Sonntag, 16. Dezember 2012

Interview: Michael Bresser

Stellen Sie sich doch unseren Lesern zunächst vor. Wer verbirgt sich hinter dem Namen Michael Bresser?

Ich bin 39 Jahre jung und lebe seit zwei Jahren mit meiner Familie in Hannover. Ursprünglich komme ich aus dem nördlichen Ruhrgebiet (Kirchhellen) und habe danach zehn Jahre in Duisburg gelebt. Nach einem abgebrochen Germanistik- und Philosophiestudium habe ich eine kaufmännische Ausbildung absolviert und ein MBA-Studium abgeschlossen. Mit dem Schreiben habe ich während des Studiums begonnen. Zusammen mit meinem Freund Martin (Schlagzeuger unserer früheren gemeinsamen Band Arden) haben wir die Münsterland-Krimis mit dem Detektiv Dieter Nannen entwickelt. Bis zur Veröffentlichung durch einen großen Verlag verstrichen allerdings mehr als zehn Jahre.

„Bestseller“ ist vieles und kann vieles sein: Eine Warnung vor Druckkostenzuschussverlagen und vielleicht sogar ein Ratgeber zur Verlagssuche – alles überzogen auf den Punkt gebracht: Comedy im Literaturgewand. Wie würden Sie Ihren Roman einordnen?

Ich persönlich mag unterhaltsame Romane, bei denen nicht aus jeder Zeile vorgespielter Anspruch tropft. Spannung und Humor gehören für mich zu einem tollen Leseerlebnis. Daher habe ich versucht, diese Komponenten bei Bestseller zu kombinieren. Dabei sehe ich den Roman als keine reine Comedy-Literatur, obwohl er weitestgehend lustig zu lesen ist. Er hat eine tiefere Ebene, auf der es um die Orientierungslosigkeit junger Menschen im heutigen Deutschland geht. Viele möchten nichts machen, sondern erwarten dass Staat oder Gesellschaft ihr Leben gestalten. Das sind die ärmsten Zeitgenossen. Andere haben nebulöse Ziele und keine Idee, wie sie diese erreichen sollen. Viele Menschen scheitern und enden als Randnotiz der Geschichte. Horst ist ein Sinnbild eines Menschen, der seinen Weg sucht, aber trotz fortgeschrittenen Alters noch nicht weiß, wo er hin will. Dabei schlittert er von einer Katastrophe in die nächste, weil er auch ziemlich blind immer nur den nächsten Schritt und nicht darüber hinaus sieht.

Ihr Lebensbericht „Mein Weg zum Schreiben“ auf Ihrer Homepage vermittelt den Eindruck, Horst Stengel sei Michael Bresser. Wie viel von Ihnen steckt wirklich in der Figur Horst Stengel?

Horst Stengel erlebt einige Dinge, die mir auch passiert sind, z.B. die Verlagsgeschichte. Zu meiner Verteidigung: Wir waren damals Anfang zwanzig und es gab keine Möglichkeiten, sich über das Internet umfassend zu informieren. Wir sahen den Verlag – der einzige, der Interesse an unseren Büchern zeigte - erstmal als Chance und waren wie geplättet, als er nach Überweisung des Geldes in Konkurs ging. Vom Charakter her sind Horst und ich aber ziemlich unterschiedlich. Ich bin eher geradlinig und führe Ding zu Ende, während Horst sich eher von den Umständen treiben lässt. Aber ich kenne viele Menschen, die Horst ähneln. Und trotz seiner vielen Schwächen mag ich ihn sehr. Er lässt sich nicht unterkriegen und resigniert nie. Das ist viel Wert.

Pleiten, Pech und Pannen – eigentlich eine ziemlich zutreffende Beschreibung Horst Stengels. Warum kein ernsthaft echter, sondern ein überzogen komischer Roman?

Ich sehe in vielen Dingen zuerst die komische, lustige Seite. Das macht das Leben leichter, als sich auf globale Krisen und persönliches Leiden zu fokussieren. Und mit dem „überzogen“ ist das so eine Sache. Ich erlebe wirklich viele abstruse Ereignisse und menschliche Verhaltensweisen, wo Freunde sagen: Das musst du unbedingt in einem Buch verarbeiten. Ich weiß aber genau, der Otto-Normal-Leser würde sagen: Das ist maßlos übertrieben. So bekloppt ist niemand. Ich finde, das Leben ist oft wirklich absurd. Aber das macht es auch so interessant.

Wenn Sie an dieser Stelle schamlose Eigenwerbung betreiben könnten, wie würden sie Ihren Roman „Bestseller“ in drei Sätzen verkaufen?

„Bestseller“ ist ein brüllend komischer, spannender Roman, der die Seele berührt. Tragik und Komik liegen dicht beieinander. Protagonist Horst erlernt die Kunst, auf der Überholspur des Lebens zu surfen, ohne aus der Bahn zu gleiten.

„Bestseller“ ist ein skurriler Roadmovie. Auch Ihre Münsterlandkrimis tendieren in diese Richtung. Warum gerade das Skurrile, das Humoristische?

Humor ist meine Verarbeitungsmechanismus für tragische oder ängstigende Ereignisse im Leben. Auch unsere Krimiheld Dieter Nannen wird permanent vor neue Herausforderungen gestellt, die er lieber von der lustigen Seite nimmt, als den Kopf in den Sand zu stecken und zu resignieren.

Zusammen mit Martin Springenberg schreiben Sie die Fälle um den Privatdetektiv Dieter Nannen. Warum sind die Romane gerade im schönen Münsterland angesiedelt?

Wir stammen aus dem nördlichen Ruhrgebiet, das ans Münsterland grenzt. Unsere Krimis sollten auf dem Land spielen, da lag das Münsterland natürlich geografisch und geistig nah, schließlich sind wir beides Westfalen.

Sie leben in Hannover, Ihr Autorenkollege Springenberg in Gladbeck. Wie funktioniert das gemeinsame Schreiben bei Ihnen?

Hauptsächlich über Email. Das haben wir schon früher so praktiziert. Da war die Entfernung zwar nur dreißig Kilometer, aber wir konnten uns auch damals leider nicht so oft sehen. Ansonsten telefonieren wir oft und tauschen uns aus. Die gemeinsamen Überarbeitungen in der Kneipe sind allerdings selten geworden. Leider.

Welche Autoren haben Sie besonders geprägt? Haben Sie Einflüsse dieser Autoren mitgenommen?

Das sind zu viele, um sie alle zu nennen. Ich habe vor jedem Autoren Respekt, der es schafft, mich zu fesseln. T.C. Boyle schreibt brillante witzige Romane, James Lee Burke berührt mit seiner Melancholie meine Seele.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Martin und ich spielten gemeinsam in einer Hardrockband. Die Kollegen träumten von Osteuropa- und Amerikatourneen, erschienen aber selten zur Probe und beteiligten sich nur sporadisch an der Miete. Daraufhin beschlossen Martin und ich nur noch zu zweit Projekte in Angriff zu nehmen. Wir lesen beide gerne Krimis, also entschieden wir uns, es mal mit einem Krimi zu versuchen. Das war eine glückliche Entscheidung.

Könnten Sie sich auch einmal vorstellen in einem anderen Genre zu schreiben?

Ich bin immer ziemlich offen. Einen Psychothriller möchte ich demnächst schreiben, bei dem die komische Komponente in den Hintergrund rückt. Ideen habe ich immer genug.

Book of Demand – eine erfolgsversprechende Alternative oder pures Glück beim Durchbruch? Wie viel Selbstvermarktung gehört dazu – oder funktioniert BoD aus sich heraus?

Bei jedem Buch –egal ob BoD oder Verlag- spielt das Eigenmarketing eine große Rolle. Die Verlage pumpen das meiste Marketinggeld in die Blockbuster, da deren Erwerb schon sehr teuer ist. Das ist verständlich. Da kann gesunde Eigeninitiative nur hilfreich sein. Von alleine wird in der Regel keine noch so tolle Idee ein Erfolg. Ausnahmen bestätigen dies natürlich.

Was würden sie angehenden Autoren auf Verlagssuche raten?

Glaubt an euch und sucht einflussreiche Leute, die auch an euch glauben, z.B. einen fähigen Agenten.

Was kann man als nächstes von Ihnen erwarten?

Vor einer Woche ist die Anthologie „Mörderisches Münsterland“ mit unserer Story „Nannen jagt den Weihermörder“ im KBV-Verlag erschienen. Im Dezember erscheint der vierte Nannen-Krimi „Mein Schwein pfeift“ bei Ullstein. Momentan schreibe ich neben einem neuen Münsterlandkrimi einen witzigen Roman über einen schüchternen Loser auf dem Weg zum Frauenhelden. Arbeitstitel: Dr. Kamasutra. Für diesen Roman suche ich noch einen Verlag.

Vielen Dank für das Interview!

Ich danke auch für das interessante Gespräch, Benjamin.


Dieses Interview führte Benjamin Kentsch für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.
Interview vom 11. Juli 2010

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