Sonntag, 23. Dezember 2012

Interview: Thomas Finn

Hallo Thomas, vielen Dank, dass du Zeit für ein Interview mit uns gefunden hast. Stell dich doch bitte unseren Lesern erst einmal vor. Wen hat man sich unter dem Namen Thomas Finn vorzustellen?

Oje, es ist immer etwas schwierig, etwas zu sich selbst zu sagen. Ich bin zum Zeitpunkt dieses Interviews 43 Jahre alt, Hamburger und damit in manchen Wesenszügen sicher ein typischer Hanseat. Ich liebe es beruflich wie privat Geschichten zu erzählen, ich mag phantastisches Kino, gute TV-Serien und gute Bücher. Darüber hinaus halte ich mich mit Kampfsport und gelegentlichem Joggen fit. Mehr kann man auf meiner Webseite unter www.thomas-finn.de nachlesen.

Wie bist du zum Schreiben gekommen? War das ein lang gehegter Traum, oder ist es eher zufällig passiert?

Eher zufällig und zwar um 1984 beginnend mit den fantastischen Pen-&Paper-Rollenspielen - wie so viele Kollegen meines Genres. Schon damals begann ich damit, entsprechende Abenteuerpublikationen für Rollenspiel-Verlage zu verfassen; hinzu kommen langjährige Erfahrungen als Redakteur für Genremagazine. Eigentlich bin ich ausgebildeter Werbekaufmann und Diplom-Volkswirt, aber die Schreiberei und vor allem das Geschichten erfinden wurde über die Jahre zur Leidenschaft. Aus dem Hobby wurde also ein Beruf. Nach meinem Studium habe ich dann einige Jahre als Lektor und Dramaturg in einem Drehbuch- und Theaterverlag gearbeitet, außerdem als Chefredakteur des großen Phantastik-Magazins Nautilus Abenteuer & Phantastik. Inzwischen blicke ich auf weit über 30 Spielepublikationen, mehrere verfilmte Drehbücher, einige Theaterstücke und ein gutes Dutzend Romane zurück.

Hast du beim Schreiben bestimmte Rituale? Zum Beispiel eine feste Schreibzeit? Oder schreibst du eher nach „Lust und Laune“?

Ich schreibe vor allem sehr diszipliniert. Wenn ich beginne, dann fast Tag und Nacht. Allerdings muss ich mich zwischen den Romanen immer wieder ein, zwei Monate von der Arbeit erholen. Im Übrigen arbeite ich zuhause in meinem Arbeitszimmer. Ich gehöre nicht zu den Autoren, die mit dem Laptop im Café arbeiten können. Dort wäre die Ablenkung einfach zu groß.



Ein Buch von dir, welches wir auch auf Legimus rezensiert haben, ist „Der Funke des Chronos“. Darin geht es um Zeitreisen. Wie hast du zu diesem Thema gefunden?

Eigentlich wie bei vielen anderen Geschichten auch durch die Frage „Was wäre wenn?“ Als ich damals zwecks Ausbildungsbeginn nach Hamburg zog, beschäftigte ich mich natürlich etwas näher mit meiner Wahlheimat. Damals bin ich auf das Rätsel des Großen Brandes von 1842 gestoßen, der in der Biedermeierzeit ein Drittel Hamburgs zerstört hat. Man weiß zwar, wo der Brand ausgebrochen ist, aber nicht durch welches Ereignis. Kein Wunder also, dass in ‚Der Funke des Chronos’ diese Frage geklärt wird. :-)

„Der Funke des Chronos“ spielt in deiner Heimatstadt Hamburg. Wie ist es ein Buch über seine Heimatstadt zu schreiben?

Aufregend. Sehr sogar. Die Recherchen haben so viele unbekannte, spannende und auch lustige Seiten Hamburgs zutage gefördert, dass irgendwann der Wunsch wuchs, all diese Rechercheergebnisse auf unterhaltsame und spannende Weise in einem Roman zu verarbeiten. Hinzu kam, dass ich Hamburg um 1842 absolut faszinierend fand. Der Thriller ist daher im Wortsinne auch als Einladung an den Leser zu verstehen, sich selbst auf eine aufregende Zeitreise zu begeben.

Dein neuer Roman „Weißer Schrecken“ spielt fernab von Hamburg in der Gegend um Berchtesgarden. Wie hast du dich auf das Schreiben dieses Romans vorbereitet? Hast du Recherchen vor Ort betrieben?

Bislang bin ich als Nordlicht nur einmal durch Berchtesgaden durchgefahren. Aber einer meiner Freunde hat dort seine Kindheit verbracht und heutzutage findet man im Netz so viele Informationen über Stadt und Land, dass es eigentlich nur noch ein wenig Einfühlungsvermögens bedurfte, um die Eindrücke sicher auf Papier bannen zu können. Bei alledem muss aber natürlich erwähnt werden, dass „Weißer Schrecken“ nicht direkt in Berchtesgaden spielt, sondern in dem fiktiven Voralpendorf Perchtal. Da hat man dann als Autor schon etwas mehr Freiheiten. Recherchiert habe ich also mittels persönlicher Befragungen, mittels Büchern und natürlich mithilfe des Internets.

In dem Roman geht es um den Nikolaustag und die ganzen Sagen und Mythen die dahinter stecken. Woher kam die Idee einen Roman über dieses Thema zu schreiben und betrachtest du den Nikolaustag nun mit anderen Augen?

Ja, das Nikolausfest, sehe ich heute mit gänzlich anderen Augen. Vor etwa sechs Jahren stand eine Veranstaltung im phantastischen Bereich unter dem Nikolaus-Motto. So bin ich erstmals gezwungen gewesen, mich näher mit dem Nikolausfest und dem entsprechenden Brauchtum zu beschäftigen. Insbesondere die real-historischen Quellenlage rund um die Figur des Knecht Ruprecht hatten es mir schnell angetan. Ich konnte damals zunächst selbst nicht glauben, welche Kinderschreck-Gestalt sich da in unser vorweihnachtliches Brauchtum geschlichen hatte. Hinzu kam das ganze Paket um Perchta, Kelten, Frau Holle, die Wilde Jagd und vieles mehr – Ergebnisse, die mich förmlich elektrisierten. Ich wusste sofort, dass all diese mythischen Perlen das Zeug dazu hatten, die Bühne für einen wirklichen spannenden Gruselroman zu bilden. Den letzten Ausschlag dann gab eine aufregende archäologische Entdeckung aus jüngerer Zeit, die das Ganze nur noch gruseliger machte.

Beim Lesen von „Weißer Schrecken“ jagen dem Leser kalte Schauer über den Rücken. Wie fühlt es sich an als Autor spannende oder gar gruselige Stellen zu schreiben? Muss man auf etwas besonders achten?


Nun, ich liebe den Grusel, seit ich lesen kann. Wohlgemerkt den Grusel, nicht den Splatter. Ich schreibe nicht ohne Grund schon seit einigen Jahren für das Horror-Rollenspiel-System H.P. Lovecrafts Cthulhu und habe daher hinreichend Erfahrungen darin zu wissen, was nötig ist, um beim Leser ein Gefühl des Grauens zu wecken. In „Weißer Schrecken“ verdichte ich unser aller Kindheitsängste mit all jenen Grusel-Klassikern, die mir auch selbst eine Gänsehaut bescheren. Dabei kann ich dir eigentlich nicht so genau sagen, auf was ich besonders geachtet habe. Eins vielleicht: Aufkeimende Furcht entsteht durch Andeutungen; dadurch, dass man das Unheil langsam einkreist und die Phantasie des Lesers anregt, bevor der Schrecken schließlich enthüllt wird. Das ist ganz sicher ein Element, das ich beim Schreiben beherzigt habe.

Auf Piper-Fantasy konnten die Leser über das Cover von „Weißer Schrecken“ abstimmen. Wie war das für dich mit anzusehen? Hat dein favorisiertes Cover die Abstimmung gewonnen?

Ja, und darüber bin ich auch sehr glücklich! Denn natürlich hatte ich sofort einen Favoriten und ich war durchaus froh, dass mein Geschmack mit der Mehrheit der User übereinstimmte. Das jetzige Cover war und ist eindringlicher als die Variante mit dem Mädchen unter dem Eis.

Du hast zwei Jugendbuchreihen im Ravensburger Verlag veröffentlicht und auch in „Weißer Schrecken“ sind Jugendliche die Protagonisten. Fällt es dir leicht, dich in die Gefühls- und Gedankenwelt von Jugendlichen hineinzuversetzen?

Ja, ich denke schon. Ich habe meine Kindheit und Teenagerzeit noch immer sehr intensiv in Erinnerung und weiß auch noch gut um meine damaligen Gefühle und Stimmungen. Hinzu kommt, dass sich die Persönlichkeit von Jugendlichen noch in der Entwicklung befindet. Das hilft bei der Charakterentwicklung. Dass ich in „Weißer Schrecken“ Teenager in den Mittelpunkt der Handlung gestellt habe, lag aber vor allem am zugrunde liegenden Thema. Das Nikolausfest mit allen unheimlichen Implikationen erlebt ein Jugendlicher einfach anders, als ein Erwachsener.

Neben dem Schreiben von Romanen hast du auch Theaterstücke, Drehbücher und Spiele veröffentlicht. Kannst du uns dazu ein bisschen was erzählen?

Nun, Rollenspielpublikationen verfasse ich noch immer, wenn auch nur gelegentlich. Man kann davon nicht wirklich leben. Aber ich bin dem Hobby noch immer so sehr verbunden, dass ich davon einfach nicht lassen kann. Meine Drehbücher und meine Theaterstücke gehen aus der Zeit nach meinem Studium hervor, als ich in einem Drehbuch- und Theaterverlag als Lektor und Dramaturg angestellt war und meinen damaligen Chef und heutigen Partner Volker Ullmann kennenlernte, der übrigens Vater des bekannten Schauspielers Kostja Ullmann ist.. Alle Drehbücher und Theaterstücke sind in Zusammenarbeit mit ihm entstanden. Volker lebt heute in Spanien und so habe ich mich inzwischen vorrangig auf Romane konzentriert.

Legimus hat dich auf einer Lesung getroffen und dort festgestellt, dass du ein echter Stimmkünstler bist. Hast du schon einmal überlegt selber einen Roman von dir zu vertonen?

Dank dir, ich bemühe mich :-). Lesungen sind schließlich Veranstaltungen, bei denen man quasi eine One-Man-Show liefern muss, um das Publikum zu unterhalten. Und das Publikum ist nicht zuletzt durch die vielen guten Hörspiele mit ihren ausgezeichneten Sprechern verwöhnt, so dass ich schon früh dazu übergegangen bin, ebenfalls in diese Kerbe zu schlagen. Was nun aber eine Selbst-Vertonung anbelangt, die sehe ich eher skeptisch. Ich denke, das sollte man doch eher den ausgebildeten Profis überlassen. Meine Profession sollte darin bestehen, möglichst spannende Geschichten zu schreiben.

Mittlerweile gibt es immer mehr E-Book-Reader. Was hälst du von dieser Technisierung des Buches?

Och, der Entwicklung sehe ich als Autor gelassen entgegen. Gelassener vermutlich, als die Verlage. Ich will mich da auch nicht in den Glaubenskrieg einmischen, ob es nun schöner sei, ein „richtiges Buch“ zu lesen oder ein E-Book anzuwerfen. Das muss jeder Leser für sich selbst entscheiden. Bücher aus Papier werden eh nicht so schnell aussterben. Als Schöpfer einer Geschichte ist es natürlich schöner, ein Buch aus Papier in Händen zu halten, das gut riecht und sich toll anfühlt, als einfach nur einen Reader anzuwerfen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass der Markt der E-Books hier in Deutschland schon bald ebenso rasant anwachsen wird, wie in Übersee.

Kannst du uns zum Schluss noch verraten auf welche neuen Projekte wir uns freuen können?

Derzeit schreibe ich einen SF-Roman, der in Markus Heitz Justifiers-Universum angesiedelt ist. Der Arbeitstitel lautet „Mind Control“. Und soviel kann ich verraten: Justifiers macht richtig Spaß!

Thomas, wir bedanken uns ganz herzlich, dass du Zeit für das Interview gefunden hast und wünschen dir alles Gute für deine kommenden Projekte.



Dieses Interview führte Jana Quade für Legimus. Alle Rechte vorbehalten. 

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