Sonntag, 16. Dezember 2012

Rezension: Endzeit (Liz Jensen)

dtv
Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-423-24844-0
14,90 €


Ein kurzer Einblick

In der Hitze eines gnadenlosen Sommers versucht die Psychotherapeutin Gabrielle, nach einem Autounfall wieder in ihrem Beruf Fuß zu fassen. Aber dann weist man ihr ausgerechnet die 16-jährige Bethany als Patientin zu. Bethany hat auf grausame Weise ihre Mutter umgebracht. Sie ist gewalttätig, manipulativ - und sie behauptet, sie könne Katastrophen vorhersehen. Gabrielle tut das als Symptom von Bethanys psychischer Erkrankung ab. Doch dann treten genau die Unglücksfälle ein, die Bethany prophezeit hat. Ist es möglich, dass tatsächlich die Apokalypse bevorsteht, eine letzte Katastrophe, die eine vom Konsumwahn verblendete Menschheit endgültig in den Abgrund stürzen wird?

Bewertung

Ein Psychothriller – so könnte man denken, wenn man die ersten Seiten liest. Gabrielle ist Therapeutin, sitzt nach einem schweren Autounfall querschnittsgelähmt im Rollstuhl und schafft es nicht, das Ereignis zu verarbeiten. Die selbstbewusste Gabrielle flüchtet sich in die Arbeit. Die zweite Idee ist mitnichten etwas Neues, ersteres dafür ungewöhnlich. Die Vergangenheit von Polizisten, Ärzten etc. verfolgt die Protagonisten fast immer und holt sie irgendwann ein, bis es zum dramatischen Höhepunkt kommt. Nicht so hier! Die Vergangenheit hat Gabrielle nie losgelassen, sie ist stets mit ihren unbrauchbaren Beinen anwesend.
Bethany Krall, Gabrielles Patientin, hat ihre Mutter umgebracht und glaubt, dass die Welt untergehen wird. Sie spürt es. Sie selbst hält sich für tot, nur der Strom, den sie regelmäßig in ihr Gehirn geleitet bekommt, hält sie am Leben; so ihr Glaube. Bethany Krall ist ein verdammt interessanter Fall. Kratzbürstig, intelligent und frech. Und sie nutzt das Leiden anderer schamlos aus.
Mit Gabrielle und Bethany treffen zwei äußerst unterschiedliche Menschen aufeinander. Die eine kommt mit ihrer Vergangenheit nicht ins Reine, die andere hat keinen Respekt. Wer hat wen in der Hand? Gabrielle ihre Patientin oder doch eher Bethany ihre Therapeutin, der sie psychisch immer mehr zusetzt? Mit ihrer ersten Begegnung nimmt ein Konflikt seinen Lauf, der einen Großteil der Spannung des Romans trägt.
„'Ich gebe jedem von euch eine Chance. Jeder fängt mit zehn von zehn Sternen an.' Sie betrachtet prüfend meinen Rollstuhl. 'Sie bekommen einen Extrastern, weil Sie ein Spasti sind. Positive Diskriminierung. Also fangen Sie mit elf an.'“
Das Zitat verdeutlicht nicht nur die verschiedenen Persönlichkeiten und den beginnenden Konflikt zwischen Therapeutin und Patientin, sondern veranschaulicht auch mit welcher Experimentierfreude an der Sprache die Autorin bei der Sache ist. Liz Jensen spielt nicht nur mit der Sprache, sie nutzt sie nicht nur zum Wortwitz aus, die Sprache unterstreicht auf einfachste Weise den Charakter der Figuren. Wo man bei anderen Roman wegen vieler Metaphern fluchen würde, weil es allzu unpassend und/oder blumig wird, setzt Liz Jensen Metaphern zwar gerne ein, verwendet sie aber nur zur Unterstützung und nicht aus Spaß an Metaphern. Sprachlich ist der Roman ein kleines Juwel. Figurentiefgang und Konfliktvertiefung sind das Sahnehäubchen.
Kommen wir zum Anfang zurück: Der Psychothriller. Was als solcher beginnt, entpuppt sich schnell als eine Mischung aus Mystery, Ökobotschaft, Endzeitroman, Religionskritik und natürlich als Psychothriller. Eine unglaubliche Mischung, deren Aspekte und Elemente perfekt zusammenspielen.
Bethany glaubt nicht nur an den Untergang der Welt, sie weiß, dass dieser eintreten wird. Die Katastrophe, die Liz Jensen schildert, ist von der Idee her nicht neu. Frank Schätzings „Der Schwarm“ hatte einen ähnlichen Ansatz. Nichtsdestotrotz ist das Thema verdammt spannend und verdammt glaubhaft. Kein Wunder, denn die Autorin hat laut ihrem Nachwort viel recherchiert, sodass vieles auf wahren Tatsachen basiert, wobei sich Liz Jensen allerdings einige dichterische Freiheiten erlaubt hat.
Beeinträchtigen tut das den Roman aber nicht. Kleine Längen umso mehr. So straff Liz Jensen die Geschichte auch erzählt, ein paar Längen sind dennoch drin, schmälern das Lesevergnügen von „Endzeit“ aber kaum.

Fazit

„Endzeit“ - der Titel ist Programm, auch wenn der Roman anfangs einen lupenreinen Thriller suggeriert. Immer mehr driftet die Handlung in die Endzeit ab. „Endzeit“ ist nicht nur sehr empfehlenswert, sondern ein Pflichtkauf! Nicht zögern, sondern zugreifen; eine Enttäuschung ist nicht ausgeschlossen, aber sehr gering.

4,5 von 5 Punkten

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