Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Die Schwestern (Jack Ketchum)

Atlantis
Paperback, 100 Seiten
ISBN 978-3-941258-24-2
8,90 €

Ein kurzer Einblick

Arizona, 1848. 
Kurz nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg. 

Schicksal und Pulverdampf führen dazu, dass sich die Wege des Reporters und Gelegenheitstrinkers Marion T. Bell, des beinahe legendären Revolverhelden John Charles Hart und des raubeinigen Mother Knuckles im Grenzgebiet kreuzen. 
Noch ganz andere Mächte sind am Werk, als die drei über Elena stolpern, eine wilde, schwer misshandelte junge Frau, die den drei Männern von ihrer Entführung und unvorstellbaren Gräueln in einem Sklavenlager jenseits des Flusses berichtet. 
Das Lager wird von den grausamen Valenzura-Schwestern und ihrem Handlanger Paddy Ryan beherrscht. Für sie sind die alten Götter Mexikos auch 300 Jahre nach Cortez noch äußerst lebendig. Blut für Regen. Blut für Macht. 
Und Elenas Schwester ist noch immer in ihrer Gewalt ...

Bewertung

Jack Ketchum, das Pseudonym von Dallas Mayr, ist Dank des Heyne Verlages neben Richard Laymon auch in Deutschland zum bekannten Horrorautor der härteren Gangart avanciert. Der Atlantis Verlag hat nun eines seiner kürzeren Werke veröffentlicht, die Novelle „Die Schwestern“.
Die Novelle lässt sich relativ schwer in Schubladen einordnen, doch warum auch immer diese passgenaue Zuordnung? Belassen wir es oberflächlich bei Horror-Western, Jack Ketchums eigene Genreeinsortierung. Die knackige Verbindung aus Western und Horror liest sich erfrischend unterhaltsam, gelingt es Ketchum doch rasend schnell die typisch amerikanische Westernatmosphäre zu inszenieren und das gewalttätige erste Kapitel lässt gleich den Geschmack auf das Kommende erwachen.
Gable's Ferry, zwischen den Goldfeldern Kaliforniens und Mexico am Colorado gelegen, hat sich zu einer kleinen Goldgräberstadt gemausert, in dem der Reporter Marion T. Bell versucht mit Goldgräber-Geschichten für die New York Sun über die Runden zu kommen. Gable's Ferry ist das implantierte Bild einer staubigen Westernstadt mit dem obligatorischen Saloon, wo gepokert wird, wo getrunken wird, wo es alles andere als zimperlich einhergeht. Genau dort, im Little Fanny, kreuzt sich Bells Weg mit dem des Revolverhelden John Charles Hart und des raubeinigen Mother Knuckles. Gemeinsam fangen sie wilde Pferde ein, ein recht einträgliches Geschäft, bis sie auf Elena stoßen, die aus dem Sklavenlager der Valenzura-Schwestern geflohen ist. Alte Götter, alte Mächte und Blut als Opfer; die Valenzura-Schwestern leben in ihrer ganz eigenen pervertierten Welt aus Blut, Gewalt und Sex.
Plakativ unterhaltsam, eindringlich schockierend – das ist Ketchums Stil. Dabei beleuchtet Ketchum gar nicht mal so sehr die Psyche seiner Figuren, sondern erzählt nur markante Ereignisse, die er aber vorteilhaft für eine überraschende Tiefe einzusetzen versteht. Bell, Hart und Knuckles und, ja, auch Elena, wachsen einem regelrecht ans Herz. Sogar nachträglich, nach Beenden der Lektüre, versteht es der Autor zu schockieren, den Leser nachdenklich über das Geschehen nachdenken zu lassen, so phantastisch das Geschehen auch gewesen sein mag.
Plakativ und unterhaltsam, das wirkt, das lässt Bilder im Kopf ablaufen, die man eigentlich gar nicht sehen will. Eindringlich schockierend, das vertieft die Bilder, löst das Grauen erst richtig aus. Statt auf perfekte Tiefenpsychologie zu setzen und eine angenehm gruselige Atmosphäre zu erschaffen, geht Ketchum den direkten Weg, der aber nicht weniger gut funktioniert!
„Die Schwestern“ kann schockierender nicht mehr werden? Von wegen! Im Vorwort erwähnt Ketchum, dass diese Novelle auf wahren Begebenheiten begründet ist. Von Blutmagie gab es keine Spur, ein Western muss es ebenfalls nicht gewesen sein, aber das Sklavenlager gab es tatsächlich. Und dieses Wissen hebt die Novelle auf eine ganz andere Ebene, auf eine Ebene, die die wahren Geschehnisse in ein noch viel schockierenderes Licht rücken, als es die Story allein vermag.
Als nette Dreingabe gibt es ein Interview mit Jack Ketchum, geführt von Christian Endres, der auch ein Nachwort verfasst hat.

Fazit

„Die Schwestern“ ist mit Sicherheit kein Meilenstein, aber dennoch ein sehr unterhaltsamer Roman, der für zarte Gemüter nicht geeignet ist. Eine kurze Lektüre. Eine schnelle Lektüre. Eine verdammt lesenswerte Lektüre!

3,5 von 5 Punkten

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