Samstag, 8. Dezember 2012

Rezension: Amerikanisches Idyll (Philip Roth)

Rowohlt Taschenbuch Verlag
Taschenbuch, 575 Seiten
ISBN: 978-3-499-22433-1
9,95 €


Ein kurzer Einblick

Seymour Levov lebt ein scheinbar unbeschwertes Leben. Er ist mit einer ehemaligen Miss New Jersey verheiratet, mit der er eine Tochter, Merry, hat, und zudem hat er die gut laufende Handschuhfabrik seines Vaters übernommen. Doch als seine jugendliche Tochter eines Tages das Postamt ihres Heimatortes in die Luft sprengt und einen Menschen tötet, ist es mit seinem amerikanischen Idyll vorbei…

Bewertung

Philip Roth lässt den Leser in „Amerikanisches Idyll“ in beeindruckender Weise nachvollziehen, wie solch eine schreckliche Tat der eigenen Tochter die Eltern belasten und verändern kann. Er zeigt nicht nur das ständige Gedankenmachen der Eltern, besonders des Vaters, auf, sondern auch, wie die Tat dazu führt, dass die Mutter psychisch krank wird und sich die Eltern auseinanderleben. Dabei kann man miterleben, wie die Eltern ihr gesamtes Leben noch einmal Revue passieren lassen und sich ständig mit dem Gedanken quälen, was wohl dazu geführt hat, dass ihr Kind diese schreckliche Tat begangen hat. Dies führt zudem dazu, dass sie das Zusammenleben mit der Tochter und Erlebnisse mit ihrer Tochter noch einmal von einer ganz anderen Seite betrachten, alles hinterfragen und ständig Fehler bei sich suchen, die diese Entwicklung der Tochter verursacht haben. Aber auch ihr einiges Leben und Entscheidungen für ihr eigenes Leben beginnen sie zu hinterfragen, was zugleich aufzeigt, dass ein scheinbares Idyll doch nicht immer so wundervoll ist. Außerdem wird gezeigt, dass dieses idyllische Leben nicht für jeden angenehm ist, denn die Tochter der beiden kann sich dort nicht zurechtfinden. Vielmehr versucht sie zum Teil gezielt dagegen zu rebellieren, wodurch deutlich wird, dass scheinbare Selbstverständlichkeiten für Eltern von deren Kindern nicht ohne weiteres zu übernommen werden können.
Zudem kann man aber auch erleben, wie das Verschwinden eines Kindes die Eltern belasten kann und trotz dieser schrecklichen Tat sie immer noch hoffen lässt, dass das Kind wieder zurück kommt. Als Merry dann tatsächlich wieder auftaucht, kann man nachempfinden, wie ihr Vater zwischen Freude, Entsetzen über ihren Zustand und zugleich der Frage, ob er sie nun der Polizei melden soll oder nicht hin und hergerissen ist. Daneben werden auch Themen, wie die gesellschaftlichen Unruhen in den 60er Jahren, die wirtschaftliche Situation zu dieser Zeit oder der Umgang mit den Juden angesprochen.
Erzählt wird die Geschichte, wie in vielen Romanen von Philip Roth, von dem Schriftsteller Nathan Zuckermann, der Seymour Levov viele Jahre nach dem Anschlag wiedertrifft. Diese Erzählform Roths führt allerdings dazu, dass für den Leser am Ende einige Fragen offen bleiben, die er gern beantwortet hätte. Da zwischen der eigentlich Erzählung und dem Treffen Zuckermanns und Levovs einige Jahre liegen, möchte man gerne wissen, was in diesen Jahren passiert ist, warum sich einige Dinge so verändert haben und wie sich die Situation in allen Bereichen nun darstellt. Doch darüber erhält man keine Informationen, so dass man am Ende des Buches trotz der vielen Einsichten in den Seelenhaushalt der Eltern doch auch gerne das Handeln der Tochter besser nachvollziehen wollen hätte und auch Auswirkungen auf die Eltern über den hauptsächlichen Erzählzeitraum hinaus gerne erfahren hätte. Dagegen bekommt man sehr viele Informationen und liest zum Teil viele Seiten über weit zurückliegende Erlebnisse der Eltern, die die Handlung nicht voran bringen, und auch zum Charakterverständnis der Eltern nicht viel beitragen.

3,5 von 5 Punkten

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