Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Graues Land. Die Schreie der Toten (Michael Dissieux)

Luzifer Verlag
eBook, 4,99 €
ISBN 978-3-943408-30-0

Taschenbuch, 284 Seiten
ISBN 978-3-943408-08-9
12,95 €


Ein kurzer Einblick

Der dreizehnjährige Daryll hat zwei Wochen in einer postapokalyptischen Welt überlebt. Zusammen mit der kleinen Mary Jane machte er sich das Leben so angenehm wie es die Umstände zuließen. Als das Mädchen eines Tages von einer höllischen Kreatur angefallen wird und kurz darauf verschwindet, beschließt Daryll seine Heimatstadt zu verlassen.
Auf seiner Reise trifft er auf andere Überlebende, wie etwa Murphy, einen alten, kauzigen Mann, die zwölfjährige Demi und Wulf, einen Biker, den der Verlust seiner Familie zu zerreißen droht.
Sie alle merken schnell, dass sie die Gefahren, die diese tote, nahezu entvölkerte Welt für sie bereithält, nur gemeinsam bestehen können. Und so beschließen sie, eine Militärbasis an der Küste aufzusuchen, in der Hoffnung auf Hilfe und medizinische Versorgung.
Als sie nach einer gefährlichen und aufrüttelnden Reise die Basis erreichen, wird der Gruppe auf brutale Weise vor Augen geführt, dass die Welt sich weitergedreht hat.
Und dann ist da noch Meg, das Mädchen von der Straße, das die Schreie der Toten hören kann ...

Bewertung

Harv ist tot. Sympathieträger Harvey ist tot. »Die Schreie der Toten« darf als Fortsetzung des grandiosen Romans »Graues Land« verstanden werden, übernimmt aber lediglich einige der bekannten Charaktere und pflanzt sie in eine unabhängige Geschichte. Vorwissen ist von Vorteil, aber keine Bedingung.
Daryll, der Zeitungsjunge, der in »Graues Land« einen Kurzauftritt spendiert bekam, trägt u.a. mit dem griesgrämigen Murphy die Hauptrolle. Der Figurenaustausch ist ein probates Mittel, denn die statische Handlung in Bezug zur Ortswahl wird komplett renoviert. Wir erinnern uns: Harv pflegte seine Frau, verbarrikadierte sich und verließ sein Heim nach Möglichkeit nicht. Die Zeiten der Sicherheit sind jedoch vorbei, die Monstrositäten verwandeln sich mehr und mehr in reißerische Bestien, sodass ein risikoloserer Unterschlupf gefunden werden muss. Das Militärgelände in Stonington scheint eine gute Wahl zu sein.
Die Menschheit ist nahezu ausgerottet, nur wenige versuchen in den Trümmern der alten Welt zu überleben - immer mit dem Schrecken der Kreaturen im Nacken. Nahrungsmittel sind ein teures Gut, sichere Unterkünfte ein noch teureres Ziel einer hoffnungslosen Suche. Lebensrettende Besitztümer werden erbittert verteidigt, das Misstrauen Fremden gegenüber ist eine Notwendigkeit. Zwar gibt es in Michael Dissieuxs Roman keine marodierenden Banden - wie es in Endzeitszenarien oftmals üblich ist -, aber Zusammenhalt kann auch von freundlich gesinnten Menschen kaum verlangt werden. Jeder ist sich selbst der Nächste, allein Freunde und Familie stehen zusammen, bangen und hoffen auf eine bessere Zukunft.
Der Handlungsort tritt nicht mehr auf der Schwelle und nimmt damit viel der charakteristischen Ruhe, die den ersten Teil ausgezeichnet hat. Dies geschieht auch durch die Vielzahl der Charaktere. Dissieux hat mit diesen Entscheidungen die richtigen getroffen, denn eine Kopie von »Graues Land« wäre bitter gewesen. Der Autor tut gut daran, Änderungen einzuführen, aber sich nicht neu zu erfinden. Action und Rasanz sind nach wie vor nicht zu finden. Die Gemütsruhe durch Harv mag verschwunden sein, die Ruhe des Schreibstils aber ist geblieben. Daher ist die Lösung des Austauschs der Charaktere zu begrüßen. Zu Harv hätte die plötzliche Reisefreude nicht gepasst.

Der Charakteraufbau und das Verhältnis der Figuren zueinander sind für die Spannung, einen hervorragenden Roman und die Atmosphäre immens wichtig. Dabei ist nicht die Feindseligkeit bzw. das Misstrauen den Mitmenschen gegenüber gemeint, sondern die Kerntruppe aus Daryll, Murphy, Wulf und Demi. Entgegengesetzter könnten die Figuren kaum sein. Daryll ist zwar noch ein Kind, dennoch nimmt er in der Welt, die sich weitergedreht hat, schnell eine erwachsene Position ein, ohne seinen kindlichen Charakter zu verlieren. Er ist der Beschützer seiner Freundin und später von Demi. Zugleich kämpft er mit seinen eigenen Ängsten. Der griesgrämige Murphy kümmert sich aufopferungsvoll um die Enkeltochter Harveys, die verletzt ist und eigentlich ein Krankenhaus nötig hätte. Wulf wiederum ist der typische Familienvater, der die Vergangenheit hinter sich lässt und zum Anführer ihrer kleinen Gruppe wird. Immer wieder liegt er mit Murphy im Zwist, denn er ist derjenige, der die Bindung an seinen Heimatort aufgegeben hat, wohingegen Murphy mit der Vergangenheit sehr verbunden ist.
So sehr die Änderungen der Handlung und der Geschichte ihr Gutes tun, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass bekannte Versatzstücke her halten müssen. Rettung und Hoffnung liegen beliebterweise am Meer, in den Bergen oder - auf Militärbasen. Zugutezuhalten ist, dass Hoffnungsziele eingeschränkt sind, sodass diese unweigerlich immer wieder angetroffen werden. Michael Dissieux versucht diese Notwendigkeit, durch kleine Abänderungen in den Details des Bewährten abzumildern. Das nimmt zwar nicht viel der Vorhersehbarkeit, doch eben diese nutzt der Autor ebenfalls geschickt aus, um den Leser anfangs in Sicherheit zu wiegen, bevor eine überraschende Wendung die Spannung mit neuem Elan antreibt.
Ein Zitat des Romans sagt deutlich aus, welche Wirkung »Die Schreie der Toten« entfaltet:
Die Songs waren alle recht schlicht, und doch besaßen sie eine Magie, welche die Melodie unvergesslich im Kopf einbrannte. (Michael Dissieux: Graues Land.)
Fazit

Actionbetonter, aber dennoch ruhig, legt Michael Dissieux nach wie vor den Fokus auf Charaktere und Handlung und lässt die Monstrositäten hauptsächlich im Hintergrund agieren. Damit hat er schon in »Graues Land« alles richtig gemacht und den Lobgesang wahrlich verdient. Die Einzigartigkeit und die doch sehr ungewöhnlichen Strukturen im Vergleich mit ähnlich thematisch gelagerten Romanen, die den ersten Teil ausgemacht haben, müssen leider ein wenig den Versatzstücken weichen. Noch jedoch ist dies zu verschmerzen.

4 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen