Samstag, 8. Dezember 2012

Rezension: Die Stadt der Sehenden (José Saramago)

Rowohlt Taschenbuch Verlag
Taschenbuch, 383 Seiten
ISBN: 978-3-499-24082-9
9,95 €


Ein kurzer Einblick

Bei einer politischen Wahl kommt es in einer Hauptstadt zu einem seltenen Ergebnis: auf fast allen Stimmzetteln wurde nichts angekreuzt. Der Staatsapparat weiß nicht, wie er darauf reagieren soll, verhängt den Ausnahmezustand, lässt niemanden mehr aus der Stadt heraus und in die Stadt herein, außer den Mitarbeitern aller staatlichen Behörden, die die Stadt verlassen. Doch trotzdem will der Staatsapparat noch wissen, wie es zu diesem Phänomen kommen konnte…

Bewertung

Kennt man Saramagos „Die Stadt der Blinden“ erwartet man bei „Die Stadt der Sehenden“ sofort einen Nachfolgeband. Daher ist man etwas irritiert, dass bis zur Hälfte des Romans keine Verbindung zu erkennen ist. Also verwirft man den Gedanke schon fast und stößt dann schließlich etwa ab der Hälfte doch auf die vermutete Verbindung. Allerdings braucht man „Die Stadt der Blinden“ nicht gelesen zu haben, um „Die Stadt der Sehenden“ zu verstehen, da jedes der Bücher auch für sich stehen kann und die wichtigsten Geschehnisse aus „Die Stadt der Blinden“ nochmals erzählt werden. Die Beziehungen der Personen kann man allerdings schon besser nachempfinden, wenn man „Die Stadt der Blinden“ gelesen hat.
Hat man bisher noch nichts von Saramago gelesen, muss man sich zunächst einmal mit dem Nichtvorhandensein von Anführungszeichen bei wörtlicher Rede zurecht finden und damit, dass keine Person mit Namen genannt wird, was aber besonders dazu einlädt, einmal darüber nachzudenken, ob man nicht auch einmal in so einer Situation sein könnte und wie man sich dann verhalten würde.
Insgesamt beschreibt José Saramago in „Die Stadt der Sehenden“ erneut ein interessantes Szenario. Was würde eigentlich passen, wenn die Mehrzahl der Wähler nichts auf ihrem Wahlzettel ankreuzt? Das, was dann im Roman eintritt, ist schon eine sehr drastische Reaktion. Bis es allerdings zu der Entscheidung der Regierung kommt, die Stadt zu verlassen, werden sehr viele Gespräche beschrieben, ohne, dass etwas passiert. Daher muss man als Leser schon über die einen oder anderen Längen hinweglesen, die einem nur einen besseren Einblick in die Beziehungen von Politikern vermitteln.
Dass die Regierung das Phänomen des „Weißwählens“, wie es im Buch genannt wird, aufklären will, ist verständlich. Doch die Vorgehensweise ist eher weniger nachvollziehbar. Wäre es doch das einfachste in einer Geheimoperation mit den Menschen zu sprechen und deren Gründe zu erfahren, statt eine Person zu suchen, die für das Phänomen verantwortlich sein soll.
Doch auch, wenn das nicht passiert, zeigt der Roman eindrucksvoll, wie Menschen auch in schwierigen Situationen noch rational handeln und sich sinnlosen Befehlen widersetzen, die ohne Begründung jemanden zum Sündenbock ernennen wollen. Wie nutzlos solch ein Handeln aber auch wiederum sein kann, zeigt schließlich das Ende des Romans, von dem man doch einigermaßen überrascht ist.
Schade ist, dass im Roman wenig darüber berichtet wird, wie die Menschen in der Quarantäne und ohne jegliche staatliche Regulierung zurechtkommen. Auch erfährt man nicht, wie es nach der vermeintlichen Beseitigung der Ursache des Übels weitergeht, was allerdings für den Leser auch die Möglichkeit bietet seiner Fantasie freien Lauf zu lassen.

3 von 5 Punkten

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