin die Fragestellung.

Fazit

Unverwechselbar und herausragend sind zwei Wörter, die definitiv auf Angélica Gorodischers Geschichten zutreffen. Ihre Geschichten sind komisch, exotisch, unvergleichlich und regen zum intensiven Nachdenken an wie es selten eine Geschichte schafft. Durch die teils schwer zugängliche Art, ist „Im Schatten des Jaguars“ aber auch durchwachsen, andererseits wird zugleich das Verlangen nach weiteren Werken Gorodischers geweckt. Niemand kann sich dem Sog des Gedankenguts Gorodischers entziehen.
Unabhängig vom Werk muss die Qualität des Buches, sowohl die äußere als auch die innere Gestaltung, lobend erwähnt werden. Golkonda hat sich Mühe gegeben und ein wahre Prachtausgabe dieser durchaus anspruchsvollen Geschichtensammlung veröffentlicht.

4 von 5 Punkten

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