Sonntag, 9. Dezember 2012

Rezension: Der Ruf der Schlange (Andreas Gößling)

Klett-Cotta
Hardcover, 527 Seiten,
ISBN: 978-3-608-93875-3
22,95 €


Ein kurzer Einblick

Ein uralter Schöpfungs- und Vernichtungszauber streckt seine schrecklichen Klauen aus: Einst war die Schlange von den Schöpfergöttern unterworfen worden. Jetzt befreit sie sich und droht die Welt zu zerreissen.

Phora, die ruhmreiche dunibische Hauptstadt, im Jahr 713 neuer Zeit: Mysteriöse Todesfälle erschüttern die Öffentlichkeit. Die Opfer wurden allesamt schrecklich zugerichtet – Stammhirn und Rückgrat der Leichen sind spurlos verschwunden. Die Taten eines Wahnsinnigen,wie behauptet wird? Samu Rabov ist anderer Ansicht: Magie hebt ihr grausames Antlitz. Seit Jahrtausenden warnen spirituelle Lehren vor den »Schlangenkräften«, die in den Körpern der Menschen auf ihre Entfesselung lauern, und ebenso lange schon huldigen Schlangenanbeter in serpentistischen Orden und okkulten Riten der göttlichen Schlange und ihrer dunklen Kraft. Rabov muss Jagd auf die bereits entfesselten Schlangen machen und zudem den Zauber von Naxoda zerstören, bevor die Katastrophe ihren Lauf nimmt. Die Zeit drängt ...

Bewertung

Archaische Mystik verbindet sich mit einem düster-epischen Fantasykrimi, schmückt sich mit Steampunkelementen und liefert eine erstaunliche Eigenständigkeit ab, die leider viel zu selten im Genre der Fantasy anzutreffen ist. Andreas Gößling hat mehr als einen Roman erschaffen, er hat seiner Welt Beine verliehen, der Menschheit eine detailreiche Kultur und Religiosität – nur die Hände dieser Welt sind in einem ewigen Kampf verschlungen. Authentisch, lebensecht und lebendig gestaltet, spielt sich der Hauptteil der Handlung in der dunibischen Stadt Phora ab. Durch Rückblenden und Legenden gelingt es Andreas Gößling auch ein detailreiches Bild der Welt Phoras zu vermitteln. Aber auch der etwas ausschweifende Stil trägt viel dazu bei, dass der Leser sich zwischen den Zeilen, in den Gassen Phoras und in der Welt Dunibiens und Zaketumesiens verlieren kann.
Allein die Flora und Fauna vermag den Lesefluss etwas zu stören. Natürlich bereichert die Tier- und Pflanzenwelt den Detailreichtum und damit die Atmosphäre des Romans, doch eine Vielzahl an Tieren und Pflanzen ist erfunden, wird erwähnt, aber nicht weiter erklärt. Was genau hat man sich unter den Gora-Vögeln oder Syrassen nun genau vorzustellen? Ein ungefähres Bild mag zwar dank der eigenen Fantasie im Kopf Gestalt annehmen, doch die ein oder andere nebensächlich erwähnte Andeutung zur Gestalt wäre wünschenswert gewesen, wäre das Eintauchen in den Roman doch gleichfalls leichter gefallen. Und trotz oder gerade wegen diesen kleinen Schönheitsfehlers bleibt ein eindrucksvoller Nachgeschmack der Schlangenmystik, des schleimig-sumpfigen Randstadtgebietes Phoras im Kontrast zur pompös-eindrucksvollen Innenstadt zurück.
Ein religiöser Zwiespalt wird Phora zum Verhängnis. Sollten je die Schlangen erneut aus ihren nassen Nestern schlüpfen und die technische Errungenschaft Einzug halten, wird die Welt in einer zweiten Flutwelle ertrinken – so der Glaube der Dunibier. Der Schlangenzauber von Naxoda macht sich diesen uralten Konflikt zunutze und schürt die Angst der Bewohner Phoras. Es ist ein Krieg uralten Glaubens und dem natürlichen Fortschritt geistiger Ideen, ein Kampf zwischen der Religion und der Technik.
Phora, die reichste Stadt Dunibiens, ist der Hauptschauplatz der Handlung. Man könnte meinen ein Setting wie aus dem Bilderbuch: typisch mittelalterlich (allerdings mit einer doch sehr fremdartigen Kultur, die sich allerdings durch Dampfwagen und Melodophonen (Technik, die sich durchsetzen konnte) vom altbekannten Bild abzuheben vermag). Schlangenkulte, düstere Riten und okkulte Zusammentreffen Gleichgläubiger lässt eine archaische Mystik entstehen, die an die Mayas und Inkas erinnert; zumindest als nächst stehender Vergleich zu unserer Welt.
Zunehmend düster, mysteriöser und blutiger wird die Handlung. Bleiche Menschen fressende Riesenschlangen treiben ihr Unwesen in der Stadt und mysteriöse Morde bereiten dem starrköpfigen, Autorität ablehnenden Einzelgänger Samu A. Rabov Kopfzerbrechen, denn das Puzzle, die Suche nach dem Verbrecher des Naxoda-Zaubers gleicht der Stecknadel im Heuhaufen. Der Erkenntnis, die sich Samu A. Rabov schließlich stellen muss, ist fernab seiner Vorstellung des Möglichen; zumindest, bis er seine Meinung ändern muss und das kleinere Übel für Phora wählt - und doch nur sein eigenes Ziel vor Augen hat, das konsequent zum doch sehr offenen Ende verläuft.

Fazit

„Der Ruf der Schlange“ ist anspruchsvolle und eigenständige (!) Fantasy für das erwachsene Publikum. Schlangenkulte und archaische Mystik ziehen den Leser in den Bann, fordern ihn aber auch heraus, denn die Ermittlungen Rabovs laden zum Mitdenken ein. Freunde der Fantasy und des Horrors sind herzlich dazu eingeladen, zu diesem Roman zu greifen.

4 von 5 Punkten

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