Freitag, 14. Dezember 2012

Rezension: Barbarendämmerung (Tobias O. Meißner)

Piper
Klappenbroschur, 384 Seiten
ISBN 9783492702317
15,99 €


Ein kurzer Einblick

Niemand kennt seinen Namen. Bevor er seine Opfer tötet, spricht er kein Wort. Er dringt in die Städte der Menschen ein und bringt Verwüstung. Er ist der Barbar – und sein Weg führt über Leichen, durch Blutströme und mündet in pures Entsetzen. Als die Menschen versuchen, den Barbaren für ihre Zwecke zu benutzen, gerät alles außer Kontrolle: Aus völliger Ruhe explodiert er zur totalen Raserei. Er besitzt kein Verständnis für Eigentum, Wert oder Schönheit. Er desertiert, zerstört alles und zieht, vom Blut seiner Feinde überströmt, durch unsere Straßen. Wage es nicht, dich dem Barbaren in den Weg zu stellen! Wenn du ihm begegnest, senke stattdessen den Blick. Denn der Barbar ist der vollendete Wilde – mit einer Würde und Gewalt, wie sie sonst nur einer Gottheit gleichkommen …

Bewertung

Mit einer Hommage an Robert E. Howards »Conan« wird »Barbarendämmerung« eingeläutet. »Conan«-Kenner werden vermutlich viele Anspielungen finden, ich hingegen habe das Vorbild nie gelesen, sodass mir entgangene Sticheleien und Seitenhiebe hoffentlich vergeben werden können.
Der Barbar strotzt an Muskelkraft und sein Körper ist vom Kampf gestählt. Seine Moral darf als schlicht, wenn überhaupt vorhanden, bezeichnet werden und seine Sichtweise auf die Welt ist naiv und kindlich. Sein bedeutendstes Merkmal aber ist die wortkarge Art. Nicht ein einziges Wort spricht der namenlose Held im Roman, obwohl er könnte. Er ist unkontrollierbar, niemand schreibt ihm etwas vor. Ergeben und dienstbar ist er nur, solange er es auch will. Der Barbar nimmt sich, was er braucht. Seine Unpersönlichkeit ist getrieben vom Leben zu überleben. Er ist der geborene Einzelkämpfer und Alleingänger. Städte und Menschenmengen bedrücken ihn, machen ihm Angst und geben ihm das Gefühl eingesperrt zu sein. Die Weite der Landschaft, die darin liegende Freiheit allein, vermag ihn zu beglücken.
Des Barbaren Moral ist schlicht, das Lebensmotto genügsam. Eine Kollision mit der Gesellschaft der Menschen, wo auch immer er auf sie trifft, ist unausweichlich. Überall eckt der Barbar an, wird aber auch ebenso für seine Tapferkeit und Muskelstärke bewundert. Reichlich vorhersehbare Action schadet dem Roman nicht, denn so subtil der Barbar gestrickt ist, ist auch die Geschichte angelegt. Tobias O. Meißner gelingt es eine Atmosphäre zu erschaffen, die den Barbaren umschmeichelt, sodass sich, so einfach der Text auch geschrieben sein mag, die Atmosphäre selbst barbarisch auflädt und auf den Leser überträgt. Fast könnte man meinen, selbst eins zu werden mit dem Barbaren. Hieraus zieht sich die Spannung des Romans. Ausnahmsweise ist die Subtilität ausschlaggebend für die Qualität des Romans.
Die Einfachheit lässt sich ebenso in der oberflächlichen Charakterisierung wiederfinden. Flach und stereotyp sind alle Figuren des Romans gezeichnet, wobei sich Tiefe dort finden lässt, wo man genau sucht. Der Barbar ist vielleicht einfach gestrickt, verhält sich für unsere Vorstellungen fremd, aber stets erwartungsgemäß, sodass sich eine gewisse Tiefgründigkeit aus der Oberflächlichkeit speist; so widersprüchlich dies auch klingen mag. Gekonnt werden Klischees der Fantasy und vor allem der des Barbaren auf den Kopf gestellt und mit ihnen gespielt. Vor allem wirft Tobias O. Meißner die Frage nach Freiheit und Gefangenschaft im Zusammenhang mit dem unsrigen Verständnis von Zivilisation auf. Wer besitzt sie wirklich die Freiheit? Die Menschen, die sich in ein Korsett aus Gesetzen und Vorschriften zwängen, oder der Barbar, der sein Leben lebt, wie es ihm gefällt, und dem Unterwerfung jedweder Art ein Fremdwort ist?

»Barbarendämmerung« ist kein Roman im eigentlichen Sinne, keine in sich geschlossene Story. Einzelne Episoden verknüpfen sich sporadisch, sodass Sprünge in der Handlung immer wieder aus dem Konzept reißen und man sich auf eine neue Situation, die meist nichts mit der vorigen gemein hat, einstellen muss. Um dennoch ein einheitliches Bild zu zeichnen, bilden Anfang und Ende einen Kreis.
Der Barbar soll für seine Verbrechen öffentlich gerichtet werden. An diesem Punkt beginnt und endet der Roman. Natürlich lässt sich ein Barbar nicht töten, der nach dem Leben giert. Ob der Barbar eine Wandlung auf seiner Reise zwischen Anfang und Ende durchgemacht hat, ist schwer zu beurteilen. Erfahrungen hat er verschiedenster Art gemacht. In eine Villa einzubrechen, macht ihn nur so lange seinem Auftraggeber loyal gegenüber, wie dieser ihn nicht hereinlegt. In der Armee dient der Barbar aus praktischen Gründen - und das nur so lange, bis er keine Lust mehr hat und selbst zur Gefahr für die Soldaten wird. Selbst Götter und Drachen halten ihn nicht auf, sie alle bringt er zu Fall. Frauen erliegen seiner Muskelpracht, Zombies sind lediglich ein nerviges Ärgernis auf seinem Weg. Dem Barbaren stellt sich nichts und niemand in den Weg. Besser man lässt ihn seines Weges ziehen!

Fazit

Die Ungewöhnlichkeit eines nicht sprechenden Barbaren und verdrehte Klischees lassen »Barbarendämmerung« in einem interessanten Licht erscheinen. Story, Stil und Ideen sind einfach gestaltet, einfache Kost, die nicht viel abverlangt. »Conan«-Leser können sich für »Barbarendämmerung« vielleicht etwas mehr begeistern. So bleibt lediglich ein grundsolider Roman, der eine Frage stellt: Ist die Barbarei die echte Zivilisation?

3 von 5 Punkten

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