Mittwoch, 19. Dezember 2012

Rezension: Am Ende der Straße (Brian Keene)

Heyne
Taschenbuch, 352 Seiten
ISBN 978-3-453-52849-9
8,99 €


Ein kurzer Einblick

Walden ist eine gewöhnliche, verschlafene Kleinstadt – bis sich von einem Tag auf den anderen eine unerklärliche Schwärze herabsenkt und Walden von der Außenwelt abschottet. Jeder, der die Stadt verlassen will, verschwindet spurlos – nur die Schreie dringen aus der Finsternis. Als das Dunkel schließlich seine furchtbare Gestalt offenbart, geht es für Waldens Bewohner ums nackte Überleben.

Bewertung

Brian Keene kann es nicht lassen und widmet sich seinem Lieblingsszenario: der Apokalypse. Begeistert er in „Das Reich der Siqqusim“ („Auferstehung“ & „Stadt der Toten“) und „Totes Meer“ mit Zombies, die alles und jeden in blutige Fetzen reißen, sparte er in „Die Verschollenen“ und „Kill Whitey“ nicht an abscheulichen Beschreibungen und jeder Menge Gewalt. In „Am Ende der Straße“ schaltet Brian Keene im Vergleich nicht nur einen, sondern mehrere Gänge zurück. Natürlich verzichtet er nicht gänzlich auf Gewalttätigkeiten – in einem Endzeitszenario wohl auch eher ungewöhnlich –, aber er setzt die schockierenden Bilder wohl dosiert ein und baut stattdessen auf die Atmosphäre; die ihm übrigens wirklich gelungen ist!
Robbie ist ein sympathischer Pizzabote, der mit seiner zickigen Freundin in einer Mietwohnung lebt. Alkohol und Gras gehören zum täglichen Konsum. Sie sind Durchschnittsmenschen, ebenso wie ihre Nachbarn. Und Nachbarn halten zusammen. Als die Dunkelheit die Kleinstadt belagert, das Chaos ausbricht und die Menschen nach und nach ihren Verstand verlieren, beschützen sie sich gegenseitig, halten zusammen und helfen einander. Sie sind alles, was sie noch haben; der letzte Rest Menschlichkeit, der scheinbar noch existiert.
Anfangs war die Finsternis nur ein unheimliches Phänomen, das wider verschwinden würde – so dachten die Menschen. Doch niemand, der die Finsternis betrat, kehrte zurück. Und auch die Finsternis verschwand nicht. Stattdessen heizte die Finsternis die Emotionen der Menschen an. Ein üblicherweise harmloser Streit, konnte der Funken zu Mord und Totschlag sein. Zuerst plündern die Menschen die Supermärkte, raffen alles an sich, was das Überleben sichern könnte. Dann brechen sie in Häuser ein und rauben sie aus. Manche standen vorher leer, andere sind danach nicht mehr bewohnt. Immer mehr und immer schneller greift das Grauen um sich, bis sich niemand mehr davor retten kann.
Auf einfachste Weise erzählt Brian Keene, wie das schleichende Chaos sich in der Stadt Walden breit macht. Es beginnt langsam und greift letztendlich blitzschnell um sich. Keenes Beschreibungen des Chaos, der Entwicklungen und das Verhalten der Menschen sind gelungen und ziehen in ihren Bann. Die Wahl der Ich-Perspektive hat einen großen Vorteil: Keene kann nicht nur auf die äußeren Entwicklungen eingehen, sondern direkt auf das Gefühlsleben eines direkt Beteiligten: Robbie, den Pizzaboten. Das lässt das Geschehen noch einmal sehr viel realer wirken.
So simpel Keenes Charaktere gestrickt sind, wachsen dem Leser doch einige Figuren ans Herz. Und neben diesen einfachen Charakteren gibt es noch jene, die einem zum Schmunzeln bringen. Auch sie sind einfach, aber schräg.
Da haben wir den Obdachlosen Dez, der als einziger weiß, was es mit der Finsternis auf sich hat. Er war es, der die Finsternis am betreten der Stadt durch Schutzzauber hindern konnte. Leider aber ist er nur Mittel zum Zweck, tritt nur dann in Erscheinung, wenn Geheimnisse um die Finsternis gelüftet werden. Eine Vertiefung seines Charakters wäre ausgesprochen interessant gewesen, denn er ist eine der wenigen Figuren, die wirklich Persönlichkeit aufgrund ihres auffallenden Verhaltens besitzen.
Zum anderen haben wir da die jugendliche Gang, die überhaupt keinen Grips hat und lediglich cool in der Gegend herum hängt. Alberne Namen und eine noch alberne Sprache, machen diese Gestalten zu Witzfiguren, die den Roman ungemein auflockern.
Die Geschichte kommt ohne übermäßige Gewaltausbrüche aus, setzt dafür umso mehr auf Atmosphäre, steuert aber zugleich auf ein Ende zu, dessen Ausgang von vornherein klar ist. Hätte Keene Dez eine weiterführende Funktion gegeben, wäre nicht nur seine Figur sinnvoller geworden, sondern er hätte auch der Geschichte mehr Spannung gegeben.

Zumindest einen Gag konnte Brian Keene sich nicht nehmen lassen. „Castaways“ - die Reality-TV-Show aus „Die Verschollenen“ wird in einer Nebenbemerkung erwähnt. Strickt Brian Keene hier etwa sein eigenes, kleines Universum? In Zukunft werde ich die Augen nach weiteren Anspielungen aus anderen Romanen offen halten.

Fazit

„Am Ende der Straße“ ist nicht der beste Roman Keenes, aber ein guter. Vor allem bietet er gute, atmosphärische und spannende Unterhaltung. Seine Charaktere sind zwar nicht besonders ausgefeilt, doch da sie unsere Nachbarn sein könnten, mögen wir sie, fiebern mit ihnen mit und kämpfen mit ihnen ums Überleben.

3 von 5 Punkten

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