Mittwoch, 12. Dezember 2012

Rezension: Das Geheimnis der versteinerten Träume (Ralf Isau)

Piper
Hardcover, 480 Seiten
ISBN 978-3-570-13833-5
18,99 €


Ein kurzer Einblick

Der 15-jährige Leo erwacht eines Morgens – und findet in seinem Bett einen Wetterhahn! Der Hahn ist nicht das erste Mitbringsel aus seinen Träumen und so ist Leo dankbar, dass er statt in der Psychiatrie in einem geheimnisvollen Internat am Bodensee landet: Die Traumakademie wurde als Nachwuchsschmiede der Firma „YourDream” gegründet, die Millionen begeisterte Kunden mit maßgefertigten Träumen beliefert. Doch hinter dem Geschäft mit den Designerträumen steckt ein gefährlicher Mann: Refi Zul, Herrscher über den unsichtbaren Kontinent Illúsion, das Reich der ungeträumten Träume. Er zieht immer mehr Traumenergie aus der Menschenwelt ab und bringt die beiden Welten damit aus dem Gleichgewicht. Um eine Katastrophe globalen Ausmaßes zu verhindern, müssen Leo und seine Mitschülerin Orla das Geheimnis der versteinerten Träume lösen ...

Bewertung

„Für Zivilcourage gibt es keine Altersbeschränkung.“ (S. 335)

Salve Oneironauten! Oneironaut heißt so viel wie Traumreisender. Und der Begriff ist in vielerlei Hinsicht auf die Schüler der Traumakademie zugeschnitten. Schlafverwandler und Traumschmiede – jeder Schüler hat seine ganz besondere Begabung. Nachdem Leo fast vor dem Jugendgericht landet (den Wetterhahn vom Kirchendach zu holen ist kein Kavaliersdelikt), wird er in der Traumakademie aufgenommen, damit er seine Traumbegabung trainieren kann. Was andere Schüler nach jahrelangem Training nicht schaffen, gelingt Leo wortwörtlich im Schlaf; ohne dass er sich dem Bewusst gewesen wäre. Leo beschäftigt jedoch nicht nur seine an Magie grenzende Begabung, die scheinbar mühelos alle anderen Schüler und selbst Lehrer in den Schatten stellt, sondern auch die schöne Orla, seine große Liebe auf den ersten Blick. Was sich im ersten Moment kitschig anhört, fügt sich jedoch ins Gesamtkonzept der Handlung stimmig ein. Ein Jugendlicher ist ein Jugendlicher – mit Flausen im Kopf und mit schnell entflammtem Herzen. Orla ist es jedoch auch, die ihm die wahren Absichten über Robert Zaki alias Refi Zul, Stifter der Traumakademie, Herrscher über Illùsion, erzählt, worauf sich Leo ein Abenteuer öffnet, in dessen Sog er erbarmungslos gefangen ist.
Ralf Isaus große Stärke ist die Kombination aus Realität und Fantasy, sein Markenzeichen, dass er abermals kongenial zu vereinen vermag. Mit leiser Stimme erzählt er aber auch von einer Missachtung der Zeit, die der heutigen Gesellschaft der modernen Welten innewohnt. Kinder werden durch die viel beschäftigen Eltern zu geliebten, aber lästigen Objekten und der Schlaf wird den Menschen durch künstliche Träume, den „Your Dreams“, genommen, die keine wirkliche Erholung bringen. Doch im Mittelpunkt steht die Macht der (un)geträumten Träume, aus der sich eine fantastische und atemberaubende Geschichte entspinnt.
Handlungsschauplatz ist der Bodensee, an dem die Traumakademie liegt, und das unsichtbare Reich Illùsion. Ralf Isau liefert ein greifbares Bild der Schauplätze. Mühelos malt er uns plastische Bilder vor Augen, lässt eine Welt im Kopf entstehen, und beflügelt unsere Fantasie. Die Konstellation der Charaktere mag zwar nicht überraschen, aber sie agieren glaubwürdig, authentisch und bieten eine große Vielschichtigkeit. Leos neu gewonnener Freund Benno sorgt zudem für einige Lacher und aufdringlichen Humor, der zwar schnell des Guten zu viel wird, andererseits aber auch sehr gut funktioniert. Exotisch wird zu erotisch, Direktor wird zu Diktator: Im Zusammenhang des Kontextes wirken die Wortverdrehung, funktioniert der Gag.
Ohne zu viel vorweg zu nehmen: Das Finale stellt vieles in der Fantasy in den Schatten! Die entscheidende Schlacht findet nicht in Illúsion statt, sondern spielt auf der Erde, raubt der kompletten Menschheit den Schlaf und versetzt sie in Angst und Schrecken. Leos Begabung wird zur größten Hoffnung und zur größten Gefahr der Menschheit und des Planeten Erde.

Fazit

Eine Handlung, die man nicht jeden Tag findet, Charaktere, die zwar nicht neu erfunden, aber authentisch sind, ein Finale, dass die Herzen und den Pulsschlag der Menschheit in die Höhe treibt – Ralf Isau hat Wolfgang Hohlbein schon lange an Originalität und Frische überholt.

4 von 5 Punkten

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