Sonntag, 2. Dezember 2012

Rezension: Flieg, Hitler, flieg! (Ned Beauman)

DuMont
Hardcover, 280 Seiten
ISBN-13: 978-3-8321-9541-0
19,95 €

Ein kurzer Einblick

England, 1934: Seth „Sinner“ Roach ist nicht der Größte, aber als Preisboxer schlägt er sich trotzdem mit hartem Punch durchs Leben. Bis ihm der reiche Müßiggänger und Hobby-Wissenschaftler Philip Erskine begegnet, ein Anhänger der Eugenik oder, wie die Nazis sagen, „Rassenhygiene“. Bei einer Expedition ist er auf einen Käfer mit interessanter Hakenkreuz-Musterung gestoßen, den er durch geschickte Züchtung äußerst stark und zäh gemacht hat: Anophthalmus hitleri. Nun will er seine Forschung auf Menschen ausdehnen. Sinner verkauft dem Nazi seinen Körper. Aber dessen Interesse ist nicht nur wissenschaftlicher Natur …
England, heute: Kevin „Fishy“ Broom leidet an einer seltenen Krankheit, die ihre Opfer nach altem Fisch stinken lässt. Doch als Sammler von Nazi-Memorabilien hat er einen guten Riecher. Als er auf einen Brief Hitlers an einen gewissen Erskine stößt, erhält er nächtlichen Besuch von einem bewaffneten Fremden. Spürnase Fishy soll ihm bei der Suche nach der letzten Ruhestätte von Seth Roach helfen. Gemeinsam machen sie am Grab des Boxers eine schreckliche Entdeckung …

Bewertung

Ned Beauman hat geschafft, was wenige schaffen: Vorstellungen, Anspielung und wahre Tatsachen vermischen sich auf eine Art, dass Krimi, Historie, Phantastik und Verschwörungsthriller kaum noch von ihren Mitspielern zu unterscheiden sind. Die Grenzen sind fließend; auch Wahrheit und strapazierte Realität fließen grau in grau ineinander über.
Auf dem Gedankengut des Nationalsozialismus baut Ned Beauman seine verrückte Handlung auf. Die Greifarme des Nazismus haben England längst erreicht: Geistige und weltanschauliche Absonderlichkeiten werden zugespitzt und überdreht, das 20. Jahrhundert wird der menschlichen Geschichte entfremdet und suspekt dargestellt. „Flieg, Hitler, flieg!“ erweckt den Anschein der Lächerlichkeit, gibt sich dem Amüsement hin und trifft stets den Kern der bleibenden Wahrheit.
Auf zwei Zeitebenen lässt Ned Beauman ein Feuerwerk aberwitziger Ideen auf den geplätteten Leser los. Im London des 20. Jahrhunderts, beherrscht von Schwulenclubs und reich frequentierten Boxhallen, beweist sich Seth „Sinner“ Roach seiner Boxkünste. Er ist erfolgreich, besitzt ungeheure Kraft und ist auf gutem Wege sich auch in den USA als Boxer zu etablieren. Ins Schema der Rassenreinheit passt er jedoch nicht. Sinner ist Jude, schwul, zu klein und hat nur neun Zehen. Wie kann es also sein, dass Sinner derartigen Erfolg einheimst? Als Schlüsselfigur konzipiert, ist Sinner der bewusste Widerstand gegen die Eugenik und foppt den Hobby-Wissenschaftler und Nazi Philip Erskine, der vergeblich versucht denWiderspruch zu erforschen, dabei eigentlich anderen, eigenen Interessen nachgeht (die er jedoch zu verkappt ist sich selbst einzugestehen).
Während sich die Spur der Handlung zwischen futuristischen Maschinen und Kunstsprachen, die jegliche Missdeutung von Worten und Wertungen ausschließen sollen, verliert, tritt die grässlichste Abstrusität des Romans ans Tageslicht: der Käfer Anophthalmus hitleri (den es übrigens wirklich gibt!). Zum Kampfkäfer gezüchtet, Erskine hat die „guten“ Eigenschaften aus ihm heraus extrahiert, ist Anophthalmus hitleri eine begehrte Nazi-Memorabilie – und nicht zu vergessen sein nicht unerheblicher Sammlerwert! Hier nun wird die Handlung in unsere Tage verlegt ... und die Nazi-Memorabilie wird zu einem Sammelkult und fast schon göttlicher Verehrung erhoben.

Fazit

„Flieg, Hitler, flieg!“ ist ein famoser Roman, der sich keinem Genre eindeutig zuordnen lässt. Abartigkeiten und Monstrositäten des 20. Jahrhunderts werden mit Freude überspitzt auf die Bühne gestellt und der Lächerlichkeit Preis gegeben. Eine klare Kaufempfehlung!

4 von 5 Punkten

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