Sonntag, 9. Dezember 2012

Rezension: Das ewige Stundenbuch 1. Vellum (Hal Duncan)

Shayol
Hardcover, 594 Seiten
ISBN: 978-3-926126-72-6
24,90 €

Ein kurzer Einblick

Im dunklen Gewölbe einer Bibliothek stößt Reynard Carter auf ein legendäres Buch, in dem nicht nur das Schicksal aller Menschen geschrieben stehen soll, sondern auch die wahren Namen aller Lebewesen, die jemals im Himmel und auf Erden wandelten – sogar der wahre Name Gottes. Wer diese Namen kennt, hat Macht über ihre Träger, ihm offenbaren sich die Geheimnisse des Universums. 

Doch als Reynard das Buch aufschlägt, verändert sich die ganze Welt! Sein ganzes bisheriges Leben kommt ihm plötzlich vor wie ein Traum, und er bricht auf zu einer Reise, die ihn an die Grenzen der Wirklichkeit führen wird und darüber hinaus ... 

Im Vellum – dem gewaltigen Reich der Ewigkeit, in dem unsere Welt nur ein winziger Punkt ist – sammeln sich die Unkin, um Krieg zu führen. Im Vellum stehen sich ein gefallener Engel und ein abtrünniger Teufel voller Hass gegenüber.
Im Vellum kämpft die eine Seite mit Blutmagie aus der Hölle, die andere mit Nanotechnologie aus dem Himmel. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft prallen mit anderen Welten und uralten Mythen zusammen.
Und das Vellum wird in Flammen aufgehen!

Bewertung

Einen komplexeren Roman hat die Welt noch nicht gesehen! Das wage ich einfach mal zu behaupten. Und dabei beginnt die Handlung wie ein klassischer Verschwörungs-Roman (entpuppt sich im Nachhinein aber als etwas völlig anderes, als etwas vollkommen Gigantisches), verzweigt sich jedoch schon auf den folgenden Seiten in ein Handlungswirrwarr, sodass man schnell Gefahr läuft den roten Faden zu verlieren. Unter Vorbehalt von Inkorrektheit möchte ich das Problem der Verwirrung und Komplexität etwas ausbreiten: 7 Figuren (Stereotypen und deren Reinkarnationen) spielen einen Figurenreigen, wo es schon zum Problem wird den Überblick zu wahren. Mehrere Parallelwelten im Vellum (oft kaum merkliche Veränderungen, aber auf die Details kommt es an) müssen Auseinandergehalten werden. 3 Zeitebenen aus verschiedenen Jahrtausenden/Jahrhunderten verflechten sich auf fast unmögliche Weise zu einer Einheit. Bedingt durch die Parallelwelten und die Zeitebenen liegen zusätzlich noch mehrere Handlungsstränge vor, die ebenfalls nach der Aufmerksamkeit des Leser buhlen. 
Ach, hier ist nur Disziplin und Durchhaltevermögen mit einer gehörigen Portion Überblick vonnöten? Weit gefehlt! Scheinbar wahllos springt der Autor zwischen Welten, Zeiten und Figuren hin und her ohne groß darauf hinzuweisen. Zwischen kurzen Absätzen liegen oft Jahrtausende. Zwischen zwei Zeilen wird zwischen den Reinkarnationen hin und her gesprungen. Auf der nächsten Seite wird ohne Kommentar ein neuer Handlungsstrang eröffnet, der alte erst 150 Seiten weiter fortgeführt. „Vellum“ ist ein Labyrinth der Sprache, das beherrscht werden will!
Der Leser wird mehr als gefordert. Überblick zu behalten grenzt fast an Unmöglichkeit. Wer auch nur kurz mit den Gedanken abschweift, hat verloren. Es gibt nur eines, was den Leser gnädigerweise unterstützt, nicht aufzugeben: Die Schrift! Der Roman arbeitet mit verschiedenen Schrifttypen, um einen kleinen Überblick ohne großes Zutun zu gewährleisten. Und das ist auch bitter nötig!
Als Roadmovie angelegt, breitet sich nach und nach ein epischer Krieg durch die Zeitalter hinweg aus, dessen Ausmaße kaum vermittelt werden können, durch den Aufbau des Romans wiederum aber hervorragend unterstützt werden kann. Mythen und Legenden u.a. des sumerischen Reiches sind handlungs- und figurentragend verarbeitet worden. Abschnitte des Mythos um Inanna, eine der großen sumerischen Göttinnen, lassen sich im Stil der Bibel lesen, andere wiederum mit einer gestochenen und geschwollenen Sprache und wiederum andere wie ein ganz normaler moderner Roman. Flüssig lässt sich jeder Stil lesen, anstrengend aufgrund des komplexen Romanaufbaus sind sie aber alle.
Anfangs ist ein Überblick noch zu behalten, doch mit fortschreiten der Handlungen, verliert sich der Handlungsstrang irgendwo im ungewissen Nichts, um ohne Warnung plötzlich wieder aufzutauchen. Auf Dauer ist das zu verwirrend, etwas mehr Einfachheit (wobei ich ganz klar dem Stil Hal Duncans ein klares „Daumen hoch“ geben möchte) wäre wünschenswert gewesen. Für eine volle Punktzahl ist der Roman – so undenkbar es auch klingt – einfach zu komplex.

Fazit

Oft hochgelobt kann ich die Meinung vieler Kritiker nicht gänzlich unterstützen. Ein Meilenstein der Phantastik mag „Das ewige Stundenbuch 1. Vellum“ ja sein, dennoch grenzt es stark an die Unlesbarkeit durch Übertreibung der Komplexität. Episch muss nicht unbedingt durch eine derartige Verwirrung geboren werden.

1 von 5 Punkten

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