Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Die Zombies von Oz (Christian Endres)

Atlantis
Paperback, 260 Seiten
ISBN 978-3-941258-33-4
13,90 €


Ein kurzer Einblick

Dorothys Heimkehr gerät zum Albtraum: Untote haben das Land überrannt! Doch nicht nur in Kansas hat sich die Ordnung der Dinge verändert, entsteigen die Toten ihren Gräbern …

Auch der unsterbliche Mythos von L. Frank Baums »Der Zauberer von Oz« verändert sich in den Geschichten dieses Bandes ständig – mal gekreuzt mit magischem Realismus, mal mit klassischer Fantasy, mal mit modernem Western, mal mit zombieverseuchtem Horror.

Bewertung

Für „Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes“ erhielt Christian Endres 2010 den Deutschen Phantastik Preis in der Kategorie „Beste Kurzgeschichtensammlung“. „Die Zombies von Oz“ tritt in die Fußstapfen und meistert die Hürde einer weiteren faszinierenden Sammlung. Abermals nimmt Christian Endres sich einer literarischen Figur an: Dorothy. In der titelgebenden Geschichte verleiht Endres Dorothy noch den originalen Charakter, in anderen Storys wartet Dorothy durchaus mit überraschenden Charakterzügen auf. Spielerisch und fantasievoll verarbeitet Christian Endres Dorothy und die Welt Oz in kreativen Ideen, die auch die größte Stärke des Autors sind. Ich zumindest verzieh gerne, dass einige Geschichten unabhängig von Frank L. Baums Ideenkosmos spielen könnten, wäre da nicht der klitzekleine Bezug, um die thematische Zugehörigkeit zu rechtfertigen.
Sind die Kurz-Kurzgeschichten meist sinnlose, aber nette, Spielereien, kreiert Endres in seinen längeren Geschichten einen märchenhaften Horror, der die Idylle des magischen Reiches gnadenlos hinwegfegt. Verwesende Leiber von Mensch und Tier wanken und kriechen durch die Landschaft. Innereien hängen aus Bauchdecken und so mancher Schädel wird von Kugeln zertrümmert. Zimperlich wird nicht mit den Zombies umgegangen, die wiederum keine Rücksicht auf Zartbesaitete nehmen. Stilistisch solide, eindrucksvoll erzählt und virtuos inszeniert entführt Christian Endres in eine Welt voller Schrecken, Magie und Abenteuer. Denn nicht all seine Geschichten sind von Zombies geprägt. Seine Genremischung ist ein buntes Kuddelmuddel aus Horror, Voodoo, Abenteuer … Auch eine Superhelden-Geschichte lässt sich finden.

Die titelgebende Story ist mit 110 Seiten auch die längste. Als Dorothy aus dem Lande Oz nach Kansas zurückkehrt, muss sie mit Schrecken feststellen, dass Kansas von Zombies überrannt wurde. Auch ihr Onkel und ihre Tante haben Dorothy zum Fressen gern. Doch Dorothy hat Glück im Unglück: Der Revolverheld Frank sammelt Dorothy und ihren treuen Hund Toto mit dem grünen Ballon des Zauberers von Oz auf und kehrt mit ihr in das sagenumwobene Land des Oz zurück. Die Smaragdstadt liegt in Trümmern und der Rest des Landes ist mit Zombies verseucht. Doch was ist aus ihren Freunden der Vogelscheuche, dem Löwen und dem Holzfäller geworden? Wo können sie Zuflucht suchen? Unterdessen stürzt Toto sich auf zombifizierte Mäuse. Herr Endres, wie konnten sie Toto sterben lassen?
Mit der charmanten Sympathieträgerin Dorothy, dem kaltherzigen, dann aber doch Dorothys Charme erlegenen Frank und der rührseligen Szene von Totos Tod, entführt „Die Zombies von Oz“ in eine Welt, in der der Horror regiert. Western, Zombies und Magie verquicken sich zu einer Märchenwelt, die einem das Fürchten lehren kann.

Das Thema Zombies wird in „Die Prüfung“ erneut aufgegriffen, ist jedoch eine Episode aus der Welt der geflügelten Affen, die von einer Sumpfhexe bedroht werden. Die Voodoo-Story „Kein Abschied hält ewig“ lässt die gealterte Dorothy in einem gänzlich fremdartigen Licht erstrahlen. Sie ist es auf einmal, die die Böse ist, der man jedoch zu gerne vertrauen möchte. Der Zauberer Ozirios, der Löwen verschwinden lässt, versucht Dorothy ihre Trauer um die verstorbene Tante und den Onkel zu nehmen, in dem er die beiden von den Toten auferstehen lässt.
Ebenso wie „Kein Abschied hält ewig“, rührt auch „Lionhearts letzte Jagd“ am Herzen. Oz gab der Vogelscheuche zu viel Verstand, die daraufhin ausrastet und ein Blutbad der Verwüstung die gelbe Straße entlang zieht. Am Holzfäller und Lionheart liegt es nun, ihren alten Freund zur Strecke zu bringen, der sich in seinem Maisfeld verkrochen hat. Mit Dorothy zu seinen Füßen. In einer Blutlache. Und einem irren Lachen auf seinen Lippen.
Ganz unvermutet entpuppt sich „Partner“ als Superhelden-Story, die auf sehr amerikanische Art inszeniert wurde: Sehr fantasievoll mit einem eleganten Bogenschlag in die Welt Oz. „Hinter dem Regenbogen“ wiederum schlägt einen anderen Ton. Parodistisch verulkt Endres die Dorothys Gefährten gegeben Eigenschaften von Herz, Mut und Verstand. Knackig und gelungen.
„Herbst in Kansas“ rundet die Kurzgeschichtensammlung mit einem Schmunzeln ab. Dorothy erlangte durch Frank L. Baum Berühmtheit; sehr zu ihrem Nachteil, denn eines Tages taucht ein kauzigen Herr auf, der Dorothys Schuhe kaufen will, um sie als Prunkstück seiner Sammlung einzuverleiben und damit den Neid anderer Sammler zu wecken.
Dreizehn Geschichten sind in diesem Band zu finden, wovon die obigen als Appetithäppchen genannt sein sollen.

Fazit

Abwechslungsreich, thematisch manchmal etwas weit hergeholt, solide gestrickt: Das ist Christian Endres magische Zombiesammlung voller Fantasie und Sympathie, voller Schrecken und steter Lebensgefahr.

4 von 5 Punkten

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