Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Das Buch der lebenden Toten (Thomas Fröhlich / Peter Hiess (Hrsg.))

Evolver Books
Taschenbuch, 232 Seiten
ISBN 978-3-9502558-1-2
14,00 €


Ein kurzer Einblick

Die Zombies sind wieder da! In den besten Stories aus dem EVOLVER-Literaturwettbewerb wüten sie in Versuchlabors, begleiten Schulwandertage, machen die Schrecken der Weltkriege noch schrecklicher, verspeisen selbst Samurai - und fühlen sich auch im Chefbüro wohl. Reservieren Sie sich einen Leseplatz in der Hölle ...

Bewertung
»Der Kerl braucht einen Maulkorb. Der hat versucht, mich zu beißen!« (Ferbus, Bettina: Für den Fleiß der Preis. S. 131)
Sie wanken verwesend vor deinem Haus vorbei. Sie stöhnen des Nachts und bringen dich um deinen Schlaf. Sie wollen nur eines: Dein Fleisch. Sie geben nicht auf. Sie sind unermüdlich und ihr Name lautet Zombie. Hüte dich vor ihnen, denn Unachtsamkeit ist der Diener des Todes, Schnelligkeit dein Lebensretter. Lauf, Leser, lauf, sie kommen in großer Vielfalt. Nur ein Kopfschuss kann ihnen Einhalt gebieten ...
In der Filmbranche schlurft der Einheits-Zombie über Kinoleinwände und Mattscheiben. Einfallsreichtum tendiert gegen Null. Die Literatur ist sehr viel vielseitiger und bringt grandiose Ideen zustande. Man siehe nur Brian Keenes »Auferstehung« und »Stadt der Toten« oder John Ajvide Lindqvists »So ruhet in Frieden«. Auch »Das Buch der lebenden Toten« führt den wandelnden Haufen toten Fleisches der Kreativität zu. Innovativ und abwechslungsreich greifen gelbstichige Fingernägel aus den Buchseiten heraus. Sie wollen uns packen, in ihren Bann ziehen und nie mehr loslassen.
Evolver verlangte für den Geschichtenwettbewerb den klassischen Zombie; keine sprechenden, rennenden oder sonstwie modernen Untote. Die Autoren haben sich die Bedingung zu Herzen genommen. Zombies sind Zombies. Sie wanken. Sie stöhnen. Sie beißen. Dennoch sind die Storys verdammt modern und alles andere als altbacken. Zombie pur! ist die Devise, weiterführende Kreativität sei bedenkenlos gestattet. Aus 249 Einsendungen wurden 22 Storys ausgewählt. Die Herausgeber Thomas Fröhlich und Peter Hiess haben gute Arbeit geleistet. Jede Geschichte gefällt auf eine Weise, keine fällt negativ durch. Einige wenige Ideen tangieren sogar die Meisterklasse. Hut ab! Allein die Weltkriegsgeschichten fallen etwas mager aus dem Rahmen, denn hier heißt es stupide ums Überleben ballern. Ihren Reiz haben jedoch auch diese thematischen Umsetzungen.

Der Einstieg in viele Anthologien oder Erzählungen liest sich wie ein Opener, um langsam an das Thema heranzuführen. Ganz anders hier: Simon Saiers »Tagebuch 2901« nimmt sich nicht zurück und geht direkt in die vollen. Der Autor erschafft ein beklemmend-ängstliches Szenario, dessen Ende in Teilen leider etwas vorhersehbar und abrupt ist. Ein Wissenschaftler forscht an einem Mittel, um dem einstigen Menschen seinen Verstand zurückzugeben. Ausdauernd und unermüdlich testet er die verschiedensten Substanzen. Langsam und stetig rückt der Erfolg in Sicht, da macht ihm die Regierung einen Strich durch die Rechnung.
Als fies-tragisch offenbart sich Lothar Nietsch‘ »Ronnies Vorrat«. Ronnie hat seinen Dealer getötet, um an das heißbegehrte Crystal zu gelangen. Während Ronnie im Rausch glückselig ist, werden die Nachrichten im TV bald eingestellt. Zombies haben das Antlitz der Welt verändert. Auch Ronnies Dealer kehrt ins Leben zurück. Fast komödiantenhaft, eklig und mit einem offenen Ende versehen, kann die Geschichte problemlos überzeugen.
Sören Stedings »Frederika und der kleine Zombie« liest sich nicht nur vom Titel her wie ein Märchen. Wäre die Schwelle der Brutalität nicht so hoch, wäre diese Story eine herrliche Gutenachtgeschichte. Die Idee ist einfallsreich und der Zombie niedlich gezeichnet. Als einer der wenigen Untoten verschenkt man an ihn gerne sein Herz. Die Fliege Frederika ist klug und der kleine Zombie stark. Als Dreamteam meistern sie das Überleben, denn Frederika weiß, wo es Nahrung gibt.
»Und wenn ich jemanden von George beißen lasse? Dann kann ich mir aussuchen, ob ich einen Manager oder einen Obdachlosen haben will. Die Obdachlosen sehen ja von vornherein schon authentischer aus, findest du nicht?« (Seuthe, Kai: Herzensangelegenheit. S. 172)
Kai Seuthers »Herzensangelegenheit«: Andere halten einen Hund. Karl hält sich einen Zombie. In der Gesellschaft sind sie eine Modeerscheinung und nicht gern gesehen. Karl jedoch ist ein Zombie-Fetischist und geht provozierend mit George an der Leine durch die Fußgängerzone Gassi. Doch dort sind die Untoten unwillkommen ... Einst waren sie Menschen, nun werden sie als (gefährliches) Haustier gehalten. Ist dies überhaupt ethisch zumutbar? Sollte man den Kreaturen einen Maulkorb verpassen? Immer wieder kommt es zu Unfällen.
In Ruth Reuters »Zombielose Nächte« weiß die Gesellschaft nichts von den lebenden Untoten, die des Nachts aus ihren Gräbern gekrochen kommen. Die Zombies sind ein Staatsgeheimnis. Der Job auf dem Zentralfriedhof ist kein gewöhnlicher. Der Ich-Erzähler muss die Zombies daran hindern, den Friedhof zu verlassen. Doch etwas stimmt nicht, die Zombies werden immer weniger ... Geheimnisvoll, durchaus mystisch und hervorragend umgesetzt!
Als besonders kreativ empfinde ich Claudia Lamperts »Wunder mit Zwischenschritten«. Das Zeitreisen kann dann gefährlich werden, wenn man die Geschichte verändert. Im Falle eines nicht geschehen Todes muss der Zeitreisende den Platz des Verstorbenen einnehmen. Schwierig wir es dann, wenn man dafür sorgen muss, Jesus auferstehen zu lassen. Kein leichtes Unterfangen, doch mit gewissen Möglichkeiten ist auch dies zu schaffen.
Ein Biss, und man kreischt nie wieder. Stattdessen gibt man nur noch unartikulierte Grunzlaute von sich, macht sich unbeliebt und hat ständig Hunger. (Lampert, Claudia: Wunder mit Zwischenschritten. S. 210)
Simon Saier - Tagebuch 2901
David Grade - Samstag
Frank Schweitzer - Mörkellaver
Ingrid Kaliner - Der schöne Tom
Torsten Scheib - Mr. Z
Lothar Nietsch - Ronnies Vorrat
Marc Wiswede - Zombie-Samurai
Ruth Kornberger - Im Wald, allein
Natalie Veith - Sepia
Sören Steding - Frederika und der kleine Zombie
Marlene Geselle - Urnen aus Stahl
Bettina Ferbus - Für den Fleiß der Preis
Raouf Khanfir - Sand
Stefanie Lasthaus - Wiedervereint
Michael Zandt - Nazi Zombie Holocaust
Katja Kulin - Die perfekte Lösung
Kai Seuthe - Herzensangelegenheit
Frank M. Vermeer - Unsterblich
Ruth Reuter - Zombielose Nächte
Claudia Lampert - Wunder mit Zwischenschritten
Tobias Egle - Nachzehrer
Philipp Schaab - Das Schamanenerbe (Download-Content)

Fazit

»Das Buch der Lebenden Toten« ist ein Must-Have für jeden Zombie-Fan. Das Buch ziert ein absolut geniales Cover und die Geschichten präsentieren sich abwechslungsreich und spannend. Düstere Illustrationen schmücken vereinzelte Storys aus. Für das fleischlich... äh, lesende Wohl ist gesorgt. Jetzt darf es nur nicht an Lesern mangeln. Zugreifen, genießen und auf das Leben nach dem Tod warten.

4 von 5 Punkten

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