Mittwoch, 12. Dezember 2012

Rezension: Bad Monkeys (Matt Ruff)

dtv
Taschenbuch, 272 Seiten
ISBN 978-3-423-21179-6
8,95 €


Ein kurzer Einblick

Las Vegas. Hochsicherheitsgefängnis. Psychiatrische Abteilung. Eine Mörderin legt ein Geständnis ab. Angeblich gehört sie einer mächtigen Geheimorganisation an, deren Ziel es ist, das Böse zu bekämpfen. Mittels geheimnisvoller NT-Knarren, die Herz- oder Schlaganfälle verursachen können, habe sie die Welt von Entführern, Pädophilen und Kofferbombern befreit. Eine schier unglaubliche Geschichte erzählt sie dem Gefängnispsychiater. Jedoch lässt sich einiges von Jane Charlottes Aussagen tatsächlich belegen. Aber was stimmt und was nicht? Ist sie völlig verrückt, lügt sie - oder geht da in Wirklichkeit etwas ganz anderes vor sich?

Bewertung

Jane Charlotte sitzt wegen Mordes in „Las Vegas, Strafvollzugsanstalt Clark County. Beklopptentrakt“ (S. 7) ein. Sie gehört einer Geheimorganisation, genauer der Abteilung für die finale Ausschaltung nicht zu rettender Personen oder kurz: Bad Monkeys an. Ziel dieser Einheit ist es das Böse schlechthin auszurotten, um die Erde in einen besseren Planeten zu verwandeln.
Der Raum, in dem Jane Charlotte sitzt, ist weiß gestrichen und so karg wie nur möglich möbliert. Vor ihr sitzt Dr. Vale, der ihre Aussage aufnimmt, ihre Geschichte überprüft und Widersprüche ihrer Aussagen in Polizeiakten aufdeckt.
„Worin besteht ihre Arbeit bei Bad Monkeys“, fragt der Arzt, „also was tun Sie? Böse Menschen bestrafen?“
„Nein. Normalerweise töten wir sie einfach.“
(S. 9)
Wo endet die Wirklichkeit, was ist real? Flunkert Jane oder erzählt sie die volle Wahrheit? Ist Jane gar geistig labil? Diese Fragen stehen im Kernpunkt des Romans – und werden übrigens niemals eindeutig beantwortet. Plausibel ist Janes Geschichte stets. Aber in welchem Rahmen? Ist sie wirklich verrückt und beruht die Plausibilität auf ihrer geistigen Wahnvorstellung? Oder akzeptierst Du Janes Wahrheit einer Organisation, die niemandem untergeordnet ist? Von der selbst der Staat nicht den blassesten Schimmer hat? Fordert Bad Monkeys die Menschlichkeit heraus und: Wer ist Jane Charlotte wirklich? Wer bist Du in diesem Spiel der Mächte und der persönlichen Vorstellungen einer besseren Welt?
„Bad Monkeys“ ist mehr als ein gewöhnlicher Roman. „Bad Monkeys“ fordert den Leser diskret, aber bestimmt dazu auf, sich Antworten auf die Fragen zu geben, seine eigene Psyche zu erforschen, auszuloten, wer man eigentlich selber ist. Insofern ist „Bad Monkeys“ nicht nur eine Charakterstudie Jane Charlottes, sondern auch eine Studie über den Leser. Die sympathische Erzählerin Jane ist allein der Auslöser und mögliche Wegbegleiterin zu einer höheren Wahrheit.
Doch natürlich ist „Bad Monkeys“ keine ausführliche Psychologie- und Philosophie-Studie, sondern auch ein ganz famoser Roman. Jane Charlotte wächst in San Francisco der 70er Jahre auf. Als sie anfängt Drogen anzubauen, befreit ein Polizist sie aus ihrer Jugend und bringt sie zu Verwandten aufs Land; ihre Mutter hätte sie wegen ihres Drogen-Anbaus fast umgebracht. Schon in ihren frühen Jahren gerät Jane an die Organisation Bad Monkeys – freilich ohne es zu wissen. Die Pistole, die natürliche Todesursachen wie Herzinfarkt und Schlaganfall verschießt, legt beredtes Zeugnis ab. Doch es soll noch Jahre dauern bis Jane Charlotte offiziell bei Bad Monkeys rekrutiert wird.
Wen würdest Du töten? Den Nazi, der 5000 Juden tötete und nun als Eremit im Regenwald lebt, oder den Serienmörder, der wöchentlich ein neues Opfer fordert? Vor dieser Entscheidung steht auch Jane Charlotte. Befriedigung und Wohlwollen für die Menschheit sind zwei paar Schuhe.
Ich kann nicht viel zu Story sagen (zu schnell ist zu viel verraten). Ich kann aber sehr wohl verraten, dass Du auf deine Nackenwirbel aufpassen solltest. Matt Ruff verdreht den Handlungsfaden ohne Vorwarnung mehrmals komplett um 180°. Immer dann, wenn man glaubt Ha, jetzt habe ich die Lösung gefunden! darf man bei Null anfangen und den weiteren Ausführungen Jane Charlottes machtlos lauschen. Willkürlich verdreht Matt Ruff die Geschichte nicht. Jede Wendung in der Handlung ist wohl überlegt und trägt zur Auflösung bei. Verwirrend sind die Richtungsänderungen, aber ebenso gebannt wartet man auf sie.

Fazit

Die Rahmenhandlung in der Psychiatrie gibt der Geschichte den nötigen Halt, die abrupten Handlungsänderungen, die so manches Mal alles bisher geglaubte auf den Kopf stellen, zu verkraften. „Bad Monkeys“ ist zugleich einfach und doch komplex – und gerade darum sollte man diesen Geniestreich lesen.

4 von 5 Punkten

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