Sonntag, 16. Dezember 2012

Rezension: Die Chemie des Todes (Simon Beckett)

Rowohlt
Taschenbuch, 432 Seiten
ISBN 978-3-499-24197-0
9,99 €

Ein kurzer Einblick

David Hunter war der beste forensische Anthropologe Englands, bis ein tragischer Unfall sein Leben für immer veränderte. Aber der Tod lässt David einfach keinen Frieden …

Bewertung


Der forensische Anthropologe David Hunter lässt sein altes Leben in London zurück und verdingt sich fortan seinen Lebensunterhalt für die nächsten drei Jahre als Landarzt in einem beschaulichen Dörfchen in Devonshire. Bis die Autorin, eine Außenseiterin wie er, von spielenden Kindern tot im Wald aufgefunden wird. Ihre Leiche wurde mit einem Paar Schwanenflügel ausstaffiert. David Hunter, Ex-Koryphäe der forensischen Anthropologie, wird zu den Ermittlungen hinzugezogen. Kurz darauf geschieht ein weiterer Mord, während der fanatische Pfarrer die Menschen mit Hasspredigten zur Hexenjagd aufruft.
Leser mit schwachem Magen werden gleich auf der ersten Seite herausgefordert: Simon Beckett steigt mit einer magenunfreundlich detailreichen Beschreibung zur Verwesung einer Leiche durch die verschiedenen Stadien konsequent ein und zeigt damit, wohin die Geschichte führen wird. Mit Sicherheit nicht zu desinfiziert und zur Beerdigung zurechtgemachten Leichnamen, sondern zu der schmutzigen Seite des Geschäfts. David Hunter ist forensischer Anthropologe und beschäftigt sich mit der Bestimmung von Todeszeitpunkten und Todesursachen an verwesenden Körpern; sofern er sich nicht als Landarzt sein Geld verdingt. Wenn sich die Fliegen in schwarzen Wolken von den Opfern heben, sich Maden im Fleisch ringeln und kringeln oder sich die Haut in Fetzen vom Fleisch löst, kann man sich sicher sein, dass dies ein Job für David Hunter ist.
Die Charakterentwicklung ist eine herbe Enttäuschung. Ich denke, ich verrate nicht allzu viel, wenn ich sage, dass es 1. typisch ist, dass David Hunter sich aufgrund eines tödlichen Unfalls seiner Familie aus seinem alte Leben verabschiedet, 2. er in seinem neuen Heimatort wieder seinen alten Beruf aufnehmen muss, 3. er eine neue Frau kennen lernt, 4. sich in sie verliebt und 5. diese zum Opfer des Serienmörders wird, dem David Hunter auf der Spur ist. Natürlich weckt das irgendwie etwas Spannung, doch das Schema ist zu ausgelutscht, als das es noch großartige Überraschungen geben könnte. Und damit büßt „Die Chemie des Todes“ einiges an Spannung ein, obwohl Simon Beckett sein Handwerk perfekt zu verstehen weiß.
Unvorhersehbarkeiten und Überraschungen gibt es dafür an anderen Stellen. Denn auch brave Bürger haben Dreck am Stecken. Das ist auch bitter nötig, denn so vorhersehbar die Charakterentwicklung ist, so spannend ist die Suche nach dem verrückten Mörder. Es muss einer der Einheimischen sein. Doch wer? Wem kann dieses Verbrechen zugetraut werden. Und wie soll die Polizei ermitteln, wenn Alibis untereinander gegeben werden? Der Polizei und David Hunter stehen schwere Zeiten bevor.
Die Ich-Perspektive bindet den Leser nah an David Hunter. Die persönliche Nähe und der beschauliche Ort wecken Vertrauen und lassen den Leser heimisch werden. Man vermeint das Dorf, die Leute zu kennen und traut niemandem zu, ein Mörder zu sein. Auch nicht den Idioten und Raufbolden, von denen jeder weiß, dass sie illegal Tiere jagen. Ideale Voraussetzungen, um Menschen gegeneinander aufzuspielen und aufzuhetzen; sich selbst bei den Medien ins Rampenlicht zu manövrieren und durch das Unglück, das über das Dorf hergefallen ist, für eine volle Kirche zu sorgen, wie der fanatische Pfarrer es tut. Niemand traut niemandem mehr. Die Gerüchteküche brodelt und die beschauliche Sicherheit schwindet mehr und mehr. Die Idylle verwandelt sich in eine Horrorversion voller Schreckgespenster.

Fazit

„Die Chemie des Todes“ ist ein hervorragender Forensik-Thriller, der jedoch stark an der Charakterentwicklung krankt, dafür aber mit der forensischen Arbeit und der zunehmenden Unruhe und Selbstjustiz durch Dorfbewohner punkten kann.

3,5 von 5 Punkten

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