Donnerstag, 20. Dezember 2012

Rezension: Die Frau mit den Seidenaugen (Guido Dieckmann)

Aufbau Verlag
Taschenbuch, 490 Seiten
ISBN: 978-3-7466-2364-1
9,95 €



Kurzer Einblick
 
Frankreich im Jahr 1788. Mit der Thronfolgerin Thérèse, der Tochter König Ludwigs XVI. und Marie Antoinettes, scheinen sich große Hoffnungen zu verbinden, doch dann bricht die Revolution aus. In den Kerkern von Paris versucht man, die letzte Prinzessin von Frankreich zu demütigen und ihren Stolz zu brechen. Als sie glaubt, das Land verlassen zu dürfen, erlebt sie eine böse Überraschung: Adoptivschwester Ernestine, die illegitime Tochter Ludwigs, ist in ihre Rolle als Madame Royale geschlüpft, um so nach Wien zu gelangen. Thérèse hingegen findet für sich und ihre kleine Tochter keine Ruhe. Sie muss stets mit Anschlägen von Revolutionären rechnen - und mit dem heimtückischen Zorn Ernestines, die von Wien aus ihre Widersacherin aus dem Weg räumen möchte. Im thüringischen Hildburghausen endet Thérèses Flucht vor der Revolution. Hier lebt sie, stets hinter einem Schleier verborgen, und bereitet die letzte große Auseinandersetzung mit Ernestine vor.

Ein bewegender Roman um eine Frau, die als „Dunkelgräfin“ in die Geschichte einging.

Bewertung
 
Lange ist die Schulzeit her, in der man die Fakten zur Französischen Revolution durchgenommen hat. Umso mehr habe ich mich auf den Roman von Dieckmann gefreut, der die Schulfakten mit Leben einzuhauchen versprach.
Obwohl man vermuten könnte, dass die Story sich aufgrund der revolutionären Ereignisse überschlägt, ist dies nicht so. Sie entwickelt sich vielmehr langsam und sensibel, so dass man viel Zeit hat, die einzelnen Charaktere kennenzulernen. Guido Dieckmann stellt dabei seine Protagonisten – geschichtlich überlieferte wie Marie Thérèse Charlotte von Frankreich, genannt Madame Royale, als auch frei erfundene – auf wunderbar authentische Art und Weise vor, die vor, während und nach der Revolution miteinander agieren. Die unterschiedlichen Charaktere werden sehr genau und tiefgründig beschrieben, so dass man sich sehr gut in sie hinein versetzen kann.
Eine Stelle im Roman hat mich besonders gefangen genommen. Die unbeschreiblich bildliche Darstellung der Szene, als der jüngere Bruder von Thérèse und Thronfolger Frankreichs starb und sie sich neben ihrer Mutter stehend wünscht, ihrem Vater beistehen zu können, der gemäß dem höfischen Protokoll seine Trauer nur mit den männlichen Familienmitgliedern zu bewältigen hat, ist sehr ergreifend. Ich hatte auch das Gefühl, dass das Mädchen in diesem Moment ihre Mutter zum ersten Mal auch als solche wahrnimmt und nicht nur als unnahbare Person, die die Pflichten einer Königin zu erfüllen hat. Es war auch sehr ergreifend zu lesen, dass es Marie Antoinette trotz ihrer offensichtlichen Trauer doch irgendwie schafft, äußerlich die Fassung zu wahren. Man hat als Leser regelrecht vor Augen, wie schwer es ihr fällt.
Als außenstehende Person hat man so gut wie keinen Einblick in die Welt der Adligen und des höfischen Zeremoniell, aber Dieckmann schafft es, diese Lebensweise sehr glaubwürdig und nachvollziehbar darzustellen.

Im Nachwort geht er auch darauf ein, was historisch belegt ist und wo der Mythos der Dunkelgräfin anfängt. So soll nicht Marie Thérèse Charlotte von Frankreich den Herzog von Angoulême geheiratet haben als sie Frankreich verließ, sondern ihre Stiefschwester Ernestine. Die wahre Madame Royale soll bis zu ihrem Tode verschleiert und sehr zurückgezogen auf Schloss Eishausen bei Hildburghausen gelebt haben. Da man den Namen der mysteriösen Dame nicht kannte, wurde sie von der Bevölkerung Dunkelgräfin genannt. Bisher war einer Öffnung des Grabes der Dunkelgräfin nicht zugestimmt worden, um den Mythos nicht zu zerstören, doch der Stadtrat von Hildburghausen hat im Juni 2012 nun doch einer Exhumierung der sterblichen Überreste zugestimmt, um die wahre Identität abklären zu können. Allerdings hat sich mittlerweile auch eine Bürgerinitiative „Gegen die Exhumierung der Dunkelgräfin“ gebildet, welche noch bis 31.12.2012 Zeit hat, genügend Unterschriften zu sammeln, um die Aktion zu verhindern. Man darf also gespannt sein, ob dieses Geheimnis ungelöst bleibt…

Fazit
 
„Die Frau mit den Seidenaugen“ ist ein wunderbar geschriebener Roman, in dem der Autor ein herrliches Zusammenspiel aus ungelösten Rätseln, geschichtlichen Fakten und der Phantasie der Leser gezaubert hat.

4 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen