Sonntag, 9. Dezember 2012

Rezension: Im Jahre Ragnarök (Oliver Henkel)

Atlantis
Klappenbroschur, 216 Seiten
ISBN: 978-3-941258-05-1
12,90 €

Ein kurzer Einblick

Deutschland im Jahr 1962. Der unfähige Leutnant Tubber wird nach Deutschland strafversetzt und soll in Kassel einen Mord im Zusammenhang mit Kunstschmuggel aufklären. Doch dabei rutscht Tubber unversehens in eine Naziverschwörung, die Ragnarök, das Weltende, herbeiführen soll.

Bewertung

Amerika ist ein Polizeistaat. Australien kämpft um die Unabhängigkeit. Und in Deutschland hat der zweite Marshallplan dafür gesorgt, dass Deutschlands Wirtschaft vollkommen brach liegt. Amerika und Großbritannien haben sich das Land in Besatzungszonen aufgeteilt; Frankreich besitzt pro forma die Rheinische Republik, ohne sich jedoch groß darum zu kümmern.
Deutschland ist eine düstere Landschaft aus Verfall. Einstige Metropolen liegen restlos in Schutt und Asche. Hamburg, Kassel, Berlin – Unterschiede gibt es lediglich in der Landschaft der zerbombten Häuser. Fabriken und Hafenanlagen – alles wurde gesprengt. Die Bevölkerung vegetiert in Ruinen dahin. Nahrungsmangel setzt den Menschen zu. Nur draußen auf den Feldern und in den Gärten gelangen sie an kärgliche Lebensmittel. In den Städten selbst ist alles Staub, verfallen, geplündert – tot. Oliver Henkel hat ein verlottertes und zerstörtes Deutschland erschaffen und in eine sprachgewaltige bildliche Umsetzung gepresst, dass die bestens gelungene Atmosphäre gleich einer Sintflut über den Leser hinweg brandet.
Klischeehafte Charakteraspekte ertrinken in der Extravaganz der Figuren. So zitiert Dünnbrot weltliche Literatur aus dem Kopf heraus und Tubber verrennt sich allzu schnell in einmal gebildeten Meinungen; zudem ist er äußerst unsympathisch, wartet zugleich aber mit äußerst menschlichen Attributen auf (so will er unbedingt diesen Fall lösen, damit er seine Frau nicht verliert).
Henkel hat nicht nur eine mehr als überzeugende Alternativwelt abgeliefert, er spielt auch mit der Zeitreisethematik, die sich wunderbar in die Geschichte integriert. Dass sich derartiges immer sehr phantastisch liest – im Gegensatz zu vorliegender Welt –, daran ist nichts zu ändern, ist eine derartige Idee nun einmal immer sehr utopisch, und schmälert auch nur minimal das Lesevergnügen. Denn die dahinter liegende Idee ist wiederum sehr glaubwürdig, verkörpert sie doch auf radikale Weise einen Genozid, der perfekter nicht ins Weltbild der Nazis passen könnte.
„Im Jahre Ragnarök“ ist ein spannungsgeladenes Abenteuer. Daran ist nicht zu rütteln. Alle schon erwähnten Faktoren ergeben ein Ganzes, das einfach nur beeindrucken kann. Atmosphäre und Weltideen liefern ein grandioses Setting ab. Lediglich gegen Ende schwächelt der Roman: Henkel setzt mehr und mehr auf Action, weniger auf die wirklichen Stärken des Romans – die jedoch noch längst nicht vergessen sind!

Fazit

Oliver Henkel ist ein großartiger Alternativweltroman gelungen, bei dem lediglich das Ende etwas Kritik verkraften muss. Ansonsten ist dieser Roman eine absolute Top-Empfehlung für Krimi-, Verschwörungs- und SF-Leser.

4,5 von 5 Punkten

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