Sonntag, 16. Dezember 2012

Interview: Ralf Isau

Ralf Isau (* 1. November 1956 in Berlin) ist ein deutscher Phantastik-Schriftsteller. Heute lebt er in Asperg in der Nähe von Ludwigsburg. Seine Romane werden in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt. Bekannt geworden ist er vor allem durch die "Neschan-Trilogie". Erst später hat er sich mit "Der silberne Sinn" in die Erwachsenen-Literatur vor gewagt. Ein stilprägendes Merkmal des Autors ist sicherlich die Vermischung von wahren Tatsachen und der Fiktion.


Kann Jesus in der unsrigen modernen Welt überleben?, Eine Frage, die Sie sich beim Schreiben von „Messias" gestellt haben. Eine allgemeingültige Antwort geben Sie nicht. Wie wichtig war es Ihnen den Leser seine eigene Antwort finden zu lassen?

Sehr wichtig! Deshalb lasse ich ihn lange zappeln, lege ihm immer neue Wunder vor, ohne diese als echt oder gefälscht darzustellen. Der Leser soll denselben Prozess durchmachen, den auch Hester, meine wunderskeptische Hauptfigur, erlebt. Ich pflege gerne zu sagen, der rote Faden in meinen Romanen ist das Anstiften zum Selberdenken. Auch im Messias ist dieses Leitprinzip klar zu erkennen.


Sehen Sie in den Medien eine ernsthafte Gefahr zur Schädigung bzw. Verfälschung der Religion?

Die Massenmedien sind für mich ein zweischneidiges Schwert. Einerseits können wir viel Nutzen aus ihnen ziehen – das Internet ist für mich ein wichtiges Werkzeug bei der Recherche geworden. Trotzdem sollte man sich immer vergegenwärtigen, dass alle Medienbeiträge auch nur von subjektiven Individuen stammen. Jeder engt – bewusst oder unbewusst – durch seine Vorlieben, Abneigungen, Gefühle, Vorurteile und Erfahrungen die Sicht auf das von ihm öffentlich behandelte Thema ein. Sich sein Lebenskonzept aus dem Internet downzuloaden halte ich tatsächlich für eine Gefahr. Wenn man sich allerdings dazu zwingt, verschiedene Quellen sprechen zu lassen und bei der Abwägung den eigenen Verstand nicht abzuschalten, dann können die Medien eine nützliche Hilfe bei der Orientierung sein.

Mit „Messias“ haben Sie sich in die Riege der Kirchenthriller eingereiht. War dies eine bewusste Entscheidung in eine sich selbst verkaufende Marktnische zu greifen oder hatten Sie zufällig die richtige Idee zur richtigen Zeit?

Mich hat das Thema interessiert, nicht irgendwelche Marketingüberlegungen. Außerdem besuche ich Rom und den Vatikan spätestens seit dem Kreis der Dämmerung auch immer wieder. Sowohl im Herrn der Unruhe als auch bei den Dunklen sind Kirchenthemen behandelt worden. Insofern springe ich da nicht auf einen fahrenden Zug auf, sondern entwickle Vertrautes nur weiter. Wenn man 30 Bücher veröffentlicht hat, fällt dieser Aspekt meines Werks nur nicht so auf, weil es so bunt durchmischt ist.

Anfang 2006 nahmen Sie die Planung zu einem Wunderroman auf. Bis zum Erscheinungsdatum von „Messias" ist viel Zeit vergangen. Können Sie uns schildern, wie sich der Roman entwickelt hat und welche Arbeitsschritte Sie unternommen haben?

Karl Valentin sagte einmal: »Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.« Das kann man am Werden dieses Romans gut erkennen. Nach der Idee ist irgendwann ein Grobkonzept von vielleicht sechs oder neun DIN-A4-Seiten entstanden. Von diesem Zeitpunkt an achte ich auch besonders auf Medienberichte, die zu meinem Thema passen, oder ich lese entsprechende Bücher. Später entsteht dann das Feinkonzept von ca. 50 Seiten. Um dem Roman authentisch zu machen und einzelne Fakten abzuklopfen bin ich dann mit meiner Frau nach Graiguenamanagh gereist. Danach kam eine sehr intensive Schreibphase mit etlichen 16-Stunden-Arbeitstagen. Für den Feinschliff habe ich den Text dann noch mehrmals überarbeitet. Zwischendurch ist immer ein Lektor bzw. eine Lektorin ans Manuskript herangegangen, um Schwachpunkte aufzuspüren oder simple Tippfehler zu korrigieren.

Warum lassen Sie den Roman gerade in Irland spielen?

Damit ich meinen langgehegten Wunsch, einmal im Leben nach Irland zu kommen, steuerlich absetzen konnte. Nein, war nur ein Scherz. Irland hat einfach was. Die lange Geschichte von den Kelten bis in die Gegenwart hat überall seine Spuren hinterlassen. Nicht von ungefähr ist auch die Fantasy der westlichen Welt von keltischen Elementen stark durchwoben. Manche empfinden Irland wie ein Märchenreich, wie ein Avalon, in dem man überall Wundersames sehen kann. Damit gelangt man automatisch zum Thema des Buches. Darin geht es ja um die wahren und die weniger wahren Wunder unserer Welt.

Für Ihre Recherchen haben Sie Irland bereist. Welche Eindrücke haben Sie von dort mitgenommen und in Ihrem Roman verarbeitet?

Neben dem bereits Geschilderten, waren für mich das Besondere die Menschen. Manche sind ziemlich skurril, wie etwa der Zeitgenosse, der regelmäßig die Feen füttert – er marschiert im Buch kurz durchs Bild. Aber auch die Herzlichkeit und die Hilfsbereitschaft der Bewohner von Graiguenamanagh, die mich bei den Recherchen tatkräftig unterstütz haben war unbeschreiblich.

Bewusst haben Sie mit „Messias“ provozieren wollen – Scharlatanerie oder Wunder. Was war an diesen beiden Extremen die Herausforderung für Sie?

Der Gegensatz zwischen den beiden Polen. Ich beobachte, dass in unserer Welt oft die Extreme den Ton angeben. Da sind einerseits die Wunderpilger von Lourdes oder Fatima, die sich von den Devotionalienverkäufern noch den größten Schund andrehen lassen und sich trotzdem gesegnet fühlen. Andererseits finden wir die Materialisten und Naturalisten, die – nicht weil sie Beweise hätten, sondern weil es ihrer philosophien Weltanschauung widerspricht – alles ablehnen, in dem der göttliche Funke auch nur glitzern könnte. Ja, und dann gibt es da noch die Kirchenräson. Mich hat brennend die Frage interessiert, wie lange ein neuzeitlicher Jesus Christus heute überleben könnte, wenn er die religiösen Führer der Gegenwart in der gleichen Weise anprangerte wie vor 2000 Jahren. Würde man – wenn schon nicht buchstäblich, so doch im übertragenen Sinn – den Sohn Gottes ein zweites Mal ans Holz nageln? Natürlich wollte ich mit dem Messias auch eine spannende Geschichte erzählen, aber mich hat es gejuckt, die Wahrnehmung des Leser gewissermaßen zu erweitern. Manch einer mag nach der Lektüre des Romans seine Sicht auf die Welt etwas neu justieren. Nur, wer hinterfragt, findet neue und manchmal auch bessere Wege. Aber wie schärft man die Sinne, ohne oberlehrerhaft zu klingen oder die religiösen Gefühle der Leser zu verletzten? Das Schwierige war also wohl der Spagat zwischen den Extremen.

"Messias" ist nicht nur ein Buch über Wunder und Scharlatane, sondern entwickelt sich auch zu einer Familiengeschichte. War das von Anfang an Ihr Plan oder haben Ihre Figuren eine Eigendynamik entwickelt?

Ein bisschen tun sie das immer. Romanfiguren sind, um es auf Neudeutsch zu sagen, virtuelle Wesen. Trotzdem müssen sie echt wirken. Wie aus Fleisch und Blut. Dazu gehören Attribute wie innere Zerrissenheit, Marotten, Schwächen, Schicksalsschläge, belastende Erfahrungen aus der Vergangenheit – Dinge also, die wir alle kennen und somit als authentisch empfinden. Ein Held, bei dem alles glatt geht, ist langweilig. Hester will gar kein Held sein. Er hat mit seinen »Leichen im Keller« genug am Hals. Erst nachdem er sich den eigenen Probleme stellt – hier vor allem in der Figur seines wundertätigen Vaters verkörpert –, ist er auch der großes Aufgabe gewachsen.
Die Entwicklung meiner Figuren ergibt sich oft aus dem Plot. Manches kristallisiert sich erst im Laufe der Konzepterstellung heraus. Gelegentlich verschaffe ich Figuren, die in einem Roman nur eine Nebenrolle spielen, auch noch einen großen Auftritt in einem anderen Buch. Bei dem etwas bärbeißigen Hester war das so. Er hatte Sarah d'Albis schon im Roman Die Dunklen assistiert. Jetzt ist er der Held.

Ihre Bücher zeichnen sich durch die Verbindung von Wirklichkeitsbezug und phantastischen Elementen aus. Sie selbst nennen Ihre Art der Bücher 'Phantagone'. Worin sehen Sie den besonderen Reiz dieser Verbindung im Gegensatz zur reinen Fantasy?

Phantagone, sind Romane, welche die Fantasie des Lesers ganz stark mit einbeziehen und sich gewissermaßen erst in seinem Bewusstsein entfalten. Manche sehen darin pure Fantasy, andere eine zarte Liebesgeschichte, wieder andere einen Wissenschaftsthriller oder ein hoch philosophisches Buch. Meistens kommt vieles Zusammen. Aber jeder empfindet die Mischung anders. Die gute Recherche ist meiner Ansicht nach unverzichtbar, um für das ganze Buch – also auch für die manchmal ziemlich fantastischen Teile – das Gefühl der Authentizität, der Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Außerdem macht es mir einfach Spaß, mich immer wieder in neue interessante Sachthemen hineinzuknien. Das mag wohl der Grund sein, warum ich die Faction – von Facts und Fiction –, der reinen Fantasy vorziehe. Ich schreibe einfach gerne die Bücher, die ich selber immer gerne gelesen hätte.

Sie erschaffen ein eigenes Universum, in das sich Ihre Romane einordnen lassen. Könnten Sie sich vorstellen einen Roman zu schreiben, in denen sich Ihre Charaktere nicht nur begegnen, sondern ein gemeinsames Abenteuer erleben?

Klar. Das ist auch schon passiert. In meinem neuen Romanprojekt Das merkwürdigste Buch der Welt, das für Herbst 2010 geplant ist, wird Nico dei Rossi, der Protagonist aus dem Herrn der Unruhe, eine wichtige Nebenrolle bekommen.

Können Sie uns schon ein wenig mehr über „Die Asche des Phönix", Ihrem nächsten Erwachsenenroman, erzählen?

In Die Asche des Phönix, das ist ein vorläufiger Titel, geht es um die abenteuerliche Jagd nach einem Lebenselixier. Klingt ein bisschen nach Indiana Jones, ich weiß, aber wenn da Parallelen entstehen sollten, dann auf typisch isausche Art. Das bei Piper erscheinende Buch spielt zwar in unserer Welt, hat an Phantastischem aber auch einiges zu bieten. Mehr wird noch nicht verraten.

Planen Sie auch schon einen neuen Jugendroman?

Im Sektor Jugendliteratur arbeite ich gerade an dem eben schon erwähnten Projekt Das merkwürdigste Buch der Welt. Darin geht es um eine Uhr, in der die Welt verschwand. Genauer gesagt kann dieser kosmische Mechanismus die Welten umstülpen: das mechanische Reich Mekanis gelangt nach außen und die Menschenwelt erstarrt innen, sobald das Räderwerk stehen bleibt.

Herr Isau, wir danken Ihnen für dieses Interview!

Gerne. Es war mir ein japanisches Kirschblütenfest mit Lampionbeleuchtung.


Dieses Interview führte Benjamin Kentsch für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.
Interview vom 28.11.2009

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