Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Graues Land (Michael Dissieux)

Luzifer Verlag
eBook, 3,99 €
ISBN 978-3-943408-02-7

Taschenbuch, 276 Seiten
ISBN 978-3-943408-03-4
14,95 €


Ein kurzer Einblick

Harvey und Sarah führen ein glückliches, ruhiges Leben in den Bergen. Als Sarah erkrankt, kümmert sich der alte Harv liebevoll um seine Ehefrau. Doch eines Tages hat sich etwas geändert – in der Welt da draußen. Es beginnt damit, dass die Fernsehsender kein Programm mehr ausstrahlen, dann fällt die Stromversorgung aus, auch das Telefon verstummt. Ein grauer Schleier umhüllt das Land. Eine trügerische Stille liegt über den Feldern, über dem Haus. Des Nachts glaubt Harvey, Kreaturen ums Haus schleichen zu hören. Und die kurze Begegnung mit einer jener Kreaturen im Garten bringt die schreckliche Gewissheit, keiner Einbildung erlegen zu sein.
Harvey beschließt, in Erfahrung zu bringen, was zum Teufel mit der Welt geschehen ist. Und so steigt er in seinen rostigen Van und fährt hinüber zu seinem alten Freund Murphy, der ein paar Meilen die Straße hinab ein kleines Lebensmittelgeschäft betreibt. Doch dieser scheint bereits dem Wahnsinn anheim gefallen zu sein ...

Bewertung
»Die Welt hat sich weitergedreht.« Stephen King
Michael Dissieux beruft sich auf die Horrorgrößen Stephen King und H.P. Lovecraft. Gerechtfertigt? Ungerechtfertigt? Diese Antwort sei jedem Leser bewusst selbst überlassen. Obiges Zitat fungiert als Leitmotiv für den Protagonisten Harvey, der die Kreaturen, die des Nachts um das Haus schleichen, Shoggothen tauft. Berechtigte Berufung auf zwei Altmeister des Horrors hin oder her, die Assoziationen und Erinnerungen an atmosphärische Dichte, unterschwelligen Grusel und das übernatürliche Grauen lässt ihre Wirkung nicht verfehlen. Der unheimlichen Stimmung, die Michael Dissieux meisterhaft aufbaut, kann man sich kaum entziehen. Triefend und schwer, düster und grausend erwachen die Gräuel unerbittlich zum Leben und legen sich gleich einer erstickenden Decke über Land und Leser.

Harvey, von Freunden und Familie Harv genannt, ist ein alter, gebrechlicher Mann, der weitab der Städte in einem kleinen Haus seine geliebte, bettlägerige Frau Sarah pflegt. Allein der Zeitungsjunge bringt jeden Tag die Zeitung vorbei - bis dieser eines Tages ausbleibt. Kurz darauf fällt der Strom aus und Stille senkt sich auf die umgebenden Hügel. Mit der Stille kommen die Shoggothen. Und mit den Shoggothen das Grauen. Hilflos muss Harvey den Untergang seiner kleinen Welt mit ansehen, ohne Antworten auf bohrende Fragen zu erhalten. Woher kommen diese Kreaturen? Schwappten die Terrorangriffe von Europa nach Amerika über, brachten die Kreaturen mit? Sicher ist sich Harvey nur in einem Punkt: Amerika wird von etwas sehr viel Gefährlicherem bedroht als Terrorismus. Fehlende Lebensmittel bewegen Harv dazu, seinen Nachbarn aufzusuchen, der einen Lebensmittelladen besitzt.
»Graues Land« lebt von den Erinnerungen, den Gedanken Harveys. Trotz allen Übels, versucht er die Hilflosigkeit in diesen schwierigen Zeiten zu meistern, sich um seine Frau zu kümmern und das Haus vor den Shoggothen zu verbarrikadieren. Die Hoffnung auf Überlebende hat er aufgegeben. So sinniert Harvey von einem Tag zum anderen über schönere Zeiten, gräbt Erinnerungsstücke jener Tage aus verstaubten Koffern aus und reicht seiner Frau Essen und Trinken. Harveys tägliche Routine und Beschäftigungssuche verbreitet eine ansteckende Melancholie aus, die dem Roman eine einzigartige Atmosphäre gibt. Die Atmosphäre ist überhaupt die Stärke des Romans. »Graues Land« strahlt eine (erzählerische) Ruhe aus, die den über den Hügel hängenden grauen Nebel greifbar und bedrückend gestaltet und selbst zu einem beängstigenden Monster werden lässt.
Glücklicherweise belässt Michael Dissieux es bei einer Konzentration auf wenige Figuren, wird so doch die Ruhe und Stille nicht genommen. Weniger Wissen um den Ursprung des Grauens, fördert das Grauen. Weniger direkter Horror, mehr huschende Schemen und beobachtende Augen lassen das Blut in den Adern gefrieren. Der nicht fassbare Horror vereinnahmt die Sinnesquellen Hören, Sehen, Fühlen ausnahmslos. So funktioniert unterschwelliger Horror abseits der beliebten Metzelorgien standardisierter Horrorromane. Eine Flucht Harveys zu nebensächlichen Dingen ist in der kleinen Welt zwischen den Hügeln nicht möglich, sodass die Story zwangweise stringent bleibt und mit ruhiger Stimme drängend erzählt wird.

»Graues Land« hat seinen eigenen Weg außerhalb ausgetretener Pfade gefunden. Wo sonst findet man einen gebrechlichen Mann im Kampf gegen das Überleben einer untergehenden Welt? Die Zivilisation Amerikas ist zusammengebrochen und dennoch unternimmt Harv alles, um seiner Frau einen schönen Lebensabend zu gestalten. Wo sonst findet man Figuren, die Daheim bleiben, statt der Hoffnung am fernen Horizont entgegen zu gehen? Der Plot selbst mag vielleicht nicht gänzlich überraschend sein, ist aber originell genug, um sich klar vom Einheitsbrei abzugrenzen.
Horror muss nicht immer die harten und härteren Gangarten anspielen. Irgendwann muss bezweifelt werden, das so mancher Roman noch dem Horror zuzurechnen ist. Wenn der Grusel, das Fürchten und die Angst aufhören den Leser zu vereinnahmen, und nur der Ekel regiert, bezweifele ich es einen literarisch wertvollen Roman in der Hand zu halten. Erfreulicherweise schlug »Graues Land« den entgegengesetzten Weg ein. Erst im weiteren Verlauf der Story gibt es überhaupt präzisere Beschreibungen - und selbst hier wird auf Details vermieden, wo es nur geht. Ein Horrorroman muss sich nicht auf den Horror fokussieren. Alter und Gebrechen, Liebe und Hoffnung können genauso - und manchmal viel besser; »Graues Land« beweist es - eine beängstigende Atmosphäre erzeugen. Die menschliche Psyche verleiht diesem Roman jedenfalls die würzende Schärfe!

Ein einwandfreier, selbstsicherer Schreibstil paart sich mit einem grauenhaften (Achtung Wortspiel!) Plot. Kaum ein Autor gibt sich dermaßen viel Zeit Atmosphäre und Geschichte aufzubauen wie Michael Dissieux. Die aufkeimende Action etwa ab der zweiten Hälfte des Romans lässt aber auch noch jedwede Hast vermissen, die die düstere Stimmung zerstören könnte. Gemächlichkeit und Zeit, Menschlichkeit und Grauen im Angesicht des Alters sind die zentralen Elemente des im Grau versinkenden Landes.

Fazit

»Graues Land« ist ein qualitativ hochwärtiger Horrorkaräter des feinen Grusels. Michael Disseuxs Debüt kann es mit den Größen des Genres aufnehmen und darf gerne, wenn es nach mir ginge, in die Liste der Klassiker aufgenommen werden. Der beklemmende Endzeitroman lässt vom ersten Satz auf den Nachfolger »Die Schreie der Toten« lechzen.

5 von 5 Punkten

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