Sonntag, 9. Dezember 2012

Rezension: Die Soldaten (Tobias O. Meißner)

Piper
Klappenbroschur, 512 Seiten
ISBN: 9783492701853
16,95 €

Ein kurzer Einblick

Eine endlose Wüste. Ein unbezwingbarer Feind. Und ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat: Vor Leutnant Eremith Fenna liegt die schwerste Prüfung seines Lebens.

Die Festung Carlyr ragt über weites, unbekanntes Feindesland. Hinter ihren Mauern bedeutet ein einziger Fehler den Tod. Um nach einer gewaltigen Niederlage neue Soldaten auszubilden, wird Leutnant Fenna nach Carlyr versetzt. Doch der Norden hat seinen eigenen Schrecken zu bieten. Im verbrannten Land jenseits der Festung verbergen sich die Affenmenschen, die schon einmal einen großen Feldzug zum Scheitern gebracht haben. Und als Leutnant Fenna zusammen mit der unerfahrenen Akademieabsolventin Loa Gyffs seine Kompanie ins Land der Feinde führt, entdeckt er, dass die Wüste ein weitaus gefährlicheres Geheimnis birgt.

Bewertung

Mit „Das Paradies der Schwerter“ und der Serie „Im Zeichen des Mammuts“ hat Tobias O. Meißner hochkarätige Juwelen der Fantasy vorgelegt. Nach den epischen „Dämonen“ liegt nun sein neuestes Werk vor: „Die Soldaten“. Hinter dem plakativen Titel lauert eine Geschichte, die den Leser den Wüstenstaub der Festung Carlyr schmecken lässt, die Muskeln ächzen unter der militärischen Ausbildung, Schweiß sammelt sich in Ritzen des Lesesessels zu kleinen Bächen und jeder Verlust eines Rekruten, schmerzt wie der Verlust eines eigenen Kindes.
Ein bisschen Übertreibung darf an dieser Stelle sein, denn allzu nahe kommt es der Wahrheit! Tobias O. Meißner bietet nicht eine Geschichte á la: Soldat wird ausgebildet, Soldat rückt ins Land des Feindes vor, Soldat muss für eine höhere Macht und für das Wohlwollen des Volkes sein Leben tapfer in der Schlacht opfern; Tobias O. Meißner bietet eine Geschichte á la: sympathische und unterschiedlichste Rekruten rackern sich in ihrer Ausbildung gemeinsam ab, unterstützen sich gegenseitig und ziehen als Team in das Land des Feindes; natürlich unterstehen sie der Befehlsgewalt der Königin und dienen somit dem Wohl des Volkes, doch die Grenzen zwischen Gut und Böse schwinden wie Butter in der Sonne dahin. Das geopferte Soldatenleben ist ein elendes krepieren und kein heroischer Tod im Angesicht des Feindes. Das Soldatenleben ist dreckig. Das Soldatenleben ist tödlich. Das Soldatenleben ist fraglich, denn: wer ist gut? Wer ist böse? Ist das Gute und das Böse überhaupt definierbar?
Schwarz und Weiß sind nicht vorhanden. Die Soldaten ziehen gegen den Feind, weil die Königin sagt, dass es der Feind ist. Die Soldaten ziehen gegen den Feind, weil sie einen Eid auf Befehlsgehorsam geschworen haben. Ob sich der Feind eventuell in lediglich guter Absicht verteidigt, ist irrelevant. Ein Soldat mordet, weil es ihm Befohlen wird. Sein Gewissen ist dabei unwichtig. Und tatsächlich fragt man sich mehr und mehr, ob der Feind wirklich der Feind ist, oder ob man sich nicht selbst der größte Feind ist und gegen die Rettung kämpft. Vieles deutet sich an, vieles bleibt ungeklärt und noch mehr wird gar nicht erst erwähnt, schimmert allein als Vermutung weit hinter den anderen Gedanken und Überlegungen.
Es ist faszinierend wie Tobias O. Meißner über zehn Individualitäten für über zehn Soldaten aus dem Handgelenk schüttelt und ihnen Leben einhaucht. Natürlich kann nicht ein jeder Rekrut bis ins winzigste Detail durchleuchtet werden (das muss sich auf die Leutnants Fenna und Gyffs beschränken), aber dennoch schafft es der Autor jeden einzelnen zu gestalten. Die Rekruten werden nicht zu einem Einheitsbrei zusammengestaucht, der bei Bedarf als Schlachtmaterial verheizt werden kann. Die Rekruten sind ebenso wichtig wie ihre beiden Leutnants. Und das macht diesen Roman absolut menschlich. Und nicht nur das! Die Gleichberechtigung der Frau spielt ebenso eine Rolle. In der Fantasy mag es mittlerweile zwar üblich sein, auch weibliche Heldinnen zu haben, doch sobald es militärisch wird, dominieren doch in der Regel noch immer die Männer. Leutnant Gyffs agiert jedoch vollkommen gleichberechtigt neben Leutnant Fenna. Soldatinnen werden genauso behandelt wie Soldaten. Ob weiblich oder männlich – in der Armee ist dies ein seltenes, aber ein sehr angenehmes Bild.
„Die Soldaten“ ist ein rauer und roher Roman, aus dessen Buchseiten der Sand rieselt, der allgegenwärtig in und um die Festung Carlyr ist. Doch so einfach das Bild der Landschaft gehalten ist, besticht der Roman durch die Feinheiten: Die Individualität der Rekruten; die Gleichberechtigung der Frau; Das Spiel mit Gut und Böse, das nicht auf zwei klar getrennte Nenner zu bringen ist.
Das Ende schließlich schreit förmlich nach einer Fortsetzung, denn die Geschichte hat gerade erst begonnen! Mit Freude kann der zweite Teil um „Die Soldaten“ erwartet werden.

Fazit

Zugreifen! Zugreifen! Zugreifen! Für Fantasyleser ein Muss. Tobias O. Meißner hat abermals ein Juwel der Fantasy zu Papier gebracht, das gewürdigt werden muss. Selten findet sich ein Werk, das derart begeistern wird. Weg vom heroisch guten Soldaten und dem fremden und darum Bösen und hin zum menschlich befehlsabhängigen Soldaten und dem Fremden, das nicht eindeutig als Böse bezeichnet werden kann!

5 von 5 Punkten

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