Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Der Gast (Richard Laymon)

Heyne
Taschenbuch, 768 Seiten
ISBN 978-3-453-43531-5
9,99 €


Ein kurzer Einblick

Eine Nacht in Los Angeles: Eher aus Zufall befreit der ängstliche Neal eine junge Frau aus der Gewalt eines Serienkillers. Zum Dank dafür schenkt sie ihm ein Armband, das magische Kräfte besitzt. Mit seiner Hilfe kann man in die Körper anderer Menschen eindringen – fühlen, was der andere fühlt, spüren, was der andere denkt. Doch was zunächst ein prickelndes Erlebnis zu sein scheint, verwandelt sich für Neal schnell in einen Alptraum.

Bewertung

Ein magischer Thriller, ein Armband mit an Zauberei grenzenden Fähigkeiten und ein triebgesteuerter Protagonist (das klingt doch hervorragend für einen Laymon-Roman) stehen einer blutarmen Handlung, Brustwarzen auf jeder Seite des Romans und inhaltsleeren Textpassagen (das riecht weniger nach einem Pageturner) gegenüber. Richard Laymons einfaches Konzept aus Sex, Blut und Gewalt gepaart mit einem knappen, simplen und schnörkellosen Stil versagt erstaunlicherweise. Aber was hat Splatter-König Richard Laymon falsch gemacht? Die Grundvoraussetzung stimmt doch!
Wäre es nicht fantastisch das magische Armband Neals zu besitzen, selbst in fremde Körper zu schlüpfen, nach fremden Gedanken zu lauschen, zu fühlen, was diese Menschen fühlen? Oh, was könnte man an Abenteuern erleben! Neal und Sue genieren sich nicht und erfüllen sich ihre erotischsten Träume, aber entdecken auch die grausame Gedankenwelt eines Sadisten. Das sind doch erfreulichste Voraussetzungen für einen Roman, wie man ihn von Laymon kennt. Wenn der Autor aus dieser phantastischen Idee aber keine grandiose Idee macht, aus dem Zauberhut statt des Karnickels nur einen müden Luftzug zieht, hilft auch die beste Inspiration wenig.
Die Handlung treibt lange Zeit zwar nicht ziellos durch die Gegend, aber ohne nennenswerten Lesespaß. Auf den ersten 300 Seiten passiert - öhm ... nichts! Brustwarzen hier, nasse T-Shirts da, knackige Hintern dort drüben und schmutzige Fantasien pflastern den Weg. Für Laymon ist das zwar nicht ungewöhnlich, aber derart sinnlos zum Selbstzweck eingesetzt ist dies selbst eines Laymons nicht würdig. Etwas - und sei es noch so klein - Bezug zur Handlung besaß die Darstellung von nackter Haut in aller Regel dann doch.
Auch seine Figuren zeichneten sich noch nie durch großartige Tiefgründigkeit aus. Mussten sie auch nicht, man mochte sie auch so. Unglaubwürdig waren sie und dürfen sie sein, wenn aber die Unglaubwürdigkeit über Maß strapaziert wird und weder Handlung, Stil oder Idee von den Stereotypen und sexgetriebenen Charakteren ablenken, spätestens dann versagt auch der Lesespaß bei einem Richard Laymon. Kürzungen hätte »Der Gast« bitter nötig gehabt. Die Story ist unnötig aufgebläht, nackte Haut und Sexszenen dienen mehr denn je dem Selbstzweck und die Charaktere verhalten sich abstrus. Selbst die sonst so oft eingesetzten brutalen und sadistischen Szenen entfallen auf den Anfang und das Ende: Dazwischen lassen sich lediglich Hautabschürfungen finden. Eine Komprimierung auf 400 Seiten hätte den Roman eventuell retten können.

Fazit

Eine hervorragende Idee hat Richard Laymon hervorragend vermurkst. Es ist eine Kunst für sich stereotype Gestalten zu toppen, ansatzweise handlungsbezogene knapp bekleidete Frauen zur Selbstdarstellung verkommen und erwartete typisch sadistische Szenen unter den Tisch fallen zu lassen. Greifen wir also lieber zu Romanen wie »Die Insel«, »Das Spiel« oder »Der Käfig«.

1 von 5 Punkten

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