Sonntag, 2. Dezember 2012

Rezension: 1Q84. Buch 1 (Haruki Murakami)

DuMont
Hardcover, 1024 Seiten
ISBN 978-3-8321-9587-8
32,00 €


Ein kurzer Einblick

1984. Aomame hat zwei verschieden große Ohren. Beim Rendezvous mit einem reichen Ölhändler zückt sie eine Nadel und ersticht ihn – ein Auftragsmord, um altes Unrecht zu sühnen. Tengo ist Hobby-Schriftsteller. Er soll einen Roman der exzentrischen 17-jährigen Fukaeri überarbeiten, damit sie einen Literaturpreis bekommt. Der Text ist äußerst originell, aber schlecht geschrieben – ein riskanter Auftrag. Aomame wundert sich, warum die Nachrichten ihren Mord nicht melden. Ist sie in eine Parallelwelt geraten? Um diese Sphäre vom gewöhnlichen Leben im Jahr 1984 zu unterscheiden, gibt Aomame der neuen, unheimlichen Welt den Namen 1Q84.

Bewertung

Haruki Murakamis Trilogie „1Q84“, eigentlich eher ein Roman in drei Teilen, ist geprägt durch eine schlichte, kühle und sachliche Sprache, von der eine ungeheure Anziehungskraft ausgeht; als ob man in einem Salzbad schweben und träumen würde. Ein Sprachkünstler ist Murakami nicht, ein talentierter Erzähler aber sehr wohl. „1Q84“ erzählt vom Fanatismus in den verschiedensten Ausprägungen im Jahr – unschwer zu erraten – 1984 in der Stadt Tokyo. Auf den Inhalt möchte ich zu diesem Band gar nicht so sehr eingehen, sondern mich vornehmlich auf die Charaktere konzentrieren, die weitaus wichtiger als die Handlung (mit der ich mich in Buch 2 auseinandersetzen möchte) selbst sind.
Aomame, Tengo, Fukaeri und zu Teilen auch Komatsu bilden das Quartett der vier wichtigsten Charaktere, die „1Q84“ prägen.

Aomame, was soviel bedeutet wie „Grüne Erbse“, ist die Tochter zweier Zeugen Jehovas. In ihrer Kindheit war sie verschlossen und aufgrund des Glaubens ihrer Eltern stets der Mittelpunkt des Spottes, was sie zur Außenseiterin machte. Schließlich jedoch bricht sie mit ihren Eltern und wird zur selbstsicheren Fitnesstrainerin und abseits der Legalität Auftragsmörderin der alten Dame. Diese lässt Frauen quälende Männer beseitigen.
Als Aomame die Leiter der Stadtautobahn hinabsteigt, sie steckte in einem Stau fest, verändert sich die Welt. Zunächst nur unscheinbar, dann deutlich sichtbar. Die Polizisten tragen plötzlich andere Klamotten, es gibt Medienereignisse aus den letzten Jahren, die Aomame nicht kennt, die aber garantiert nicht spurlos an ihr vorbeigehen hätten können - und es stehen zwei Monde am Himmel. Aomame nennt die Parallelwelt 1Q84, was kein Zufall sein dürfte, da Q im japanischen genauso wie 9 ausgesprochen wird. Die zunächst kaum wahrnehmbare Tendenz zur Parallelwelt lässt sich bis auf die deutlichen Ereignisse nur schwer in Worte fassen.

Tengo, unter seinen Mitschülern beliebt, ist der Sohn eines Gebühreneintreibers des NHK. Als Sportler war er erfolgreich, beruflich ist er Mathematiklehrer geworden. Der Traum des Schriftstellers bleibt eben dies: ein Traum. Keines seiner Manuskripte wurde bisher veröffentlicht. Als sein Lektor Komatsu an ihn herantritt, das ungeschliffene Manuskript der 17-jährigen Fukaeri in Form zu bringen, hat Tengo zwar moralische bedenken, dennoch verfasst er den Roman neu, der daraufhin einen Literaturpreis gewinnt und innerhalb kürzester Zeit die Bestsellerlisten stürmt – allerdings unter Fukaeris Namen.
Aomame und Fukaeri sind die Partner fürs Leben. Im alter von 10 Jahren haben sie sich in der Schule kennengelernt, doch ihre Lebenswege trieben sie auseinander. Nach all den vergangenen Jahren schwärmen sie noch immer füreinander und hoffen auf ein Wiedersehen. Zart, aber deutlich, verstricken sich ihre Lebenswege erneut. Zumindest werden sie das, das deutet die Handlung an.

Fukaeri ist wortkarg, eigensinnig und Legasthenikerin. Bis ins Alter von zehn Jahren wuchs sie in der Sekte der Vorreiter auf, bevor sie zum Sensei kam, der sie wie eine Tochter aufnahm. In der Zeit bei den Vorreitern muss sie die Little People und die Puppe, die in ihrem Roman eine zentrale Rolle einnehmen, kennengelernt haben. Was die Little People jedoch sind, kann oder will sie nicht in Worte fassen. Niemand, weder ihr Sensei, noch Tengo, werden schlau aus diesem hübschen Mädchen. Und dann verschwindet sie wortlos. Nur Tengo schickt sie eine Nachricht, dass es ihr gut gehe.

Fazit

Buch 1 des Romans „1Q84“ verspricht viel – was es am Ende hält, müssen Buch 2 und 3 verraten, denn auf die Story fokussiert ist Haruki Murakami nicht. Ihm sind die Leben seiner Charaktere wichtig, ihre Ausgestaltung und ihre Beziehungskonflikte, die beständig dichter und dichter werden – wobei sich die Figuren kaum begegnen.
Buch 1 darf nicht allein genommen bewertet werden, denn es ist Teil des Jahres „1Q84“, das nur als Ganzes eine Geschichte ergibt.

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