Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Der Dunkle Turm 2. Drei (Stephen King)

Heyne
Taschenbuch, 608 Seiten
ISBN 978-3-453-87557-9
9,99 €


Ein kurzer Einblick

Nach der Konfrontation mit dem Mann in Schwarz erreicht Roland im zweiten Band der Saga den Strand des Meeres, wo sich ihm drei Türen in unsere reale Welt öffnen. Mit einem neuen Vorwort.

Bewertung

Vom Mann in Schwarz erhielt Roland die Prophezeiung der Drei. Nur ein paar Stunden später, nach Ende des Bandes »Schwarz«, macht sich Roland Deschain, der letzte Revolvermann, auf die Suche. Noch am gleichen Strand entsteigen den Fluten des Meeres eigentümliche Kreaturen, die Roland verstümmeln und tödlich vergiften. Mit letzten Kräften, einem fehlenden Finger seiner Revolverhand und abgebissenem Zeh, rettet sich Roland in sichere Entfernung. Menschliches Leben, geschweige denn Hilfe jedweder Art, ist auf Meilen nicht in Sicht. Doch Roland gibt nicht auf, er kämpft weiter, er muss den Turm erreichen. Aber auch er weiß, dass die Vergiftung ihn dahinraffen wird. Eher alsbald als in Tagen. Was soll der Leser mit einem Protagonisten anfangen, der dem Tode nahe ist? Stephen King hat sich einen Kniff ausgedacht, der sowohl den willensstarken Charakter Rolands vertieft, als auch die Regeln und Gesetze der Welt Rolands ausweitet. Schon bald trifft Roland auf eine der Türen, die in unsere Welt führen und Roland mögliche Rettung bieten.
Die Saga um den Dunklen Turm tritt auf der Stelle, die Endzeitstimmung, die den ersten Band prägte, ersetzt die Fantasy. Doch dafür lernen wir umso mehr über Roland und seine Willenskraft, obwohl der Revolvermann zu einer handlungszusammenschweißenden Figur degradiert wird. Roland muss seinen Posten des Lesers Aufmerksamkeit mit den ominösen Drei teilen. Während »Schwarz« eine Einstimmung in den Kosmos des Dunklen Turmes ist, ist »Drei« eine psychoanalytische Studie von Mensch und Gesellschaft. Stephen Kings Fans wissen, dass der Meister des Horrors Charaktere lebensecht, überzeugend und tiefgründig zu zeichnen imstande ist. Eine tadellose Ausführung bis in die Nebenfiguren hinein, die kaum eine handlungsrelevante Rolle spielen, gelingt ihm auch in diesem Roman. Einerseits lernt man die Figuren zu lieben oder zu hassen, andererseits erzeugt die Charakterausführung ein stimmiges Bild der jeweiligen Zeit (die Roland besucht), die skizzenhaft präzise wiedergegeben wird.
Tödlich verwundet flüchtet Roland der Prophezeiung folgend durch die erste der drei Türen nach New York. Sein Körper bleibt ungeschützt zurück, sein Geist erhält die Macht, die Kontrolle anderer Menschen zu übernehmen. Der Revolvermann kann Dinge aus dieser Welt mit in seine nehmen, aber nicht umgekehrt. Wie zu vermuten, ist der Roman aufgeteilt in drei Abschnitte respektive drei Reisen in unterschiedliche Körper. Rolands erste Reise führt ihn 1987 in ein Flugzeug, das nach New York unterwegs ist. Eddie Dean, ein Drogenschmuggler, dient ihm dabei als Gefäß für seinen Geist. Seine zweite Reise lässt ihn die Geschichte der Odetta Holmes erleben, die in den 60er Jahren nach Kennedys Ermordung stattfindet. New York ist vom Rassismus gegen die Schwarzen geprägt. Seine letzte Reise bringt ihn schließlich in die 70er Jahre in den Körper des Sadisten Jack Mort. Dieser dritte Teil verbindet sowohl Handlungsstränge und Fragen aus »Schwarz« wie auch aus »Drei« und fügt offene Schnittstellen faszinierend zusammen. Genauer möchte ich gar nicht auf die Charaktere, die Roland helfen seine Vergiftung zu besiegen, eingehen. Eddie Dean, Odetta Holmes und Jack Mort sind alles Menschen mit schweren Schicksalen und Vergangenheiten. Beweggründe und Motive der Gegenwart fußen auf Erfahrungen aus ihrem bisherigen Leben, sodass Stephen King ein wunderbarer Schatz an Möglichkeiten zur Ausgestaltung seiner Figuren zur Verfügung steht.
Die Aufteilung in drei Handlungsabschnitte, die allein durch Zwischenpassagen verbunden werden, tragen zum Gefühl bei, drei zusammenhängende Novellen zu lesen, was der Qualität der Geschichte keinen Abbruch tut. Längere Erklärungspassagen waren ermüdend, kamen aber den Figuren zugute. Rolands Reise tritt auf der Stelle, das Ende lässt dennoch mit Spannung nach »Tot« gieren.
Reisen in fremde Welten sind immer eine zwiespältige Sache. Zwar hat Roland Kenntnis von pferdelosen Kutschen, doch er nimmt die Welt mit all ihren Seltsamkeiten (zumindest für ihn, der hauptsächlich staubige Landschaften kennt) mit überraschender Schnelligkeit an. Die Überwindung des kurzfristigen Staunens wirkt aufgesetzt und gekünstelt. Im Gegenzug bringen den Leser Kleinigkeiten zum Schmunzeln und Lachen. Den Dämon Heroin fasst Roland durch Unkenntnis als bösen Geist auf, der besiegt werden will, bevor ihn die Erkenntnis ereilt, dass Heroin das Äquivalent zu Teufelsgras ist. Aber auch mit den irdischen Namensgebungen hat der Revolvermann so seine Probleme. Er bemüht sich, doch kann er nur schwer mit Namen wie Aspirin (Astin) oder Fotografie (Fottergrafie) umgehen. Diese Lappalien sind es die Roland sympathisch machen; denn Schwächen haben doch wir alle?

Fazit

Mit »Drei« wendet sich Stephen King ab von der Endzeit geprägten Welt des Roland Deschains und hin zur Fantasy mitsamt ausführlicher Charakterstudien. Dieser heftige Umschwung wirkt anfangs irritierend, zumal Rolands Reise zum Dunklen Turm auf der Stelle tritt. Dennoch hat der Meister des Horrors es mittels der verschiedensten Charaktere geschafft, sowohl offene Fragen und Handlungsstränge zu beantworten bzw. zusammenzuführen und gleichzeitig die Erwartungshaltung und Spannung auf das kommende Abenteuer »Tot« zu wecken.

4 von 5 Punkten

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