Sonntag, 16. Dezember 2012

Rezension: Headhunter (Jo Nesbø)

Ullstein
Taschenbuch, 320 Seiten
ISBN: 9783548280455
14,95 €

Ein kurzer Einblick

Roger Brown genießt als Headhunter in Wirtschaftskreisen einen exzellenten Ruf. Was niemand weiß: Er raubt seine Klienten aus, bringt sie um ihre Kunstwerke. 

Auf einer Vernissage lernt Brown den Holländer Clas Greve kennen. Greve scheint ihm die perfekte Besetzung als Geschäftsführer eines GPSUnternehmens. Die Männer kommen ins Geschäft, und so erfährt Brown, dass Greve einen lange verloren geglaubten Rubens besitzt. Am nächsten Tag stiehlt Brown das wertvolle Gemälde. Doch Greve erweist sich als hartnäckiger Gegner. Eine gnadenlose Verfolgungsjagd beginnt.

Bewertung

Jo Nesbøs Harry Hole-Romane sind Bestseller, Krimis der Extraklasse. Nun stellt Nesbø Roger Brown vor: Headhunter und Kunstdieb. Jo Nesbøs Wechsel vom Krimi in den Thriller, steht dem Autor gut zu Gesicht; seine typisch detailreich ausgearbeiteten Figuren, die fast einer Charakterstudie im Deutschunterricht gleichen, hat er gleich mitgebracht – sie sind ja auch eine seiner größten Stärken. Als Spezialist für die Figurencharakteristika nutzt er diese Eigenschaft gleich aus, denn Roger Brown muss in seinem Job ein sehr gutes Analysegespür für Menschen haben. Und das hat er, denn nicht umsonst ist er der beste Headhunter in ganz Oslo.
Doch schauen wir uns Roger Brown einmal etwas genauer an: erfolgreich, berechnend und auf eine befremdlich Art sehr menschlich. Roger Brown ist in seinem Job gefangen, er ist ein Analyst, der das Optimale aus seinem Leben herausholen möchte. Er plant sein Leben und nimmt dafür auch in Kauf, dass der Babywunsch seiner Gattin Diana hinten anstehen muss. Er spielt mit den menschlichen Wünschen und setzt sie nach Bedürfnis und Erfolgsaussicht zusammen. Ein Familienmensch ist Roger Brown nicht; er ist ein knallharter Geschäftsmann, der zuerst an die Finanzen und dann an ein Familienleben denkt.
Roger Browns Charakter spiegelt den ausgeklügelten Romanplot wieder, der niemals vorhersehbar ist oder künstlich wirkt. Vielmehr steuert er den Leser in eine Richtung (und Roger Brown gleich mit), dass die Pointe gar nicht fehl schlagen kann! Clas Greve, dem Roger Brown ein wertvolles Kunstgemälde gestohlen hat, spielt nämlich ein falsches Spiel und ist ein genauso guter Analyst wie Roger Brown. Und so entspinnt sich zwischen ihnen eine rasante Verfolgungsjagd, die in der Tradition aktueller Thriller mithalten kann. Der Ekelfaktor, Roger Brown muss sich im Sammelbehälter eines Plumpsklos verstecken, und Brutalität werden ganz offen und alles andere als diskret beschrieben. Nutzen viele Autoren diese beiden Faktoren jedoch aus, um eine künstliche Gänsehaut zu erzeugen, gelingt es Jo Nesbø diese nur als Mittel zum Zweck zu nutzen und die Spannung vornehmlich aus der Handlung entstehen zu lassen.

Sämtliche Einnahmen des Romans spendet Jo Nesbø übrigens einer Stiftung, die Analphabetismus bei Kindern bekämpft.

Fazit

Jo Nesbø kann nicht anders: „Headhunter“ ist ein hervorragender Thriller, dem es an Figurennähe, Überraschungen und Handlungstiefe nicht mangelt. Sind die Harry Hole-Romane den Kauf wert, ist es „Headhunter“ erst recht. Jo Nesbø-Leser werden auf ihre Kosten kommen, wer jedoch einen zweiten Harry Hole erwartet, sollte die Finger von diesem Roman lassen.

4 von 5 Punkten

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