Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Die Jahre der Toten (Z.A. Recht)

Heyne
Taschenbuch, 448 Seiten
ISBN 978-3-453-52941-0
8,99 €


Ein kurzer Einblick

Ein Virus – so tödlich, dass Ebola dagegen wie ein leichter Schnupfen wirkt – rafft die amerikanische Bevölkerung in Rekord geschwindigkeit dahin. Als ob das noch nicht schlimm genug wäre, kehren die an der Krankheit Verstorbenen zurück, bedrohen die wenigen Überlebenden und hinterlassen eine Spur des Chaos und der Verwüstung. In der zerstörten Zivilisation gilt nun nur noch eine Regel: Überleben, koste es, was es wolle! Die letzte Hoffnung der Regierung ist eine strategisch geplante Militäroperation. Als diese scheitert, breitet sich das Virus über den gesamten Erdball aus und der Untergang der Menschheit hat begonnen ...

Bewertung

In Zentral-Afrika bricht der Morgenstern-Erreger aus, ein Virus, das Menschen in Zombies verwandelt. Der erste Vorfall wird auf Mombasas Flughafen bekannt, von wo aus sich der extrem aggressive Erreger exponentiell in alle Teile der Welt ausbreitet. Kein Schiff darf Afrika mehr ansteuern noch verlassen. US-Soldaten halten die Stellung am Suez-Kanal, Brücken werden gesprengt und alles Menschenmögliche unternommen, um den Virus auf dem schwarzen Kontinent festzusetzen. Doch die Seuche ist nicht mehr aufzuhalten. Die zombifizierte Bevölkerung Afrikas überrennt die Stellung der US-Armee, die sich gezwungen sieht über Scharm-el-Scheich am Roten Meer auf den Zerstörer USS Ramage zu flüchten, der Kurs gen Heimat Amerika nimmt. Doch selbst an Bord ist der Morgenstern-Erreger eine tödliche Gefahr für jeden.
General Sherman unternimmt sein Möglichstes, um die Verluste seiner Männer und der geretteten Zivilisten klein zu halten. Virologin Dr. Anna Demilio versucht ein Gegenmittel zu entwickeln, wird durch die Zusammenarbeit mit Julie Ortiz jedoch von der NSA als Staatsverräterin in eine feuchte Zelle tief unter der Erde gesperrt. Julie Ortiz, Journalistin, teilt das Schicksal von Dr. Anna Demilio, da sie Staatsgeheimnisse an die Öffentlichkeit ausplaudert.
Z.A. Recht hat eine wunderbare Ausgangsgrundlage für einen actiongeladenen Wissenschafts-Horror-Thriller gelegt, verschenkt jedoch gnadenlos das größte Potential. Die Stärke der Ideen wird durch viel zu viele Schwächen ausgemerzt - dabei hat der Roman erfolgversprechend begonnen. Die Schilderung des Virusausbruchs und dessen exponentielle Verbreitung konnte ein beängstigendes und beklemmendes Gefühl erwecken; soweit dies bei einem amerikanischen Standardstil möglich ist. Leider verkommt der Roman nach der guten Virus-Ausgangsbasis und der erweckten Vorfreude auf wissenschaftliche Erkenntnisse in einem triefenden Patriotismus. Die spannende Handlung verliert sich in der Vaterlandsliebe der US-Soldaten und die Wissenschaftspassagen, sofern man diese überhaupt so nennen kann, gehen fast gänzlich verloren. Übrig bleiben gut inszenierte Kämpfe, dessen Ausgänge aber stets berechenbar bleiben. Natürlich müssen die Soldaten so viele Zivilisten wie möglich retten. Natürlich bringen die Soldaten Opfer, auch wenn der gesunde Menschenverstand die Nutzen-Opfer-Rechnung missbilligend ablehnt. Natürlich kann General Sherman seine Männer stets mit einem zufriedenstellenden Ergebnis aus einer misslichen Lage retten. Natürlich steht den Soldaten genug Feuerkraft zur Verfügung - oder ein möglicher Rettungsweg. Der amerikanischen Armee ist eben kein Zombie - und seien sie noch so viele - gewachsen! Etwas gemildert wird der Patriotismus und die Überlegenheit der Soldaten durch die Desertion und der Auseinandersetzung mit möglichen Konsequenzen, die natürlich niemanden mehr interessieren. Der Staat Amerika hat genug damit zu kämpfen, den Virus an einer weiteren Ausbreitung in das Landesinnere aufzuhalten.
Ebenso einfach gestaltet sind die Charaktere. Man kann die Figurengestaltung weder loben, noch kritisieren. Sie sind ordentlich skizziert, auf Dauer allerdings etwas zu stereotyp. General Sherman ist der Traumvorgesetzte aller Soldaten: charismatisch, ein geborener Anführer, der die richtigen Entscheidungen trifft, und zwischendurch mit sich selbst hadert. Die Sanitäterin Rebecca ist immer hilfsbereit und jederzeit bereit Wunden zu versorgen. Im entscheidenden Moment ist sie dann auch noch in der Lage ihren Geliebten - nun Zombie – ohne zu zögern zu erschießen. Außer in Nebensätzen wird diese Tragödie nicht weiter thematisiert. Mbutu Ngasy, ehemaliger Fluglotse auf dem Rollfeld Mombasas, ist tapfer und nicht unterzukriegen. Natürlich darf der Fotograf Denton nicht fehlen, der Kriegsbilder für die Medien schießt, um die Greuel und die Schrecken eines Krieges aufzuzeichnen. Mehr als überflüssige Staffage ist jedoch auch er nicht. Drastische Schwächen hat keiner der Charaktere. Alle sind auf ihre Weise Helden. Und seien sie noch so unsympathisch mit ihrer großen Klappe. Plappermaul und Draufgänger Brewster lässt grüßen! Nicht nur die Figuren sind viel zu fleischlos, auch die Dialoge sind typisch flach und inhaltsleer. Sie treiben allein die Handlung voran, wären ansonsten aber reichlich überflüssig. Was soll man dazu noch sagen ...
Einziger wirklicher Pluspunkt ist den Zombies zuzurechnen, derer es zwei Gattungen gibt: die typischen Schlurfer und die Sprinter. Lebend infizierte Menschen bewahren einen Teil ihres Geistes und damit ihre Agilität und Schnelligkeit. Werden sie jedoch getötet, erlangt das Virus volle Kontrolle und erweckt den Leichnam zu einem tumbem Schlurfer. Eine Intelligenz besitzen die Infizierten zwar nicht mehr, doch durch Knurrlaute locken sie ihre Artgenossen an, sodass sich Städte schnell in tödliche Fallen für alle Lebenden erweisen, die sich zu weit in die Stadtmitte hinein wagen. Hier hätten wunderbar wissenschaftliche Passagen greifen können, doch das Potential verschenkt Z.A. Recht zugunsten taktischer Kämpfe. Vielleicht ändert sich dies im zweiten Teil »Aufstieg der Toten« der Morgenstern-Trilogie. Wünschenswert wäre es auf alle Fälle!

Fazit

»Die Jahre der Toten« ist unausgereifte und standardisierte Einheitskost ohne leserischen Mehrwert. Einzige Innovation sind die ansatzweise wissenschaftlich erklärten Zombies. Leider hat Z.A. Recht zu wenig gewagt und lieber auf den Massenmarkt vertraut. Allein diejenigen Leser, die patriotische US-Kämpfe wie im wertlosen Film „World Invasion: Battle Los Angeles“ mögen, könnten sich mit diesem Roman anfreunden. Alle anderen nach Zombies gierenden Leser sollten sich lieber an den Namen Brian Keene halten.

2 von 5 Punkten

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