Sonntag, 2. Dezember 2012

Rezension: 1Q84. Buch 3 (Haruki Murakami)

DuMont
Hardcover, 578 Seiten
ISBN 978-3-8321-9588-5
24,00 €


Ein kurzer Einblick

Als Tengo seinen komatösen Vater im Krankenhaus besuchen will, findet er in dessen Krankenbett eine ›Puppe aus Luft‹ vor, die ein Abbild Aomames als junges Mädchen in sich birgt. Er greift nach ihrer Hand, und eine unsichtbare Verbindung entsteht. Fortan wartet Tengo darauf, der Puppe nochmals zu begegnen, doch vergebens. War das Signal nicht stark genug, um die zwischen Leben und Tod schwankende Aomame zu retten?
Unterdessen setzt die gefährliche Sekte alles daran, um den Mord an ihrem ›Leader‹ aufzuklären. Aomames Spur wird von einem so unheimlichen wie unangenehmen Agenten aufgenommen. Er ermittelt mit tödlicher Präzision, doch schließlich bringt er mehr in Erfahrung, als gut für ihn ist …

Bewertung

Dies ist also der abschließende Teil der »1Q84«-Trilogie. Handlung? Nein. Neue Erkenntnisse? Nein. Weiterentwicklung der Charaktere? Nein. Allein aufgrund dieser Fakten könnte ich einen bitterbösen Verriss schreiben, tue es aber aus einfachsten Gründen nicht! Trotz des Stillstandes in fast allen Bereichen, ist »1Q84. Buch 3« ein grandioser Roman. In der Rezension zum ersten Buch schrieb ich bereits, dass es weniger auf die Handlung, denn auf die Charaktere ankommt. Daher ist auch der Handlungsstillstand (fast) völlig legitim. »1Q84« ist kein enervierender Thriller voller Spannung und Action, kein knackiger Krimi voller Rätsel oder eine Schmonzette ordinärster Kuschel- und Schmachtszenen. »1Q84« ist ein Roman, der sich auf seine Figuren, ihr Innenleben und das Drumherum besinnt. Märchenhafter denn je, entführt auch das dritte Buch in eine Welt, die der unseren gleicht, in Details jedoch scharf in die Welt der Phantastik abgleitet. Realität und Fantasie verschwimmen zusehends, sodass die eigene Vorstellungskraft vehement gefordert wird.
Philosophisch, lebensweisend und verführerisch baut Haruki Murakami eine Welt der Schönheit und der Sehnsucht, aber auch des Fanatismus und der Gefahr auf, die unerbittlich in seinen Bann schlägt. So sehr »1Q84« eine Liebesgeschichte ist, ist sie weitaus mehr, sodass der Kitsch, der durchaus vorhanden ist, in andere Worte gekleidet werden muss. Begrifflich passt Kitsch in die Geschichte nicht hinein. Nennen wir es Sehnsucht, Verlangen oder Hoffnung, denn diese Worte sind viel zutreffender. Verwunderlich ist es daher auch nicht, zumal die Geschichte auf dieses Ereignis hin ausgerichtet ist, dass Aomane und Tengo endlich ihren Traum erfüllen können und sich in den Armen liegend gemeinsam die zwei Monde anschauen.
Der Handlungsstillstand ist bedingt tragisch, die Figuren entwickeln sich bedingt fort, die ewigen Wiederholungen charakterlicher Eigenschaften, vergangener Lebensereignisse und geschehener Handlungsfäden fallen dafür umso mehr auf. Gerade wegen des Stillstands. Immer wieder werden Tengos und Aomames Vergangenheit angesprochen. Immer wieder werden Details des Romans Die Puppe aus Luft wiedergekaut. Vergrätzt sollen die Wiederholungen nicht werden, aber eine Reduzierung ihrer und damit des Umfangs der drei Bände wäre zum Vorteil einer straffen Handlung wünschenswert gewesen. So schnell kleine Details in der Fülle der Informationen vergessen werden - auch wichtige - sind die Monologe Aomames und Tengos kein Besinnen ihrer selbst mehr, sondern ein unnötiges Aufblähen von Text.
Damit überhaupt noch etwas Schwung in die Handlung kommt, wird Ushikawa eingeführt. Bereits im zweiten Band bekam er eine Nebenrolle, die er nun in eigenen Kapiteln ausbauen darf. Viel gibt es über ihn jedoch nicht zu sagen: Er ist ein Schnüffler der Sekte der Vorreiter. Er ist hässlich wie die Nacht, sein Kopf ungestaltet und sein Körper gedrungen. Damit ist er auffallend und bei Observierungen praktisch unbrauchbar. Informationen kann er Leuten dafür aber hervorragend entlocken. Doch auch Ushikawa sinniert unentwegt über seinen unförmigen Körper, der bei Fremden sogleich Antipathie hervorruft.

Fazit

Trotz des schwächelnden Dritten Buches, dem durch Wiederholungen die Luft ausgeht und lange Zeit im Stillstand schwelgt, ist »1Q84« ein Roman voller Herzschmerz, Fanatismus und Persönlichkeitsfindung, gespickt mit einem märchenhaften Charakter, ohne den dieser Roman in dieser Form gar nicht möglich gewesen wäre. Haruki Murakamis oft als Opus Magnum betiteltes Werk »1Q84« ist keine große Literatur, aber ein Werk, das seine eigene Beachtung verdient hat.

4 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen