Freitag, 14. Dezember 2012

Rezension: Der Spieler (Paolo Bacigalupi)

Golkonda
Klappenbroschur, 216 Seiten
ISBN 978-3-942396-15-8
14,90 €


Ein kurzer Einblick

Ein religiöser Führer existiert nur noch als digitale Kopie, ein Flüchtling kämpft ums Überleben, und ein Journalist wird mit einem völlig neuen Paradigma der Berichterstattung konfrontiert ...

In einer global vernetzten Welt sind die Folgen politischer Entscheidungen, ob sie nun in New York oder Bangkok gefällt werden, in allen Gesellschaftsschichten spürbar. Überkommene Traditionen werden infrage gestellt, Lebens- und Arbeitsverhältnisse neu definiert. Auch wenn wir uns darüber nicht immer im Klaren sind − die Zukunft hat uns längst eingeholt. Und Paolo Bacigalupi erzählt aus dieser Welt von Morgen.

Bewertung

Mit dem Roman »Biokrieg« (Heyne), der u.a. den Hugo Award und den Nebula Award gewann, wurde Paolo Bacigalupi auch in Deutschland bekannt. Zuletzt erschien hierzulande sein Roman »Schiffsdiebe« (Heyne). Einen Namen hat er sich jedoch zuvor mit Erzählungen gemacht. Sechs der Storys sind im ambitionierten Golkonda Verlag unter dem Titel »Der Spieler« auch in deutscher Übersetzung erhältlich.
Mit überragender Fantasie, einer stilistisch hervorragenden Übersetzung und dem Gefühl eine fremde, aber sehr wohl reale Welt zu besuchen, gelingt es Paolo Bacigalupi mühelos die Faszination seiner Welten, seiner Kreationen fiktiver Zukünfte zu verbreiten und mit ihr zu verzaubern. Dadurch, dass keine 10-seitigen Storys, sondern Erzählungen vorliegen, darf man die Weltenentwürfe in vollen Zügen auskosten ohne von einem Entwurf, so ausgereift er auch sein würde, in den nächsten zu hasten und zu hüpfen. Dies bekommt nicht nur den Geschichten selbst, sondern auch dem Lesespaß sehr gut. Verbunden mit einer qualitativ hochwertigen Aufmachung, sind nicht nur die Geschichten ein fantastisches Leseerlebnis der intelligenten Art, sondern ist auch das Buch eine wahre Augenweide, das man mit Sicherheit noch öfter in die Hand nehmen wird.

»Die Tasche voller Dharma«: Der Bettlerjunge Wang Jun wird Zeuge eines Mordes und sogleich von den Tätern zu einem Boten gemacht. Wang Jun soll einen Datenwürfel politisch-religiösen Inhaltes einem Fremden überbringen. Er ahnt nicht, dass er soeben in einen Konflikt weltweiten Interesses hineingestolpert ist.
Wang Jun lebt in der chinesischen Metropole Chengdu in den ausufernden Slums. Stets vor Augen hat er den Wohnkomplex der Reichen, der aus lebendem Baumaterial erschaffen, mehr und mehr die Slums zu überwachsen beginnt. In einer Welt der sozialen Ungerechtigkeit und des Überlebenskampfes gelangt Wang Jun an den Datenwürfel, der sein Leben verändern wird. In seiner Hosentasche trägt er brisantes Material, das von vielen Nationen heiß begehrt ist. An ihm ist es zu bewerten, welche ethische und religiöse Entscheidung er treffen soll. Das Wort »Dharma« kommt nicht von ungefähr, sondern ist ein Begriff des Hinduismus und Buddhismus und bedeutet so viel wie ethische und religiöse Verpflichtung.

»Das Flötenmädchen«: Die Biotechnologie kann Einzigartiges, aber auch ebenso Grausames bewerkstelligen. Das Flötenmädchen, das unter der Herrschaft der Madame Belari aufwächst, bekommt diese Macht am eigenen Leibe zu spüren. Ihre Knochen sind porös, weil sie ausgehöhlt sind. Ihre Glieder sind mit Klappen und Löchern versehen, denn das Flötenmädchen ist eine lebende Flöte. Gemeinsam mit ihrer Schwester, der das gleiche Leid wiederfahren ist, führt sie einen erotischen Tanz auf, während sie einander umschlingen und sich gegenseitig die wundervollsten Töne und Melodien entlocken. Natürlich geht es nur um Geld, um Geld und Macht.
Es stellt sich die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit der Anwendung der Biotechnologie auf derart grausame Weise. Ausdiskutiert wird sie nicht, dafür aber auf die gesellschaftliche Struktur einer Welt eingegangen, in der sich nicht das Volk versorgt, sondern ein Machtvertreter alle Fäden in der Hand hält. Die Welt der Madame Belari ist eine Welt der dekanten Reichen und des armen Pöbels, der dankbar sein muss das Leben ermöglicht zu bekommen.

»Der Pascho«: Raphel Ka‘Korum kehrt in seine Heimatstadt der Jai, einem Wüstenvolk, zurück, in der er jedoch nur zu Teilen willkommen ist. Einst ist er fortgegangen in die Welt der Keli, die Wasser im Überfluss besitzen, und legte dort seine Ausbildung zum Pascho ab, einem Hüter des Wissens und des Fortschritts. Die Jai aber lehnen das Wissen ab, verharren in ihren starren Strukturen, in denen sie Jahrhunderte überlebten. Doch die Paschos sind geduldig und können warten bis andere Völker ihr Wissen freiwillig annehmen.
Einst wurde das Land durch ungezügelten Fortschritt vernichtet, Völker starben und Seuchen brachen aus. Diese Zeiten sind längst überwunden und der Fortschritt der Technologie wird durch die Paschos verwaltet. In gesunden Portionen wird das Wissen in der Hoffnung verbreitet nicht erneut eine derartige Katastrophe zu erleben, wie sie vor Jahrhunderten geschah.

»Der Kalorienmann«: Lalji soll mit seinem Boot den Mississippi hinauffahren; mitten in das Kalorienanbaugebiet und dort den Kalorienmann abholen, der von den herrschenden Agrarkonzernen mit allen Mitteln gesucht wird. Ihm, so wird gesagt, kann es gelingen die Monopolstellung der Konzerne brechen.
Die fossilen Energien sind aufgebraucht. Monopolisiertes Saatgut wird umgewandelt in Energie und in Hochleistungs-Federwerken gespeichert. Genfledderer und Kalorienschmuggler werden mit aller Härte bestraft. Die Monopolstellung der Konzerne scheint allmächtig zu sein, denn das Überleben der Menschen hängt von dem Saatgut ab. Was aber, wenn diese Monopolstellung gebrochen werden könnte? »Der Kalorienman« spielt in der Welt des Romans »Biokrieg« und erhielt den Sturgeon Award.

»Yellow Cards«: Tranh war einst ein reicher Unternehmer, bis sich das Antlitz der Welt wandelte. Nun lebt er als Yellow Card am Rande der Existenz auf den Straßen Bangkoks, in denen er als Ausländer nicht willkommen und darum stets auf der Hut sein muss sich nicht die Wut der Weißhemden auf sich zu ziehen. Nur mit Glück kann er sich hin und wieder etwas Arbeit verschaffen. Mit Ma, den er einst feuerte, auf die Straße setzte, nun aber kaum Existenzsorgen besitzt, entspinnt sich die Frage: Regiert Schicksal oder das eigene Geschick das Leben und Überleben?
Auch »Yellow Cards« siedelt sich in der Welt von »Biokrieg« an und wurde für den Nebula Award nominiert. Die Monopolstellung der Agrarunternehmen rückt jedoch weit in den Hintergrund, stattdessen konzentriert sich die Geschichte auf die Entwicklung und Folgen nach dem großen Umbruch, als sich die Welt wandelte.

»Der Spieler« wurde für den Hugo Award und den Nebula Award nominiert: Ong wurde als Kind aus Laos evakuiert, das Land fiel einem Putsch zum Opfer. Er lebt und arbeitet in den USA in der News-Redaktion eines gigantischen Medienunternehmen. Die Quote ist alles. Der Mahlstrom, die Infotainment-Produktion, wird in Realzeit gemessen und mit konkurrierenden Unternehmen verglichen. Mehr Infos, mehr Leser, mehr Quote, mehr Einnahmen: SDS. »Sex, Dummheit und Schadenfreude« lautet das Schlagwort, dass die Masse konsumiert. Echte Nachrichten sind aus der Mode gekommen.
»Der Spieler« besitzt das Potential und die Möglichkeit keine Zukunftsvision zu sein. Zynisch überdrehte und karikativ in Szene gesetzte heutige News-Redaktionen sind immerhin weltweit zu finden. SDS bedient doch in unserer Gegenwart einen Großteil der Bevölkerung, die sich damit auch noch zufriedengibt. Etwas überzogen, etwas zynisch - aber steuern wir nicht direkt darauf zu?

Immer wieder konfrontiert Paolo Bacigalupi den Leser mit Verantwortung von Technologie und Fortschritt und Verantwortung von gesellschaftlicher Entwicklung. Wo stehen wir in diesem Komplex, der unsere Welt ausmacht? In sich geschlossene Geschichten gibt es nicht, stets bleibt eine Lücke offen, die als Aufforderung gesehen werden darf, sich selbst eine Meinung zu bilden, darüber nachzudenken, worauf wir vielleicht zusteuern. Genmanipulation, Gesellschaftssysteme und die Befriedigung des Volkes vermischen sich mit Ethik, Moral und der Verantwortung jedes einzelnen Menschen.

Fazit

Paolo Bacigalupi hat den Spagat zwischen Spaß am Lesen, ausgereifter Weltentwicklung mit Gesellschaftssystemen, niveauvoller Handlungsentwicklung und der lesereigenen Beurteilung geschafft. Hier stimmt alles, hier gibt es nichts zu bemängeln. Düstere Zukunftsszenarien, blühende und doch unterdrückte Kulturen - wohin werden wir unsere Welt steuern?

5 von 5 Punkten

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