Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Geisterstunden vor Halloween (Stefan Melneczuk)

Blitz
Hardcover, 352 Seiten
ISBN 978-3-89840-284-2
17,95 €


Ein kurzer Einblick

In Herbst- und Winternächten, so sagt man, wenn der Wind landeinwärts zieht, kann man die Todgeweihten auf dem Hungerberg hören. Fünfzig Männer, vierzig Frauen und fünfzehn Kinder, die keinen Frieden finden. Der Wind trägt ihre Gebete und Lieder hinab in die Stadt. Sie dringen durch Türen und Fenster, wie ein Fluss, der kein Ende nimmt und die Torffeuer von Geisterhand erstickt.

Stefan Melneczuk kam am 31. Oktober 1970 zur Welt, ist Redakteur bei einer großen Tageszeitung und schreibt seit mehr als zwanzig Jahren unheimliche Geschichten. Sein erster Roman MARTERPFAHL – SOMMER DER INDIANER sorgte im Herbst 2007 landesweit für Aufsehen und erlebte aus dem Stand heraus mehrere Auflagen.
Eine komplett überarbeitete Fassung mit zusätzlichen neuen Textpassagen ist bereits im BLITZ-Verlag erschienen.
Mit den GEISTERSTUNDEN VOR HALLOWEEN liegen nun 31 seiner dunkelsten Erzählungen vor.

Bewertung

Mit 31 unheimlich dunklen Kurzgeschichten ist für die kalten Oktobernächte vorgesorgt und ein Vorgeschmack und die Einstimmung auf Halloween garantiert. Thematisch bietet Stefan Melneczuk etwas für jeden Geschmack, ideentechnisch lässt Melneczuk ebenfalls nichts missen und stilistisch versteht der Autor sein Handwerk perfekt. Phantastische Kreaturen („Der Kongress“, „Wölfe“), wechseln sich mit SciFi („Invasion“, „Der Koffer“) ab, werden von Geistergeschichten abgelöst („Geisternacht“, „Die Kinder von Nonstrom“). Dazwischen verstecken sich Fantasy („Drachentod“), daneben stechen Endzeitszenarien hervor („Smaragd“, „Staub“) und Horrorgeschichten dürfen natürlich nicht fehlen („Schacht der Toten“, „Der lachende Mann“).
Jede Geschichte beweist, dass Stefan Melneczuk sein Handwerk versteht. Fast jede Geschichte beweist aber auch, dass Melneczuk dennoch an der Ausarbeitung seiner Geschichten arbeiten muss. So gut die Geschichten sind, so sehr man sich fürchtet, so sehr man in ein Szenario eintauchen kann, so wenig ausgereift sind die Geschichten, denn kaum eine bleibt trotz ihrer Idee, trotz ihrer hervorragenden Ausarbeitung lange im Gedächtnis haften. Der letzte Kick, die letzte Hürde zum ganz großen Erfolg wird nicht genommen. Das Warum ist schwer zu greifen, liegt aber eventuell in der Länge begründet. „Elain“ nämlich zeigt, dass Melneczuk auch Geschichten schreiben kann, über deren Inhalt noch am nächsten Tag referiert werden kann; ohne, dass man groß über eine Zusammenfassung nachdenken muss.

Für einen Überblick über die thematischen Inhalte, möchte ich nun einige Geschichten besonders hervorheben: „Geisternacht“ spielt zu Halloween. Damit er in der Nacht mit seinem großen Bruder und dessen Freunde um die Häuser ziehen darf, muss Frederic zwei Stunden auf dem dunklen Dachboden zubringen. Nur mit einem Kürbis, in dessen Innerem eine Kerze flackert. An die Legende der Würgegeister glaubt er nicht – bis die Kerze im Kürbis verlöscht. „Smaragd“ lässt binnen Tagen die Anzahl der Toten auf dem gesamten Globus in die Höhe schnellen. Verantwortlich ist ein Virus mit Frauengesicht im Internet, dessen Schönheit vor allem die Männer betört. „Staub“: Die Raumsonde Stardust bringt Staub aus den weiten des Alls mit sich. Und mit dem Staub bringt sie einen tödlichen Erreger mit, gegen den die Menschheit machtlos ist. „Der Tank“ birgt ein lang vergrabenes Geheimnis. In ihm gefangen sind die Seelen von Kindern, die nicht in den Himmel aufsteigen konnten. Seelische Qualen bereiten sie ihrem Peiniger, der jedoch genauso große Angst hat, den Tank noch einmal zu öffnen. „Hände“ ist die tragische Geschichte eines Liebespaares, deren Leben nach der Begegnung mit einer Seherin aus den Fugen gerät. Ihr Fortsetzung erfährt die Geschichte mit „Ednäh“.

Stilistisch zwar gut, konnten dennoch nicht alle Geschichten überzeugen. „Der Kongress“ endet tödlich für die Männer, deren Vorhaben eigentlich darin bestand, den Flug 9031 nach Rumänien zu kapern. Nicht gerechnet haben sie mit der ganz speziellen Besatzung. „Der See“: Dike rudert auf den See hinaus und wirft seine in Plastikfolie eingerollte Frau in das Wasser. Doch er wird niemals wieder das Ufer erreichen. Denn seine Frau ist unsterblich. „Der Turm“: Schon seid Jahren tickt die Standuhr nicht mehr. Als der Zweite Weltkrieg beginnt, zerspringt die alte Uhr in tausend Stücke. „Drachentod“: Carvan ist auf der Flucht vor Arveners Armee. Doch bevor er aus der Gegend flieht, muss er den Drachen töten, was ihm auch gelingt. Zwei Tage später trifft Arveners Armee ein und erblickt des Nachts ein fürchterliches Grauen.

Die Novelle „Elain“ ist das Herzstück dieser Kurzgeschichtensammlung und sticht alle anderen Geschichten aus, die aufgrund ihrer Kürze auf einem anderen (guten!) Niveau spielen. Henry Franklin geht zusammen mit Taylor Collins Hinweisen nach einem vergessenen Schriftstück von Edgar Allan Poes nach. Warnhinweisen trotzt Franklin und gemeinsam mit Collins öffnet er das Grab, indem sich der sensationelle Fund befinden soll. Was dann folgt, entbehrt jeglichem Ruhm, sondern ruft vielmehr alte Geister in die Welt der Lebenden …

Fazit

„Geistergeschichten vor Halloween“ ist eine hervorragende Kurzgeschichtensammlung, die eine bunte Mischung quer durch fast alle Genres bietet, ideenreich bezaubern kann und stilistisch ohne Probleme überzeugen kann. Einziges Manko ist das fehlende Vermögen im Langzeitgedächtnis haften zu bleiben. Doch das sollte nicht davon abhalten eine qualitativ hochwertige Sammlung an vielfältigen Geschichten zu lesen. Der Ausflug in die dunklen Gefilde der breiten Phantastik zeichnet dem Autor einen Weg in eine gute Zukunft.

3 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen