Sonntag, 2. Dezember 2012

Rezension: Für Eile fehlt mir die Zeit (Horst Evers)

Rowohlt Berlin
Hardcover, 224 Seiten
ISBN 978-3-87134-682-8
14,95 €


Ein kurzer Einblick

Andere nennen es Alltag. Horst Evers nennt es Schikane.

«Mir passieren auch schlimme Sachen. Zum Beispiel habe ich eine elektrische Saftpresse zum Geburtstag bekommen. Wenn man erst einmal so weit ist, dass die Menschen es einem nicht mehr zutrauen, das Obst roh, am Stück beißen zu können, sondern einem elektrische Saftpressen schenken, dann weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Mit dem Obst fängt es an, aber bald schon wird dir diese Maschine vermutlich auch das Mittag- und Abendessen pürieren. Das ist der Lauf der Welt. Mit Brei beginnen wir, mit Brei enden wir. Die Klammer des Lebens, letztlich ist sie das Püree. Aber am Ende sind wir natürlich froh, dass wir das Püree haben. Die Welt ist sonst schon hart genug.»

Bewertung

Gerd Winter ist in Evershorst bei Diepholz geboren. Den Ortsnamen hat er sich als Pseudonymidee zunutze gemacht und sich Horst Evers genannt. Heutzutage ist der Autor und Kabarettist Wahlberliner. Zuletzt wurde Horst Evers 2008 mit dem Deutschen Kleinkunstpreis in der Kategorie Kleinkunstausgezeichnet.
In seinem neuesten Werk „Für Eile fehlt mir die Zeit“ widmet sich der Kabarettist der effektiven Zeitausnutzung unter Berücksichtigung persönlicher Faulheiten und Eigenarten. Mit Ironie und sprühendem Wortwitz spitzt Evers Alltagssituationen …

Kennt ihr schon die Geschichte von den herrenlosen Blumenkübeln? „Vermutlich sind die Kübel von Außerirdischen. (…) Warum? (…) Möglichkeit 1: Es ist ein Test.“ Unser Umgang mit sinnlosem Müll, lässt die Außerirdischen errechnen, wann wir in der Lage sind „unsere Galaxie in respektabler Geschwindigkeit mit einem Raumschiff zu durchqueren und sogar zu verlassen.“ (S. 50)

… so sehr zu, dass die darin enthaltene Wahrheit entfremdet wird und zugleich glaubwürdiger denn je erscheint. Dabei greift er nicht nur auf den Alltag der Allgemeinheit zurück – das wäre ja viel zu allgemein –, sondern nimmt sehr gerne seine eigene Person aufs Korn. In schnoddrigem Tonfall, zumeist grammatikalisch haarsträubend den deutschen Satzbau missachtend, greift Evers in die Wundertüte Das Leben des Menschen. Seltenst spitzt er die Ironie so sehr zu, dass …

„Möglichkeit 2: Die Außerirdischen sind Idioten. (…), aber dann haben sie leider aus Versehen das Privatfernsehen oder so etwas erfunden und sind jetzt halt verblödet.“ Der Blumenkübel ist also Müll der Außerirdischen, den sie aus Spaß auf die Erde gebeamt haben. „Möglichkeit 3: Die schlimmste Variante.“ (S. 50 f.) Und die verrate ich besser nicht!

… der Witz zum Klamauk wird. Meist trifft er stattdessen den Punkt, der zwischen einer ironischen Wahrheitund dem Klamauk liegt. Gekonnt nimmt er immer wieder die Hürde des Balanceaktes und spickt diese mit scharfsinnigen Beobachtungen seiner Mitmenschen.
Und wem es peinlich sein sollte mit einem Buch von Horst Evers in Bahn oder Bus gesehen zu werden, darf getrost Evers Vorschlag befolgen: „Wie wichtig das richtige Buch in der Hand ist, weiß ich schon länger, jedenfalls seitdem ich mir einen Tolstoi-'Krieg und Frieden'-Schutzumschlag besorgt habe, um darin die Harry-Potter-Bände zu lesen.“ (S. 106)

Fazit

„Für Eile fehlt mir die Zeit“ ist eine explosive und ironische Mischung des Alltags von Horst Evers und seiner Mitmenschen. Direkt aus dem Leben gegriffen, zugespitzt und auf den Punkt gebracht, betrachtet Evers das Alltagsgeschehen aus einer ganz besonderen Warte, die nicht nur einmal die Lachmuskeln trainiert, sondern bei jedem Erinnern ein Lächeln des Wissens und Erinnerns auf die Lippen zaubert. Es ist unser Alltag, es ist euer Alltag, es ist Horst Evers Alltag und es ist mein Alltag, der die skurrilsten Formen annimmt.

4 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen