Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Die Missverstandenen (Jason Brannon)

Basilisk Verlag
Taschenbuch, 100 Seiten
ISBN 978-3-935706-54-4
10,00 €


Ein kurzer Einblick

Es sind die Sonderbaren und Missverstandenen, die die dunklen Flecken unserer Welt bevölkern …

... ein Todesengel sucht Jahr für Jahr eine Kleinstadt heim. ... ein alter Uhrensammler besitzt den Schlüssel zum Armageddon. ... Vogelscheuchen erwachen zum Leben. ... ein Schlangenkult möchte einen Kirchenbesucher bekehren. Neun Horrorkurzgeschichten über die Sonderbaren und Missverstandenen.

Bewertung

Jason Brannons Kurzgeschichtensammlung wird sein Publikum finden. Er versteht sein Handwerk. Er versteht, wie Shortstorys aufgebaut sein müssen. Er versteht, was den Leser anspricht, was Lesespannung erzeugt und den Leser am Ball hält. Sein Handwerk zu kennen heißt jedoch nicht, hervorragende Arbeit zu leisten. An einem mangelt es nämlich allen Geschichten: So kreativ, ideenreich und stilistisch und sprachlich ausgezeichnet sie umgesetzt sind, erwecken sie dennoch den Eindruck von der Stange zu kommen. Den Storys sei damit nicht der Anspruch der soliden Unterhaltung und der qualitativen Ansätze genommen, aber fehlende Dichte und Atmosphäre unterstellt. Pointierte Enden sind bei kurzen Geschichten meist unabdingbar nötig, das überraschende Finale hinterlässt jedoch mehrheitlich einen faden Nachgeschmack.
Thematisch widmen sich die Ideen Brannons einer verborgenen Realität, die die Menschen lockt und verführt, die den Menschen eine neue Wirklichkeitsebene offenbart. Für den Menschen lauern hinter der Wirklichkeit ungeahnte Gefahren und Geheimnisse.
So hat der Schrecken Halloweens viel tiefere Wurzeln, als man erahnen könnte (»Obacht vor dem Todesengel«). Die Zeit, mit der wir zu unpfleglich umgehen, ist nicht nur vergänglich, sondern kündigt auch die Apokalypse an (»Die Maschinerie der Unendlichkeit«). Blindes Vertrauen und Gruppenzwang für Nachtmenschen ist kein Ersatz zum Abschalten des eigenen Verstandes (»Folgt dem Führer«). Der Glaube an Erlösung durch Gott ist bisweilen nur durch den Beweis des Bösen zu erlangen (»Der Weg nach Eden«). Verborgene Türschlösser öffnen Wege in andere Dimensionen (»Der vierte Schlüssel«). Babys sind klüger, als man zugestehen würde, warnen sie doch vor ungeahnten Gefahren (»Die Orakel«). Geliebten Menschen Krankheiten abzunehmen, kann Segen und Fluch zugleich sein (»Der Gaukler«). Eine Gratis-Autowäsche entpuppt sich als lebensgefährliche Falle (»Mother Mary«).
Allein die titelgebende Story »Die Missverstandenen« besitzt das Potential der erstklassigen Begeisterung. Jeden morgen findet George einen gerissenen Bullen auf dem Feld. Als er eines Tages beobachtet wie seine Vogelscheuchen von ihren Stangen klettern, glaubt er die Übeltäter gefunden zu haben. »Die Missverstandenen« führt als 0815-Story in die Irre, schlägt dann um und offenbart eine viel bizarrere Wahrheit. Großartig!

Fazit

Leser, die keine Innovationen verlangen und mit äußerst soliden Geschichten zufrieden gestellt werden können, sollten definitiv zugreifen. Eines muss man den Storys lassen: Sie wissen die Leselaune bei Stange zu halten, denn bei aller fehlenden Genialität, besitzt jede Story eine verdammt interessante zugrundeliegende Idee. Mit »Die Missverstandenen« macht man wenig falsch, aber viel richtig. Man darf nur nicht zu viel erwarten.

3 von 5 Punkten

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