Samstag, 8. Dezember 2012

Rezension: Gottes Werk und Teufels Beitrag (John Irving)

Diogenes Verlag
Taschenbuch, 833 Seiten
ISBN: 978-3-257-21837-4
13,90 €


Ein kurzer Einblick

Aufgewachsen im Saint-Cloud´s Waisenhaus, will Homer nicht weg. Nach vier gescheiterten Adoptionsversuchen erlaubt Dr. Larch ihm also zu bleiben, allerdings soll er sich dann auch nützlich machen. Daher hilft Homer von nun an Dr. Larch auf der Entbindungs- und Abtreibungsstadion von Saint-Cloud´s, bei „Gottes Werk“ und „Teufels Beitrag“. Doch als er dort zwei junge Leute kennen lernt, bemerkt er, dass Saint-Cloud´s nicht alles sein kann…

Bewertung

War man bereits von der Verfilmung von „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ begeistert, wird man dieses Buch lieben. Im Vergleich zum Film ist es noch viel komplexer und tiefgründiger und so viele verschiedene menschliche Beziehungen werden thematisiert, die den Inhalt eines Filmes sprengen würden. An erster Stelle steht da natürlich das Vater-Sohn-Verhältnis von Dr. Larch und Homer. Im Roman kann man von Homers frühster Kindheit an mit verfolgen, wie seine Bindung zu Dr. Larch wächst und auch dessen Liebe zu Homer immer größer wird. Die beiden scheinen unzertrennlich, so dass neben Dr. Larch auch Homer irgendwie zu Saint-Cloud´s zu gehören scheint. Je mehr Homer Teil von Saint-Cloud´s wird, desto sicherer ist man sich, dass nichts anderes denkbar ist und umso geschockter und trauriger ist man, als Homer es doch schafft sich von Saint-Cloud´s zu lösen. Zwar spiegelt dies auch eindrucksvoll Homers Freiheitsstreben wider, doch wird zugleich auch deutlich, dass für Homer ein bestimmtes Schicksal vorhergesehen ist und es für ihn alles andere als leicht ist sich von Saint-Cloud´s zu lösen. Die Briefe, die er sich während seiner Abwesenheit mit Dr. Larch schreibt, sind dabei zum Weinen traurig, da man mitfühlen kann, wie es sein muss, wenn Eltern ihre Kinder in die Welt ziehen lassen müssen, obwohl sie eigentlich meinen zu wissen, was gut für sie ist.
Über Homers Geschichte schwebt die ständige Bedrohung durch die Antiheldin Melony. Melony schlägt scheinbar genau den entgegengesetzten Weg zu Homer ein und scheint auch vom Charakter völlig entgegengesetzt zu sein, doch trotzdem kann man sich als Leser nicht wirklich durchringen sie als völlig unsympathisch abzustempeln. Auch, wenn Homer versucht sich von ihr zu lösen, ist sie doch irgendwie sein böser Schatten, der sich, als sie sich wirklich wiedertreffen, doch unerwartet verhält. Allerdings steht sie auch sinnbildlich für alle Frauen des Werks, die sich trotz vieler Widrigkeiten immer wieder durchsetzen.
Gegenpart zu Melony ist Homers Freundschaft zu Candy und Wally, die eigentlich die Freundschaft symbolisiert, die sich jeder gerne wünscht. Doch wird diese Freundschaft nicht nur durch die Liebe gefährdet, sondern auch durch reale Bedrohungen wie den Zweiten Weltkrieg. Aber egal was passiert, so wie Homer zu Saint-Cloud´s zu gehören scheint, scheint auch diese Freundschaft für immer bestehen zu sollen.
Neben diesen am ausführlichsten behandelten Beziehungsgeflechten tauchen im Roman aber auch allerhand andere Beziehungen auf, über die man lange grübeln kann. Da wären nicht nur die Geschwisterbeziehungen unter Waisenkindern und deren lebenslange Verbundenheit auf Grund des gemeinsamen Schicksals, sondern auch die Situation von jungen Müttern, das Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern, aus denen sich die Kinder nur schwer lösen können, die Geschichte der Rassentrennung und noch einiges mehr. Daneben steht natürlich die den gesamten Roman überspannende Frage nach dem Für und Wider von Abtreibungen und Adoptionen, mit dem man sich immer wieder auseinandersetzen muss.

5 von 5 Punkten

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