Mittwoch, 12. Dezember 2012

Rezension: Armageddon TV (Christian von Aster)

periplaneta
Taschenbuch, 220 Seiten
ISBN 978-3-940767-72-1
13,00 €


Ein kurzer Einblick

In einer nicht allzufernen Zukunft ist die mediale Macht fast vollständig in der Hand von Poe Network. Auf allen Kanälen liefern sich Sportler, von Werbepausen unterbrochen, brutale Kämpfe. Doch das Volk ist dem langsam überdrüssig. Die Zuschauerzahlen sinken. Ein neues Format muss her. Für dieses neue Spiel werden noch größere Geschütze aufgefahren. Und so findet sich eine Handvoll Menschen in den unbarmherzigen Mühlen der Medienmaschinerie wieder.

Armageddon TV ist grandiose Social Fiction und eine bitterböse Mediensatire auf Big Brother, Popstars und den Krieg um die Quote.

Bewertung

2001 ist „Armageddon TV“ erstmals bei Midas Publishing erschienen. 2011 erfuhr der Roman eine Neuauflage in der Edition Periplaneta. Trotz seiner zehn Jahre ist der Roman alles andere als veraltet. Er ist so aktuell wie eh und je. Vielleicht sogar aktueller als zu seiner Entstehungszeit. Christian von Aster zeichnet eine dystopische Gesellschaftsskizze und erschafft ein Spiegelbild der Gegenwart, das seine Aktualität nicht verlieren will.
Der Sport wurde revolutioniert. Fußball kann die Aufmerksamkeit der Menschen nicht mehr fesseln. Etwas härteres musste her: Nach dem Prinzip Capture the Flag treten zwei Mannschaften mit Handfeuerwaffen aller Art, Granaten oder gar Panzern in einem Graben- und Hügelsystem gegeneinander an. Der Krieg tobt nicht mehr in fernen Ländern, er wird in einem sportlichen Wettkampf in den heimischen Sportarenen ausgefochten. Mit allem Pipapo werden die Sportevents, die TV-Geschichte schreiben, inszeniert. Aggressive Marketingstrategien sollen die Quoten in die Höhe treiben. Dschungelcamp, Big Brother und Co sind die harmlosen Brüder gegen das, was in „Armageddon TV“ über die Mattscheibe flimmert. Das Volk will und wird unterhalten. Durch Brot und Spiele ist das Volk so verwöhnt, dass es die Grausamkeiten und die öffentlichen Hinrichtungen unter dem Deckmantel sportlicher Events nicht mehr wahrnimmt. Der Tod der Sportler im Kugelhagel und der Granatenexplosionen sind ein selbst erwähltes Risiko.
Die Volksverdummung ist im Endstadium angekommen. Poe Networks, der verantwortliche Sender der brutalen Sportspiele, weiß seine Hymnen singenden Fans genau dort, wo er sie haben will: Vor dem TV, um die Quoten in immer schwindelerregendere Höhen zu treiben. Denn nur die Quote zählt – und die Macht! Die Medienkonzerne sind Profitgeier ohne Ethik und Moral. Sie haben lediglich Interesse an immer mehr Schau, an immer opulenteren, immer brutaleren und blutigeren Wettkämpfen, um das Volk an die Mattscheibe zu binden. Die Quote ist alles!
Doch Poe Networks hat ein Problem: Die Menschen sind abgestumpf, die brutalen Spiele bieten keinen Reiz mehr, ein neues Format muss her! Und so lässt der Sender die ausgedienten Sportler mit Arm- und/oder Beinprothesen erneut antreten. Gegen wen? Natürlich gegen jenen, der für die Verwundung verantwortlich ist. Mann gegen Mann, Krüppel gegen Sportler. Die Menschen sollen sich mit den Kämpfern identifizieren, eine persönliche Bindung aufbauen, damit die Quote weiter in die Höhe getrieben wird und das Geld in den Kassen des Senders klingelt.
Als Leser ist man sowohl angewidert als auch angezogen von den Schilderungen Christian von Asters. Angewidert aufgrund der unmenschlichen Events. Angezogen aufgrund der Widerwärtigkeit der vergessenen Menschlichkeit. Die Entfaltung der Events, die Zuspitzung zur Verwertung gefallener Sportler, die auf Krücken durch ihr Leben humpeln, lässt einen ungläubig die Handlung verfolgen, die jedoch kaum Überraschungen parat hält und einem Handlungsfaden verfolgt, der zu einem logischen Ende kommen muss. Doch ist das tragisch? Eigentlich nicht! Denn es geht nicht um die Handlung, es geht um die Botschaft. Wohin wird uns der heutige Weg der TV-Landschaft tragen. Werden vielleicht auch wir uns in fünf Jahren mit AK-47 Gewehren und Schützengräben in unseren Arenen wiederfinden, weil alte Programme zu seicht sind?
Hal Davidson ist der erfolgreiche Sportler, der kurz vor dem Sprung von der Äußeren in die Innere Liga steht und von Poe Networks zum Mann gegen Mann-Kampf angeworben wird. Sit Hatlogg ist der Krüppel, der sich erneut auf das Spielfeld begibt, um sich an Hal Davidson zu rächen. Poe Network hat allein Interesse an Quoten und Gewinn. Christian von Aster hat keine wichtige Stelle unbesetzt gelassen. Wir werden gezwungen zuzuschauen, wohin der Medienwahn uns treiben kann. Die recht hohe Zahl an Charakteren trägt jedoch auch die Last einer distanzierten Handlung, die zunehmend erkaltet und schlussendlich nicht so recht überzeugen kann. Schade, denn an sich ist „Armageddon TV“ ein hervorragender Roman!

Fazit

„Armageddon TV“ ist eine Mediensatire, die seit 2001 nichts an ihrer Aktualität verloren hat. Zynisch schildert Christian von Aster das abgestumpfte, verdummte TV-Publikum, das organisierten Mord nicht von Sport unterscheiden kann. Quoten und Geld, Ruhm und Erfolg, Spiel und Spaß sind alles, was Poe Network, Sportler und das Volk will. Der Humor greift kurz – zu ernst ist das Thema in Form gebracht worden.

3 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen