Sonntag, 2. Dezember 2012

Rezension: Ich bring mich um die Ecke (Erlend Loe)

KiWi
Taschenbuch, 192 Seiten
ISBN-13: 978-3-462-04017-3
9,95 €

Ein kurzer Einblick

Julie, 18 Jahre alt, Tochter aus bestem Osloer Hause, der Pool wird gerade neu gefliest, in der Garage steht der BMW neben dem Jaguar, ist plötzlich auf sich allein gestellt: Vater, Mutter und Bruder sind bei einem Flugzeugabsturz über Afrika ums Leben gekommen. Als ein halbes Jahr nach dem Unfall Silvester vor der Tür steht, hat sie nur einen Vorsatz für das neue Jahr: selbst zu sterben.

Bewertung

Julies Eltern sind bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen. Julie kann mit dem herben Verlust nicht umgehen und beschließt kurzerhand sich das Leben zu nehmen. Doch einfach vor das nächste Auto springen – ihren Mitmenschen möchte sie das nicht zumuten –, sich von der nächsten Brücke in die Tiefe stürzen … nein, das ist doch viel zu lapidar. Ihr Tod muss nicht unbedingt spektakulär sein, aber er darf auch nicht zu einfach sein. Was also tun? Kreativität muss her! Sich beim Schultheater erhängen? Sich die Vogelgrippe holen und daran sterben? Ihren Eltern nachfolgen und mit einem Flugzeug abstürzen?
Verzweifelt und immer auf der Suche nach einem angemessenen Tod, reist Julie rastlos von einem Ort zum nächsten. Nirgends hält sie sich lange auf. Die Wahrheit zu akzeptieren, der Tod ihrer Eltern, will ihr einfach nicht gelingen. Alleine steht sie in der großen weiten Welt da. Sie hat niemanden, der ihr nahe steht. Ihre Verwandten drängen sich ihr auf, doch von ihnen kapselt Julie sich bewusst ab. Trauerbewältigung und Mitleidsbekundungen – darauf kann sie verzichten. Julie ist auf der Flucht vor sich selbst – oder auf einer Art Selbstfindung? Vielleicht etwas von Beidem. Sie muss ihr Leben zunächst ordnen, herausfinden, was sie überhaupt möchte. Sie genießt ihr Leben in vollen Zügen, bis sie es an einem Ort nicht mehr aushält und weiterreist.
Flapsig, locker und in einem jugendlichen Stil erzählt, ist „Ich bring mich um die Ecke“ sicherlich keine großartige Lektüre, aber eine leichte Lektüre, die unterhält und zum sinnieren über das eigene Leben und eigene Ziele anregt. Der Tagebuchstil trägt sein Übriges dazu bei, das Geschehen nur als die wirren Gedanken eines pubertierenden Mädchens wahrzunehmen, das noch ihren Platz in der Welt finden muss.
Die Art des Romans, der Sprachstil und die Figur Julies harmonieren sehr gut miteinander, dennoch wankt der Roman gerade an seiner grundsätzlichen Art. Der abgehackte Stil eines Tagebuchs zerstört systematisch die Spannung. Natürlich will man wissen, wie es mit Julie in der und der Situation weitergeht. Doch zehn Seiten weiter hat Julie den Ort verlassen und das Thema ist erledigt. Ob jenes und dieses nun passiert ist, ist relativ unwichtig, denn wichtig ist eigentlich nur, dass etwa passiert ist. Aber was genau? Nun ja … Ob sie nun versucht die Vogelgrippe zu bekommen oder sich in eine Schlägerei verwickelt, hat für die weitere Handlung keine Konsequenz; Ereignisse können (größtenteils) beliebig ausgetauscht werden. Der Weg wäre einer von unzähligen. Das Ziel bliebe jedoch das gleiche.

Fazit

„Ich bring mich um die Ecke“ ist kein ernster Roman, kein ich-will-dem-Leser-Lebensphilosophie-beibringen-Roman, sondern angenehme Unterhaltung, die grundsätzliche Fragen des Lebens unterjubeln möchte. Leider krankt der Roman an seiner beliebigen Handlung, denn kein Ereignis ist wirklich für das Ende vonnöten gewesen. Zumindest keines, das seinen Sinneswandel in Hinsicht auf Julies Todeswunsch geändert hätte.

2,5 von 5 Punkten

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