Mittwoch, 12. Dezember 2012

Rezension: Der letzte Schattenschnitzer (Christian von Aster)

Klett-Cotta
Hardcover, 313 Seiten
ISBN 978-3-608-93917-0
19,95 €


Ein kurzer Einblick

Als eine alte Magie wieder zum Leben erwacht, beginnen die Schatten sich gegen ihre Herren zu verbünden. Und während ein kleiner Junge die Schatten seiner Stofftiere vertauschen lernt, geschieht ein Wunder, das die Welt in Verzückung setzt: Ein Mädchen ohne Schatten wird geboren, Carmen Maria Dolores Hidalgo.
Von jeher wacht der Rat der Schattensprecher über das Gleichgewicht zwischen Menschen und Schatten. Noch bevor die sagenumwobene Maria Dolores das Licht der Welt erblickt, wächst ein Kind mit einer unglaublichen Begabung heran: Jonas Mandelbrodt.

Er ist dazu bestimmt, die Sprache der Schatten zu erlernen. Mithilfe eines fast vergessenen magischen Zaubers ist er die einzige Hoffnung, den Krieg zwischen Mensch und Schatten zu verhindern. Als Jonas und Maria Dolores aufeinandertreffen, beginnt ein phantastisches Schattenspiel um Magie, Intrige und Macht.

Bewertung

Ihr achtet doch euren Schatten? Ihr ehrt ihn und behandelt ihn mit Respekt? Das will ich jedem zu Herzen legen, denn Jonas Mandelbrodts Opfer soll nicht umsonst gewesen sein. Wem die Geschichte des Jonas Mandelbrodt nicht bekannt sein sollte, sie steht niedergeschrieben im „Der letzte Schattenschnitzer“ des Autors Christian von Aster; ein geschätzter Mann, wenn er derartige Geschichten für die Nachwelt festhält! In Geschichtsbüchern mag dieser Teil weggelassen worden sein, doch die Menschheit muss erfahren, dass die Schatten kein natürliches Phänomen sind. Ehrt ihn also, euren Schatten, und achtet ihn, denn nur wer Respekt zeigt, wird Respekt ernten.
Jonas Mandelbrodt war niemals ein normales Kind. Seine Mutter, sprunghaft im Leben mit Männern, hatte ihr Mühe und Sorge. Sie wollte Jonas ein normales Leben schenken. Doch Jonas war charakterlich anders. So anders, dass niemand ihn an die anderen Kinder anpassen konnte. Immer saß er im Abseits und spielte mit dem Gras. Schließlich diagnostiziert man ihm Autismus. Eine Inselbegabung hat Jonas wirklich. Wenn auch nicht auf die Weise, wie die Ärzte sich das wohl vorstellen würden. Jonas ist bewandert in der Kunst des Schattenschnitzens. Sein Schatten lehrte ihm diese Gabe, die das Gleichgewicht der Welt zwischen Mensch und Schatten ins Ungleichgewicht kippen könnte. 
Ein paar Jahre nach Jonas' Geburt wird in Mexiko ein Mädchen mit Namen Carmen Maria Dolores Hidalgo ohne Schatten geboren. Von den einen als Wunder angebetet, von den anderen als Sünde aufgefasst, ist Jonas' Schicksal eng mit dem des Mädchens verbunden. Denn schon längst greifen unbekannte Mächte nach der Krone der Herrschaft über den Menschen.
Christian von Aster erzählt von einer Welt, die die unsrige ist, die wir zugleich aber kaum kennen. So fremd sie uns erscheint, so nah ist sie uns. Jeder von uns besitzt einen Schatten und Schatten sind die zentrale Idee von Asters. Sie sind jene Wesen, vor denen wir uns nicht fürchten, die wir aber am meisten fürchten sollten. Wir sollten unseren Schatten kennen, unseren Schatten, der vielleicht zum schlimmsten Feind werden könnte. Altbekanntes wird unbekannt. Von Aster lässt kaum einen Stein auf dem anderen. Er erschafft eine neuartige Welt. Er ersinnt sich neuartige Ideen. Nichts gleicht dem, was wir kennen oder schon lasen. Und trotz allem wirkt alles so glaubwürdig, so real – ist es das gar? Oder erliegen wir nur der Versuchung des Glaubens, weil Schatten unsere Wegbegleiter durchs Leben sind?
Aus der Sicht von Jonas Mandelbrodts Schatten, aus der Sicht eines omnipräsenten Erzählers erzählt, unterbrochen von Passagen aus der Alchimia Umbrarum, dem Lehrbuch der Schatten, ersinnt von Aster eine kreative Erzählperspektive, die alles andere als leicht zu handhaben ist. Und doch schafft der Autor das fast Unmögliche – setzen wir das Unmögliche einfach mal voraus –, virtuos spielt er mit der Sprache und findet einen Stil, der sich irgendwo zwischen antiquierter und flüssiger Sprache und Detailverliebtheit ansiedelt. Gebettet in eine komplexe Handlung, ohne sich in endlosen Nebensträngen zu verlieren, und unerwarteten Wendungen, die dem Roman eine wohlwollende Unvorhersehbarkeit verleihen, zieht die Handlung uns in eine Welt der Schattenmagie. Christian von Aster macht wenig falsch, das Meiste – vielleicht sogar alles – richtig, und präsentiert nach der Großen Erzferkelprophezeiung (Egmont LYX) einen bezaubernden, düsteren und kreativen Roman.

Fazit

Magie, Intrige und Verrat – so bekannt uns die Motive sind, so unbekannt und neu sind die Ideen des Christian von Aster, der die Schatten gegen uns auferstehen lässt, sie zum schlimmsten Feind ernennt. „Der letzte Schattenschnitzer“ ist mit seiner eigenwilligen Art ein neuer Geheimtipp aus dem Hause Klett-Cotta, das seine Achtung erfahren sollte.

4 von 5 Punkten

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