Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Boneshaker (Cherie Priest)

Heyne
Taschenbuch, 512 Seiten
ISBN 978-3-453-52866-6
8,99 €


Ein kurzer Einblick

Amerika kurz nach dem Bürgerkrieg: Es sollte Dr. Leveticus Blues größte und ruhmreichste Erfindung sein, doch der »Boneshaker« verursachte eine Katastrophe. Sechzehn Jahre später macht sich Briar Wilkes, Dr. Blues Witwe, in einem Luftschiff auf den Weg nach Seattle, um dem Geheimnis des »Boneshakers« auf die Spur zu kommen.

Bewertung

»Boneshaker« wurde 2010 mit dem Nebula Award in der Kategorie Best Novel und dem Locus Award in der Kategorie Science Fiction Novel ausgezeichnet. »Boneshaker« hat gleich zwei renommierte US-Preise verliehen bekommen. Doch worüber handelt der Roman eigentlich? Die Autorin Cherie Priest taucht ab in ein alternatives Seattle des 19. Jahrhunderts. Fraß dringt aus dem Untergrund und verwandelt alle, die es einatmen, in Fresser. Hastig errichten die Menschen eine Mauer um den betroffenen Stadtteil und leben fortan außerhalb der Mauer unter schlechten Lebensbedingungen verursacht durch den anhaltenden Bürgerkrieg.
Wie aber kam es zu dem Unglück? Wir schreiben die Zeit des Goldrausches. Unterhalb des Permafrosteises entdeckte man eine Goldader, die Schürfer magisch anzog. Seattle ist noch nicht Teil der Vereinigten Staaten Amerikas. Die Russen riechen viel Geld und schreiben einen Wettbewerb aus: Demjenigen, dem es gelingt eine Maschine zu bauen, die sich problemlos durch die dicke Eisdecke bis zur Goldader durchbuddeln kann, winkt ein hoher Gewinn. Dr. Leviticus Blue entwickelt daraufhin den Boneshaker, der 1863 bei einem Testlauf das Geschäftsviertel Seattles in Schutt und Asche legt. Kurz darauf dringt der Fraß aus dem Boden ... Die eigentliche Handlung setzt 16 Jahre später an.

Allzu genau sollte man nicht auf historische Ereignisse schielen. Entsetztes Haareraufen kann man sich ersparen. Cherie Priest hat den Klondike-Goldrausch beschleunigt, um eine Einwohnerzahl zu erreichen, die tausende Fresser möglich werden ließ. Ebenso ignorierte sie das Feuer von 1889 und die Einebnung von Denny Hill 1897. Da die Handlung sowieso um 1880 angesiedelt ist, spielt dies aber auch weiter keine Rolle. Den Baubeginn der King Street Station um 1904 und den Smith Tower um 1909 zog sie handlungsbedingt vor. Nichtsdestotrotz versuchte Cherie Priest trotz aller künstlerischen Freiheit so nah wie möglich am Bild des realen Seattles zu bleiben.

Seattle ist von einer Mauer umgeben. Die Menschen haben sich in den Vororten niedergelassen und kämpfen um das Überleben. Das Grundwasser ist vom Fraß verseucht und muss erst mühsam gereinigt werden. Die alte Stadt zu betreten traut sich niemand aus Angst vor Fressern und dem Fraß, das tausende Menschen in seelenlose Kreaturen verwandelte. Nun, ein paar Leute wagen es doch die Stadt zu betreten, denn aus dem Fraß lässt sich eine Droge extrahieren. Allein wenige Luftschiffer riskieren in sicherer Höhe den Flug über die Stadtmauer, um den Fraß in Behälter zu füllen und zu verkaufen. Auch Ezekiel Wilkes wagt sich in jugendlichem Ungehorsam durch einen alten Kanal in die Stadt hinein. Seine Mutter, Briar Wilkes, Witwe des Dr. Leviticus Blue und Tochter des berühmten Sheriffs Maynard Wilkes, folgt ihm mit Hilfe eines Luftschiffers, um ihren Sohn aus dem von Fraß verseuchten Gebiet zu retten. Zu ihrer Überraschung jedoch muss sie feststellen, dass das alte Seattle nicht so unbewohnt ist, wie sie glaubte. Noch immer Leben hier Menschen.
Fluchttunnel, Luftschleusen, abgesicherte Räume und ein ausgeklügeltes Belüftungssystem, um saubere Luft von oberhalb des Fraßes in die Stadt zu pumpen, machen ein Überleben möglich. Es ist ein beschwerliches Überleben, aber ein jeder Einwohner hat seine Gründe zu bleiben. Sowohl Ezekiel als auch Briar bekommen Hilfe dieser Menschen. Auf ihren gefahrvollen Wegen durch die Stadt - Ezekiel will seines Vaters Schande reinwaschen; Briar ihren Sohn wiederfinden -, nähern sich beide dem Bahnhof Seattles, wo sie sich endlich begegnen, und der geheimnisvolle Tüftler und gehasster Herrscher der Stadt Dr. Minnericht einen sicheren Unterschlupf für sich und seine Leute eingerichtet hat.

Die Zombies, hier Fresser genannt, sind leicht zu finden. Aber Steam-Punk? Ist auch vorhanden! Die Pumpmaschinen für Frischluft, der Boneshaker, dampfbetriebene Waffen, künstliche Gliedmaßen, Luftschiffe und weitere Erfindungen des Dr. Minnericht wie die Dazy Doozer lassen auch den Steam-Punk nicht zu kurz kommen.
Während die aberwitzigen Waffen eher faszinieren, können die Luftschiffe und ihre mannhaften Kapitäne wahrlich beeindrucken. Die Luftschiffer sind die Könige des Himmels - und das wissen diese auch, zumal die Luftschiffe die einzigen Fortbewegungsmittel darstellen. Fehlen dürfen da natürlich keine imposanten Verfolgungsjagden der behäbigen Kolosse samt spektakulärer Abstürze.
Die Luft wird von den Schiffen beherrscht, der Untergrund Seattles von Gängen, Tunneln und Schleusen, um das Leben so sicher wie möglich vor Fressern und Fraß zu gestalten. Gefahrvoll jedoch sind sowohl Höhe als auch Tiefe. Nirgends ist es im alten Seattle gefahrlos.

Während Ezekiel und Briar ihrem Ziel auf brenzligen Wegen durch Fresserhorden und verschiedenster Interessenparteien - freundlich und feindlich - immer näher kommen, ist die famose Vermischung aus Zombie-Genre und Steam-Punk doch nur eine äußerst schmückende Kulisse. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, durch die Vergangenheit nicht unproblematisch gestaltet, steht im Vordergrund. Während Ezekiel versucht Vergangenes zu ergründen, weil seine Mutter sich ausschweigt, muss Briar die Vergangenheit verarbeiten, um endlich den Mut zu finden, ihrem Sohn die Wahrheit zu erzählen. Herum kommt dabei eine dramatische Familiengeschichte aus Helden und Fieslingen sowie einiger überraschender Wendungen und Geheimnisse.
Alles zusammen - Setting und Story - macht die verdammt dichte und atmosphärisch-düstere Story aus, die mit Plot, Spannungsbögen und Ende voll und ganz zu überzeugen weiß. Selbst der etwas langsame Beginn zur Figureneinführung ist interessant geschildert.

Fazit

Die Vorschusslorbeeren, die »Boneshaker« bekommen hat, hat der Roman wahrlich verdient. Die dramatische Beziehungsgeschichte zwischen Mutter und Sohn ist in ein faszinierendes Setting aus Zombies, Steam-Punk und der Suche nach Überleben in einem feindlich gesinnten Gebiet gebettet, das ansatzlos zu fesseln vermag.

5 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen