Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Ghost Writer (Andreas Gruber)

Shayol
Taschenbuch, 226 Seiten
ISBN 978-3-926126-96-2
15,90 €


Ein kurzer Einblick

Nach »Der fünfte Erzengel« erscheint der neue Band mit dunklen Erzählungen von Andreas Gruber bei Shayol. Ob es um eine besonders perfide Form des Organhandels, um parasitische Bücher, um die Schrecken der Kindheit im Zeitalter der Teletubbies oder um einen Maschinendichter geht – in Grubers Geschichten verbünden sich moderne und uralte Schrecken, um den Leser nächtelang mit leiser, böser Stimme wachzuhalten. Grubers erzählerisches Geschick hat sich inzwischen auch bei einem breiteren Publikum herumgesprochen – jüngst erschien sein Psychothriller Rachesommer bei Goldmann.

Bewertung

Andreas Gruber? Das ist doch der Herr mit den vielen Auszeichnungen der deutschsprachigen Phantastik-Szene: Mehrmals wurde er u.a. mit dem Kurd-Laßwitz-Preis (u.a. 2002 3. Platz für die Kurzgeschichte „Die letzte Fahrt der Enora-Time“ oder 2006 4. Platz für die Kurzgeschichte „Weiter oder Raus“), dem Deutschen Phantastik Preis (u.a. 2002 1. Platz für die Kurzgeschichtensammlung „Die letzte Fahrt der Enora Time“ oder 2006 1. Platz für den Roman „Der Judas-Schrein“) und dem Vincent Preis (u.a. 2008 1. Platz als bester Autor und 1. Platz für den Roman „Das Eulentor“) ausgezeichnet. Sein letzter Roman „Rachesommer“ erschien als Club Premiere 2010 im CLUB Bertelsmann.
Für die 2011 erschienene Storysammlung „Ghost Writer“ überarbeitete Andreas Gruber ausgewählte Geschichten, die nun erstmals in einem Band vorliegen. Allein die Story „Der Puppenmacher von Leipzig“ ist eine Erstveröffentlichung. „Ghost Writer“ gibt somit einen wunderbaren Überblick über das Schaffen des österreichischen Autors von 2001 bis 2008. Im Vorwort verrät Herr Gruber, dass er ein Faible für Vorworte hat. So ist es auch nicht verwunderlich, dass jeder Geschichte eine kleine Anekdote vorangeht.
Fantasy, Krimi, Horror – kaum ein Genre wird ausgelassen. Grubers Geschichten sind auf das Wesentliche konzentriert. Gruber verzichtet auf ein ausuferndes Drumherum und bringt die Handlung und die Pointen auf den Punkt. Hier wird kein erzählerisches Können vermisst, hier werden nur mehr Geschichten gefordert!

Mit der Satire „All-Inclusive-Tours“ steigen wir in das gruber'sche Geschichtenuniversum ein und erfahren, dass Herr Gruber sehr genau weiß, wo gewürzt werden muss und wann das Wasser im Kessel überkocht. In der Tat handelt die Geschichte von einem Touristen, der im Kochtopf von Kannibalen landet – All-Inclusive zu buchen muss nicht immer die bessere Alternative sein.
Die bitterböse Geschichte „Souvenirs vom Sensenmann“ handelt von der Sammelleidenschaft eines Anwalts, der Souvenirs von tödlichen Unfällen sammelt – und seine nervige Mutter schließlich dem Tod opfert. Das Souvenir behält er natürlich. Sammelwahn und Leidenschaft muss man dem Anwalt jedenfalls zugestehen.
Es gibt wenige Romane oder Geschichten aus der Du-Perspektive. Das Warum ist sonderlich einfach: Die Du-Perspektive ist verpönt und liest sich seltsam ungewohnt. Die wenigen Ausnahmen wie der Thriller Zoran Drvenkars „Sorry“ sind löbliche Beispiele, in denen der Kunstgriff erstaunlich gut funktioniert. In die gleiche Nische darf sich Grubers Geschichte „Bruderherz“ stellen, die zwar keine Originalität von Idee ist, aber die Du-Perspektive sinnvoll nutzt.
„www.spider.com“ war „vor mehr als zehn Jahren (...) auf dem neuesten Stand der Computertechnik“ (S. 55). Trotz der antiquierten Vorstellung, das Viren lebende, gar lebensbedrohliche Geschöpfe sind, liest sich die Story gerade deswegen aus heutiger Sicht besonders amüsant und witzig. Ein älterer Herr, von Technik hat er keine Ahnung, lädt sich nichts böses ahnend ein Programm mit Namen „Spider“ herunter. Am nächsten Tag krabbelt es in den Kabeln und in seinem PC … Heutzutage wahrhaft lachhaft, damals bestimmt eine skurrile Idee.
„Die Lebenden Bücher von Arkham“ siedelt sich im Lovecraft-Universum an und baut eine beklemmende Atmosphäre auf. Jeremias Kovalski soll in Arkham Bücher sichten, die es eigentlich nicht geben dürfte. Was er unter dem Keller der Druckerei vorfindet, geht seinem Verstand ab und verfolgt ihn noch jahrelang. Menschen gebären Bücher aus ihrem Leib …
Ebenso düster ist „Der Puppenmacher von Leipzig“, der Uhrwerke in die Leiber von Kindern einbaut und sie so künstlich am Leben erhält. In seinen Alpträumen wird er selbst zum Opfer und muss Jahre als Anschauungsobjekt in einem Schaukasten verbringen. Die Schizophrenie des Puppenmachers hebt die Story auf ein wahnhaftes Niveau an, das einem unter die Haut geht.
Auf einem ähnlichen Level ist die Story „Mesmeristische Experimente“ anzutreffen, die sich dreier geschichtlicher Personen bedient. Welche das sind, verrate ich an dieser Stelle natürlich nicht. Nur soviel sei verraten: Erschienen ist die Story erstmals in „Jenseits des Hauses Usher“ (2002, Blitz Verlag).
Zum Abschluss findet sich ein Höllenszenario, das sich auch als Verfilmung gut machen würde. „Zur Hölle mit Weihnachten“ ist eine Komödie der feinsten Art. Der Titel ist wörtlich zu nehmen, denn Luzifer möchte mit der Zeit gehen und hält in seinem feurigen Reich das Weihnachtsfest ab, das natürlich – wie anders kann es sein – in einem Fiasko endet. Höchst amüsant!
Diese und weitere Geschichten lassen sich in „Ghost Writer“ finden.

Fazit

Andreas Gruber ist neben Markus K. Korb, Michael Siefener, Tobias Bachmann oder Boris Koch, um nur ein paar zu nennen, einer der besten deutschsprachigen Phantastik-Autoren. Seine Kurzgeschichtensammlung ist nicht nur Beweis, sondern ein Muss für alle Kurzgeschichten-Liebhaber und Phantastik-Leser. Abwechslungsreicher, spannender und thematisch vielfältiger geht es kaum!

4 von 5 Punkten

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