Donnerstag, 20. Dezember 2012

Rezension: Bruder und Schwester (Joanna Trollope)

Berliner Taschenbuch Verlag
Taschenbuch, 390 Seiten
ISBN: 978-3-8333-0813-0
9,95 €


Kurzer Einblick

David und Nathalie sind Adoptivkinder, sie haben verschiedene Mütter, wuchsen aber wie Geschwister auf. Als sie bereits erwachsen sind und eigene Kinder haben, entscheiden sie sich, ihre wahren Mütter ausfindig zu machen und es beginnt ein schmerzhafter Prozess: für die Partner, die Adoptiveltern und besonders für die leiblichen Mütter, die in all den Jahren ein völlig anderes Leben geführt haben…

Bewertung

Die meisten Menschen kennen ihre Vergangenheit, wissen, woher sie kommen und wer ihre Eltern sind. Doch was ist mit den Kindern, die adoptiert wurden? Bleibt hier immer eine gewisse Leere in ihnen, wo eigentlich die Gewissheit der elterlichen Liebe ihren Platz haben sollte?

Nathalie und David haben schon immer gewusst, dass Lynne und Ralph nicht ihre richtigen Eltern sind. Trotzdem schaffen sie es, mit diesem Wissen gut zu leben, bis sie selbst eigene Kinder haben. Doch als Nathalies Tochter wegen einem kleinen angeborenen Gehörschaden operiert werden muss, bringt das ihr jahrelang durch Verdrängung aufgebautes Weltbild zum Einsturz und sie will endlich erfahren, wer ihre leiblichen Eltern sind. Ihr Bruder weigert sich trotz ihrer Bitte zunächst standhaft, auch seine Mutter zu suchen, doch allein das Zurückbringen der Vergangenheit lässt die sehr gut beschriebene Wut und Erniedrigung darüber, als Baby nicht gewollt und weggegeben worden zu sein, in ihm wieder aufkommen. Diese Entwicklung verändert ihn so dermaßen, dass er sich seiner Frau und den drei eigenen Kindern nicht mehr als Ehemann und Vater zuwenden kann und aus diesem Grund begibt er sich auf Drängen seiner Frau letztendlich ebenfalls auf die Suche nach Antworten.

Damit beginnt jedoch nicht nur für Nathalie und David eine unglaublich emotionale Odyssee, sondern auch für ihre Familien und den leiblichen Müttern, welche ebenfalls mit Höhen und Tiefen ihr eigenes Leben meistern. Die Protagonisten kommen dabei so natürlich und lebensecht mit all ihren Stärken und Schwächen herüber, dass ich mich jedes Mal mit ihnen freuen, aber auch den inneren Schmerz nachempfinden konnte. Joanna Trollope schafft es aber hervorragend, dabei nicht ein einziges Mal übertrieben auf die Tränendrüsen zu drücken.

Bei einigen Personen hätte ich mir aber gewünscht, dass der Handlungsstrang noch weiter ausgebaut worden wäre, da es oft zu einem sehr abrupten Abschluss der Entwicklungen zueinander kam. Dies zieht sich leider bis zum wiederum sehr abrupten offenen Ende hin. Grundsätzlich habe ich nichts gegen offene Enden, da sie die Fantasie positiv ankurbeln, doch hier hatte ich ein etwas flaues Gefühl wegen dem Verhältnis von Nathalie zu ihrem Lebenspartner und wäre mit einem schönen abgerundeten Happy End zufriedener gewesen. Was genau zwischen den beiden vorgefallen ist, soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu verderben.

Fazit

Da dies mein erstes Buch von der Autorin war, weiß ich nicht, ob es ein generelles Stilmittel von ihr ist. Der Lesespaß wurde dadurch schon ein wenig geschmälert. Die liebevoll und sehr detailliert herausgearbeiteten Charaktere machen diesen Umstand aber durchaus wieder wett, so dass ich „Bruder und Schwester“ ruhigen Gewissens weiterempfehlen kann.

4,5 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen