Mittwoch, 12. Dezember 2012

Rezension: Handbuch für Zeitreisende (Charles Yu)

Rowohlt Polaris
Klappenbroschur, 272 Seiten
ISBN 978-3-86252-022-0
13,95 €


Ein kurzer Einblick

Charles Yu ist Reparateur für Zeitmaschinen im Kleinuniversum 31. Stets an seiner Seite: Tammy, ein weibliches Betriebssystem mit Minderwertigkeitskomplexen, und sein Hund Ed, der ontologisch exisßtiert, aber nicht real ist. Dass die Zeitreisenden stets nur den schlimmsten Moment in ihrem Leben ansteuern, wundert Yu schon lange nicht mehr. Er greift bloß dann ein, wenn jemand versucht, die Vergangenheit zu verändern – obwohl er das manchmal am liebsten selbst täte. Denn Yu würde alles dafür geben, seinen Vater wiederzusehen. Eines Tages stößt er auf etwas, das ihm dabei helfen könnte: ein «Handbuch für Zeitreisende», das er selbst in der Zukunft geschrieben hat.

Bewertung

Ich bin eine Zeitmaschine. Du bist eine Zeitmaschine. Wir alle und alles ist eine Zeitmaschine, da wir uns stetig durch die Zeit bewegen. Schlussfolgerung: Eine Zeitmaschine ist kein technisches Konstrukt mathematischer Formeln und einem maschinellen Etwas, das mit Zahnrädern und Festplatten funktionstüchtig ist, sondern ein Bewusstseinszustand des Menschen. Wir Menschen besitzen die Subroutine in unserem Gehirn, die uns sagt, dass wir uns vorwärts durch die Zeit bewegen. Wir haben schlicht und ergreifend verlernt unseren Bewusstseinszustand zu verändern, der uns erlaubt, in der Zeit stehen zu bleiben oder in die Vergangenheit zu reisen.
In der Welt des Charles Yu – nicht der Welt des Autors, sondern der des Protagonisten – ist Zeitreisen längst die scheinbare Problemlösung für ein verkorkstes Leben geworden. Die Menschen wollen ihre größten Ängste, ihre schlimmsten Erlebnisse noch einmal Erleben und das Unveränderliche ändern. Charles Yus Aufgabe ist es dies zu verhindern, denn die Paradoxa der veränderten Unveränderlichkeiten würden Risse im Science Fiction Universum entstehen lassen. Das Problem der Menschen ist einfach genannt: Wir leben vorwärts, schauen aber beständig in die Vergangenheit zurück: Auch Charles Yu, der mit seinem ontologisch existierenden Hund Ed, der aus einer TV-Serie geretconned ist, und dem Bordcomputer TAMMY, die einen Minderwertigkeitskomplex hat, seit zehn Jahren im Rekreations-Zeitreisegerät TM-31 lebt, um so wenig wie möglich von der wahren Welt mitzubekommen.
Doch es muss kommen wie es kommen muss. Die Elektronik des Zeitreisegeräts versagt, Charles Yu muss in die wirkliche Welt zurück, wo er prompt sich selbst über den Weg läuft ...
Wenn Sie sich jemals aus einer Zeitreisemaschine steigen sehen, nehmen sie bloß die Beine in die Hand. Laufen Sie weg so schnell sie können. Bleiben Sie nicht stehen. Versuchen Sie nicht ein Gespräch anzufangen. Dabei kann nichts Gutes herauskommen. (S. 34)
… seinem eigenen Rat nicht folgt und sich selbst erschießt; nicht sich selbst, sondern sein zukünftiges Ich. Sein sterbendes Ich flüstert ihm noch etwas von einem „Handbuch für Zeitreisende“ zu, das er selbst in der Zukunft geschrieben hat. Er findet dieses in der Zeitmaschine. Während er es ließt, wird es geschrieben und während es geschrieben wird, wird es gelesen. Klingt paradox? Nun, es funktioniert! Hier nun beginnt das Aufarbeiten seiner eigenen Vergangenheit und die Suche nach seinem verschwundenen Vater, der einer der Pioniere des Zeitreisens ist. Was nämlich für die Menschheit gilt, gilt auch für Charles Yu: Das Leben ist weder in der Vergangenheit, in der Gegenwart noch in der Zukunft bedeutungsvoller als zu einem anderen Zeitpunkt. Es hält stets schmerzliche Situationen bereit.

Charles Yus Roman handelt über Zeitschleifen, Paradoxa und der Kausalität eines Science Fiction Universums, das völlig unmöglich, in sich aber schlüssig geschildert wird. Zumindest klingen die physikalisch-mathematischen Gesetze des Universum und des Zeitreisens logisch und korrekt. Formeln und Gleichungen, Gesetze und Voraussetzungen werden als gegeben dahingestellt, aber seltenst erklärt und ausgeführt, sodass all die technisch-kunstvollen Ausführen sinnentleert im Raum stehen. Was stilistisch bleibt, sind nervtötende Endloswiederholungen ein und derselben Aussagen in anderen Wörtern, anderen Phrasen und anderer Syntax, die sich teilweise über absatzlange Sätze nur von Kommata getrennt in die Länge ziehen.
Einerseits ist dieser stilistische Kunstgriff lesetechnisch auf Dauer gesehen eine Katastrophe, andererseits ein genialer Schachzug. „Das Handbuch für Zeitreisende“ ist – wir erinnern uns – das Buch, das geschrieben wird, während es gelesen wird, und das Buch, das gelesen wird, während es geschrieben wird. Im Prinzip liegt uns also die Fassung des gleichzeitig denkenden, lesenden und schreibenden Protagonisten Charles Yu vor. Aufgeschriebene Gedanken zeichnen sich nicht gerade durch eine ausgefeilte Satzstruktur aus, sodass die Endlossätze in gewisser Hinsicht mehr als legitim sind.
Inhaltstechnisch handelt der Roman über die Suche Charles Yus nach seinem Vater und der Suche der Menschheit nach einem besseren Leben oder kurz: Der Roman handelt über die Suche nach Hoffnung und Träumen. Die Schwäche der Menschen, das Unveränderliche zu ändern, wird glücklicherweise nicht vergessen. Das „Handbuch für Zeitreisende“ ist ein verdammt melodramatischer und trauriger Roman. Charles Yus Vergangenheit, die er aus einer zukünftigen Perspektive neu durchlebt, ist todtraurig und bietet wenig zum Lachen.
Viele werden das „Handbuch für Zeitreisende“ lieben, viele werden das „Handbuch für Zeitreisende“ hassen. Sucht euch das Schlusswort aus, das euch besser gefällt:

Fazit

Das „Handbuch für Zeitreisende“ ist ein nachdenklicher Roman, ein philosophischer Roman, aber auch ein trauriger, der aber ebenso mit viel Witz aufwarten kann; aber nicht jenem subtilen Witz eines Douglas Adams. Endlossätze und ewige Wiederholungen ein und desselben Themas ermüden jedoch, die Handlung scheint kaum vom Fleck zu kommen, sodass der Roman zwar seine herausragenden Höhepunkte verzeichnen darf, aber in Langatmigkeit und Langeweile versinkt.

2 von 5 Punkten


Das „Handbuch für Zeitreisende“ ist ein nachdenklicher Roman, ein philosophischer Roman, aber auch ein trauriger, der aber auch ebenso mit viel Witz aufwarten kann; aber nicht jenem subtilen Witz eines Douglas Adams. Die ausgefeilte Idee des Zeitreisens, das auf dem Bewusstseinszustand des Menschen beruht oder der stilistische Kunstgriff des paradoxerweise entstandenen Buches „Handbuch für Zeitreisende“, sowie die stets mitschwingende Lebensphilosophie, machen den Roman zu etwas Einzigartigem. Kleine Mängel jedoch können nicht gänzlich verhehlt werden.

4 von 5 Punkten

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