Mittwoch, 12. Dezember 2012

Rezension: Das Flüstern zwischen den Zweigen (Markolf Hoffmann)

Shayol
Taschenbuch, 178 Seiten
ISBN 978-3-926126-98-6
13,90 €


Ein kurzer Einblick

Mit leisem Rauschen warnen und locken die Stimmen zwischen den Zweigen. In acht Erzählungen führt Markolf Hoffmann seine Leser in das Grenzland zwischen Mensch und Natur, wo Geister und Fabelwesen geboren werden, wenn die Vorstellungskraft ins finstere Herz des Waldes vordringt. Druiden besuchen ein Dorf, um die kleinen Jungen fortzuholen, die der rachsüchtige Forst als Tribut fordert. Ein Elf erweist sich als fremdartiger, als seine menschlichen Gastgeber erwartet haben. Ein kindlicher Traum von der Einheit mit der Natur wendet sich ins Grausame. Ein Botschafter dringt in die Weiten der Steppe vor, um die Wahrheit über die gefürchteten Halbmenschen zu erfahren, die sein Kaiser auf ewig vertrieben wähnte … Hoffmanns Fantasymotive wirken vertraut, doch mit jedem weiteren Schritt ins Unterholz erscheinen sie älter, knorriger und fremder, als wir sie bisher kannten.

Bewertung

Meine Jagd: Der Ich-Erzähler ist Jäger. Dämonenjäger. Er hat einige der mächtigsten Dämonen getötet. Und nun bekommt er einen Auftrag des Goldenen Sultans, dem Herrscher über die westlichen Steppen. Das Gold winkt und er nimmt den Auftrag an. Denn genug Mut hat der Dämonenjäger. Genug Mut, um jeden Dämon zu bezwingen.

Lagerfeuergeschichten machen sich zumeist nur die Atmosphäre des Ausgangsortes zunutze, die meist den gleichen Mustern folgt. Doch Markolf Hoffmann beweist, dass es auch gute Lagerfeuergeschichten gibt! Er verlässt die bekannten Pfade der Fantasy nicht, weitet sie aber aus, verleiht ihnen einen neuen Zauber und macht sie so zu etwas Neuem. Klassisch liest sich die Story noch immer, aber auch erfrischend!
Besonderes Augenmerk sollte dem Ende gelten, denn dieses nimmt einen anderen Verlauf, als man erwarten würde. Hoffmann wählt nicht den schockierend anderen Weg, um sich ja von der Masse abzuheben, er setzt lediglich wiederum neue Nuancen und kreiert damit eine wunderschöne Story, die zwischen Unterhaltung, phantastischem Zauber und einem Körnchen Wahrheit liegt.

Der Mann aus dem Wald: Tief in einem Wald, liegt ein kleines Dorf. Das Leben könnte beschaulich sein, wäre da nicht die Existenz des Waldkönigs und seiner Waldleute. Die Dorfbewohner fürchten sie, fürchten sie so sehr, dass sie nur allzu bereitwillig dem zugezogenen Priester Glauben über das Unheil schenken, das die Waldmenschen über sie bringen werden.

Eine gewöhnliche Story? Ein Mädchen entdeckt und verliebt sich in einen Waldmenschen, der jedoch flieht. Das Mädchen möchte den Waldmensch wiederfinden, doch ihre Eltern lassen das nicht zu. Sie wollen die fremde Kreaturen auslöschen. Dem Mädchen bleibt keine Wahl und stellt sich ihren eigenen Eltern in den Weg.
Das sind bekannte Pfade, das wäre doch der gewöhnliche Storyverlauf – oder nicht? Ja, das ist er und daran rührt auch Markolf Hoffmann nicht. Anders als in Meine Jagd setzt er auch hier neue Nuancen, aber weniger, um der Geschichte eine andere Form zu verleihen, sondern mehr, um den Waldleuten eine interessante Erscheinungsform zu geben.
Überzeugen kann er damit nicht gänzlich. Zu gewöhnlich liest sich die Story, sodass sie letztendlich doch nur in den vielen, vielen Geschichten dieser Art versinkt; bis auf einen klitzekleinen Funken, der vehement die Dunkelheit des Andersartigen durchdringt.

Der Fluch im Farn: Tief in einem Wald, liegt ein kleines Dorf. Das Leben könnte beschaulich sein [Ist dieser Beginn nicht schon aus Der Mann aus dem Wald bekannt?], wäre da nicht der unbarmherzige Fluch der Druiden. Einst war das Dorf eine prächtige Stadt. Heute ist die Stadt nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Fluch zwingt die Menschen den Druiden jährlich ein Kind zum Opfer zu geben, sonst sei ihr aller Leben bedroht.

Markolf Hoffmann zeichnet ein düsteres, unheiliges Bild des Waldes und stellt die Druiden als unbarmherzige Fluchvollstrecker an den Pranger. Ein rot glühendes, in Zuckungen liegendes Auge prangt auf den Hüten der Druiden. Der Fluch im Farn versteht es zu packen, der Ich-Erzähler wird kaum erwähnt, da ist er auch schon ans Herz gewachsen. Selten schafft es eine Geschichte so zu fesseln.
Das Etwas, das diese Geschichte einzigartig und grandios gemacht hätte, fehlt. Was fehlt, ist schwer zu fassen. Was zu fassen ist, ist eine äußert lesenswerte Story.

Am Strand: Der Ich-Erzähler kann die ferne Vergangenheit nicht vergessen. Noch immer kann er das Meeresrauschen hören, obwohl er fernab jeglicher Küste in der Stadt lebt. Doch zu schrecklich sind die Geschehnisse aus seiner Kindheit, als ihr jämmerliches Fischerdorf unter Hunger litt, die Fische an Algen erstickten und der Untergang des Dorfes besiegelt zu sein schien. Doch verzweifelte Menschen, greifen zu verzweifelten Taten …

Am Strand ist die erste Story, in der Markolf Hoffmann keine bekannten Pfade anders verlegt. Vielleicht mögen die Taten der Dorfbewohner ungewöhnlich sein, doch absolut glaubwürdig. Der Mensch sichert sein Überleben. Auf die ein oder andere Weise. Markolf Hoffmann wandelt nichts ab, er erzählt eine ganz normale Geschichte. Diese dafür aber derart eindringlich, dass man meinen könnte, mit in dem Dorf zu leben, unter den Bewohnern zu weilen, die Rolle des Ich-Erzählers zu übernehmen.
Ein ganz besonderer Wind weht dann aber doch durch die Geschichte. Am Strand erinnert an Piratengeschichten. An die wilden Piratengeschichten aus der Kindheit.

Das Flüstern zwischen den Zweigen: Die Ritter der Harmonie finden am Waldrand ein Elfenkind. Um den Elfen nicht zu zürnen – das Kind würde beim nächsten Frost sterben –, nehmen sie das Kind mit. Doch wie ist das Kind an den Waldrand gekommen? Als die Giftprinzen ihre Soldaten vorrücken lassen, entsenden die Ritter der Harmonie eine kleine Gruppe Soldaten zu den Elfen, um das Geheimnis des Kindes zu erfahren. Doch etwas Böses lauert im Wald …

Von der Titelgeschichte wird meist sehr viel erwartet. Versagt diese Story, hat auch das Buch gewaltig an Wert verloren. Markolf Hoffmann jedoch macht das, was er gut kann: Grandiose Geschichten schreiben. Die Szenerie mutet einmal mehr bekannt an, wandelt sich aber zunehmend, bis nur noch die Anfänge den Schein von 0815 vermitteln.
Die Elfen werden uralt. Aber sie haben keinerlei Sinn für die Kunst und die Muse. Erst von den Menschen haben sie Musik und Tanz und was es nicht alles an schönen Dingen gibt übernommen und für die Ewigkeit bewahrt. Für die Handlung entscheidend, entpuppt sich die Auflösung als Epidemie-Roman im Genre der Fantasy.

Die Kerker von Abîme: Nach Gold und Juwelen lechzen die Glücksritter. In den Kerkern von Abîme versuchen die Glücksritter ihr, nun ja, Glück. Sie trotzen Fallen und Gefahren … und enden als Todesfall. Auch der Ich-Erzähler will sein Glück versuchen. Doch noch bevor er in die Kerker gelassen wird, entdeckt er ein gänzlich anderes Geheimnis Abîmes.

Die klassische Glücksrittergeschichte wandelt sich schon bald und die Stadt Abîme zeigt eines ihrer wahren Gesichter. Nicht jenes glücklicher Ritter, sondern das der Bürokratie. Und noch eines besitzt sie, von dem besser geschwiegen werden sollte. Einmal mehr setzt Markolf Hoffmann sein Talent für eine tolle Erzählung ein: Den Stil. Aber - zweifelt daran noch jemand?

Feenholz: Ludger ist Holzfäller des Herzogs. Zusammen mit seinen verhassten Kumpanen schlagen sie das Feenholz. Seine Kumpanen, grobschlächtig und wenig feinfühlig, lieben es die Bäume zu fällen. Ludger hingegen hört die Bäume klagen, leidet mit den Feen, die mit ihren Bäumen sterben. Das kommt dem Herzog eines Tages zu Ohren, der fortan einen ganz besonderen Job für Ludger hat.

Feenholz ist eine märchenhafte Geschichte. Und Märchen sind alles andere als zahm. So strahlt auch diese Geschichte eine ungewohnte Brutalität aus, die gar nicht zu passen scheint. Es ist aber nicht jene Brutalität, die mit Litern von Blut und einem Schlachtfest gefeiert wird, sondern eine unterschwellige, die umso schauriger ist. Genauso ergeht es auch Ludger. Zu allem Leid – oder glücklicherweise, je nachdem wie man es sehen möchte – ist er nicht kaltherzig.
Feenholz ist eine magische Geschichte. Feenholz ist eine fantastische Geschichte mit einem Ende, das fast gelangweilt dem klassischen Geschichtsverlauf zugeschrieben werden muss. Es ist ein schönes Ende, ein passendes Ende, aber kein außergewöhnliches, kein anderes, kein Ende, das sich von den üblichen absetzt.

Grenzland: Feder ist Szepterreiter, ein königlicher Gesandter, der für den König in entlegenen Gebieten nach dem Rechten sieht. Der Krieg mit der Rotte, den stinkenden Bestien, ist vorüber. Der König hat den Krieg gewonnen, die Rotte hat sich in die giftigen Sümpfe geflüchtet. Feder soll nun überprüfen, ob wirklich keine Gefahr mehr von der Rotte ausgeht.

Mit Grenzland präsentiert Markolf Hoffmann die Abschlussstory seiner Kurzgeschichtensammlung Das Flüstern zwischen den Zweigen. Ist Grenzland eine Schwarz-Weiß-Story? Der gute König gegen die böse Rotte? Es hat den Anschein und ist mit Sicherheit bis zu einem gewissen Punkt auch so. Doch ist die Rotte wirklich so böse oder verteidigt sie nur die Leben ihrer Art? Ganz klar geht das nicht aus der Geschichte hervor. Jeder Leser muss seine eigene Entscheidung fällen und wird nachdenklich in die Freiheit entlassen.

Fazit

Markolf Hoffmann ist der Bühnenzauberer der Fantasy. Immer wieder neue Ideen und Überraschungen aus dem Hut zu ziehen, gelingt nicht jedem. Schon gar nicht, wenn ein Dutzend Zauberer versucht der Show etwas Neues abzuringen. Bei manchen wirkt es verkrampft, bei anderen schlecht einstudiert und bei Markolf Hoffmann stellt man fest, dass er sein Handwerk zur Vollendung beherrscht. Das nicht alles jeden Geschmack trifft, versteht sich dabei von allein.

4 von 5 Punkten

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