Sonntag, 9. Dezember 2012

Rezension: Der Schrecksenmeister (Walter Moers)

Piper
Taschenbuch, 384 Seiten
ISBN-10: 3492253776
9,95 €

Ein kurzer Einblick

Die Kratze Echo ist mit dem Schrecksenmeister Eißpin einen tödlichen Vertrag eingegangen. Eißpin muss die Kratze auf kulinarischem Höchstniveau einen Monat lang füttern, damit er der Kratze das Fett auskochen darf. Unterdessen sinnt Echo nach einem Ausweg aus diesem Vertrag und hofft auf die Hilfe der Schreckse Ezanuela.

Bewertung

Kulinarische Köstlichkeiten, die den Gaumen verwöhnen, die Geschmacksnerven vollkommen ausreizen; Gewürz- und Kräuterdüfte aller Art, die die Nase mal liebreizend kitzeln und dann vor einem Brodem ekelhaftesten Gestankes rümpfend zurückweichen lassen; Die Hauseinrichtung des Schrecksenmeisters Eißpin lädt ein zum betrachten obskurer Bilder, dämonischer – aber ausgestopfter – Ungeheuer – Das ist Moers Welt. Mit akribischer Detailgenauigkeit fabuliert er nicht nur für das Auge und die Nase, sondern schildert das Abenteuer Echos, das kaum fantastischer sein könnte. Was schnell zur faden Geisterbahnfahrt verkommen kann, verwandelt Moers hingegen in ein schillernd buntes, aber dennoch genauso düsteres, Überlebens- und Liebesabenteuer. So entfaltet sich vor dem Leser nicht nur eine bedeutungslose Aufzählung, sondern eine Mixtur aus Sprache und Fantasie, die alles andere als langweilig daher kommt. Moers weiß, wo er einen Punkt machen muss. Er lässt seine ganz eigene Welt entstehen, baut ein komplexes Kopf- und Duftkino auf, das so selbstverständlich zur Moers'schen Schreibe gehört wie die Feder zum Vogel.
Dies alles mag zwar zu einer eher etwas ruhigeren Schreibe verleiten, da ein rasantes Tempo meist einfach nicht möglich ist, doch die Sprache zieht den Leser unbezwingbar weiter, lässt ihn mal verweilen, mal eilen und dann wieder genüsslich durch die unzähligen Räume von Eißpins Schloss streichen. Ich sprach zuvor schon von einem Kopfkino: und genau das ist es, was sich hier entwickelt. Moers zaubert Bilder herauf, die einmalig sind, die faszinierend sind, die abstoßend sind, die herzerfrischend sind, die eindringlich sind. Doch dies hört nicht bei den Bildern auf, die sich dem Leser unweigerlich aufdrängen. Moers hat einmal mehr sein eigenes Buch illustriert. Hier drängt sich sogleich der Vergleich zwischen Moers' und der des Lesers Bildern auf. Was Moers schon durch die Sprache geschaffen hat, findet Bestätigung in seinen Bildern. Sie spiegeln verdammt genau das wieder, was der eigene Kopf ausgebrütet hat. Hier ist nicht nur ein begnadeter Autor, sondern auch ein Künstler am Werk, die sich perfekt ergänzen und kombinieren.
Und doch ist dies noch nicht alles. Fantasie hat Moers schon in seinen Beschreibungen bewiesen, doch er reichert allein schon die sehr schräge Grundstory mit Details und verrückten Ideen an, dass der kreative Topf am überkochen sein muss. Er schwadroniert über gekochte Gespenster, eine Eule mit einem witzigen Sprachfehler, die Ledermäuse, die sich nicht einmal selbst verstehen, oder über zahllose Geheimnisse, die sich im Schloss Eißpins finden lassen. Doch Moers geht viel tiefer. So staffiert er des Schrecksenmeisters Fettkeller mit einem komplizierten Schlosssystem aus, lässt Echo als Dämonenbiene gegen die Gottheit Knorx protestieren oder knusprige Hühnchen, die in Booten auf einem Milchsee schwimmen, verzehren oder einfach nur über die Dächer streunen und die erhabene Aussicht von dort oben genießen. Detailgenauigkeit, die begeistert und niemals langweilig wird.

Fazit

Mit „Der Schrecksenmeister“ ist Walter Moers einer jener Romane gelungen, die noch lange in Erinnerung bleiben werden und ein verrucht märchenhaftes Bild ins Gedächtnis rufen, das man so schnell nicht missen möchte. Moers jagt ein Feuerwerk von Einfallsreichtum und lebender Sprache in die Luft, wie man es selten erlebt. Und dennoch fehlt der letzte wirklich zündende Funke; doch das macht auch schon wieder nichts.

4 von 5 Punkten

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