Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Der Wald (Richard Laymon)

Heyne
Taschenbuch, 432 Seiten
ISBN 978-3-453-43596-4
9,99 €


Ein kurzer Einblick

Eigentlich sollte es ein entspannter Campingausflug werden. Zwei Familien aus Los Angeles trampen durch die Wälder und erzählen sich am Lagerfeuer Gruselgeschichten. Bis eine dieser Geschichten Wirklichkeit wird und der Urlaub ein jähes Ende nimmt: Nach einem brutalen Überfall von Hinterwäldlern gelingt die Flucht – doch die Großstädter werden verflucht, und das Böse sucht sie auch in L.A. heim.

Bewertung

Richard Laymon – Splatterkönig der übertrieben unsinnigen Gewalt, Erotikkönig der derbsten Art? Das dachte ich zumindest, denn „Der Wald“ ist ausgesprochen zahm. Fantasien, ob der gewalttätigen Ader oder der sexuellen, können nicht im Ansatz ausgelebt werden. Vielleicht liegt es daran, dass „Der Wald“ eines der früheren Laymon-Werke ist, vielleicht ist der Autor aber auch bewusst ungewohnt sachte an den Roman heran gehen. Erfahren werden wir es wohl nie; doch genießen können wir den Roman noch immer. Denn in der Qualität ändert sich nichts!
Zwei Familien machen sich auf auf einen Wanderurlaub. Verstohlene Blicke, nasse Blusen, Frauen im Badeanzug … Laymon-Leser sind das gewohnt. Doch heimlicher Sex im Zelt und vorsichtige Turteleien zwischen Teenagern wirken doch etwas befremdlich. Niemand rammelt jemanden bis in die Bewusstlosigkeit und niemand stellt sich die aufregendsten sexuellen Fantasien vor. Richard Laymons Figuren sind ausnahmsweise kein Kanonenfutter der Gewalt. Richard Laymons Figuren bekommen Charakter! Tiefgründig ausgearbeitet sind sie natürlich nicht; zum Anfreunden und lieb gewinnen langt es aber sehr gut.
Was sich in der Charaktergestaltung niederschlägt, vertieft sich auch in der Szenerie. Das Wandern, Campen und Erzählen von Gruselgeschichten am Lagerfeuer wirkt beschaulich, wirkt atmosphärisch und lädt zum Verweilen ein. Da stört es auch nicht, dass in der ersten Hälfte des Romans wenig bis gar nichts passiert. Die sich langsam aufbauende Spannung, die Eskalation der Gewalt wird stetig erwartet, hält bei Stange und Laune.
Die Eskalation der Gewalt? Nun, auch diese bekommt keinen Platz eingeräumt! Ok, blutig wird das Geschehen. Doch was Laymon hier in einem ganzen Roman unterbringt, quetscht er an Gewalt und lüsternen Fantasien zumeist auf fünf Seiten. Die Hexe Ettie und ihr zurückgebliebener, notgeiler Sohn Merle sind keine nach Blut gierenden sadistischen Menschenfresser, sie sind lediglich eine düstere Bedrohung am Horizont. Mit ihnen und der Verfluchung der beiden Familien zieht sich dann aber auch die Spannungsschraube an. Doch gewalttätig wird „Der Wald“ deswegen nicht, nur übersinnlich.
Ein Leben wie bisher in L.A. ist nicht mehr möglich. Die Gefahr für Leib und Leben wird immer größer, sodass die Familien sich gezwungen sehen noch einmal in den Wald aufzubrechen, um der Hexe und mit ihr dem Fluch ein Ende zu bereiten.
Richard Laymon ist lediglich einem Punkt treu geblieben: Dem einfachen Stil. Viel verlangt Laymon nicht. Viel fordert er nicht. Und viel bietet er auch nicht. Zumindest den Lesern, die auf eine weitere Gewaltorgie hofften. Atmosphärisch bietet der Roman umso mehr. Und das sogar ziemlich gut!

Fazit

Auf dem Index wird „Der Wald“ mit Sicherheit nie landen. Doch gerade deswegen ist er ausgesprochen gut. „Der Wald“ ist eine Überraschungs-Wundertüte, denn Laymon setzt auf angenehme Atmosphäre und sympathische Charaktere; das zwar auf seine typisch einfache Art, doch gerade für Leser, die erst einmal Laymon-Luft schnuppern wollen, ist dieser Roman zu empfehlen.

3 von 5 Punkten

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