Donnerstag, 27. Dezember 2012

Interview: Matthias Sachau

Bitte stellen Sie sich doch erstmal unseren Lesern einmal vor. Wen hat man sich unter dem Namen Matthias Sachau vorzustellen?

Ou, das frage ich mich oft selbst. Ein Mann, blond, mit den ersten grauen Strähnen und in Sachen Kleidung mit einer Vorliebe für das Zeitlose und Unprätentiöse in Blau- und Weißtönen. Darüber hinaus ein hoffentlich angenehmes Lächeln, bedingungslose Hingabe an Monty Python, Ernst Lubitsch, Blake Edwards, Douglas Adams und an die Klaviermusik von Claude Debussy und Maurice Ravel sowie eine großzügige Quelle für durchgeknallte Geschichten im Kopf. Das ist alles, was ich im Moment sicher weiß.


Haben Sie schon als Kind gerne geschrieben, oder haben Sie später erst diese Leidenschaft entdeckt?

Ich habe tatsächlich erst mit 30 angefangen zu richtig zu schreiben. Davor nur Tagebuch. Der physische Vorgang des Schreibens selbst war mir verhasst, weil ich von Anfang an große Probleme mit meiner Handschrift hatte. Vielleicht lag es tatsächlich daran, dass ich erst so spät entdeckt habe, dass es mein Ding ist.

Haben Sie bestimmte Zeiten oder Rituale beim Schreiben? Oder ist dies als Vater eher schwierig?

Ich schreibe fünf Tage die Woche jeweils fünf bis acht Stunden, je nachdem, wie die familiären Pflichten so anfallen. Das Wochenende bleibt schreibfrei. Ich hätte gerne mehr Zeit, aber andererseits zwingt dich das Bewusstsein „Okay, du hat jetzt genau fünf Stunden, dann musst du den Kleinen zum Fußball bringen“ dazu, im Zweifel voran zu machen und nicht lang zu grübeln. Ich mag diese dynamische Arbeitsweise. Wenn etwas nicht so gut geworden ist, merke ich es sowieso am nächsten Tag, wenn ich es durchlese, und schmeiße es dann sofort weg. Manchmal muss man einen Fehler einfach machen, um zu erkennen, wie es richtig geht.

Wie kann man sich Ihre Recherchearbeit vorstellen?

Ganz ehrlich? Ich hasse Recherche und ich liebe es, ganz wie ein klassischer Geschichtenerzähler, mir die Dinge einfach auszudenken. Meistens recherchiere ich wirklich nur das allernötigste. Manchmal gibt es natürlich Themen, die mich richtig faszinieren. Darüber lese ich dann auch gerne dicke Bücher.

Sie haben ein Diplom in Architektur gemacht. Jetzt schreiben Sie Romane. Wie kamen sie von Architekt zum Schriftsteller?

Ich habe nach dem Studium nur kurz als Architekt gearbeitet, dann taten sich für mich bessere Chancen als Texter und Konzepter auf. Vom Texterjob war es dann nur noch ein kurzer Weg zum Schreiben. Im Architekturstudium habe ich allerdings, auch wenn das unwahrscheinlich klingen mag, fast alles gelernt, was ich jetzt beim Schreiben brauche: Konzeptionell denken, das große Ziel im Auge behalten, immer wieder einen Schritt zurücktreten und das bereits Geschaffene kritisch hinterfragen und, das Wichtigste, kreative Prozesse laufen lassen, ohne sich zu verzetteln und den Abgabetermin zu gefährden.

Was für ein Gefühl war es als Sie Ihr erstes frischgedrucktes Buch in der Hand hielten? Und haben sie es behalten?

Der großartige Moment war eigentlich nicht, als ich das erste Exemplar in der Hand hielt, sondern als ich „Schief gewickelt“ zum ersten Mal in einer Buchhandlung stehen sah. Das war Einzigartig. Wie für einen Fußballer das erste Bundesligator.

Ihren ersten Roman „Schief gewickelt“ haben Sie geschrieben, nachdem Sie Vater geworden sind. Haben Sie auch mal in einer Männer-WG wie die Protagonisten in Ihrem zweiten Roman „Kaltduscher“ gelebt?

Ich selbst habe „nur“ in einer Zweier-WG gelebt. Ich hatte aber einige gute Freunde in Groß-WGs und Wohnprojekten, die ich oft besucht habe. Dort waren auch immer die besten Partys.

Können Sie sich vorstellen auch einen Roman über eine Frauen-WG zu schreiben, oder denken Sie, das so ein Buch eher langweilig werden könnte?

Langweilig bestimmt nicht, aber vielleicht sollte diesen Roman besser eine Frau schreiben? Ich würde mir noch nicht zutrauen, einen Roman mit einer Frau als Hauptfigur zu schreiben. Vielleicht bin ich eines Tages so weit. Es wäre eine große Herausforderung.

In „Kaltduscher“ gibt es jede Menge unterschiedliche Charaktere. Haben Sie Vorbilder für die einzelnen Macken der Personen, oder erdachten Sie alle fiktiv?

Bei „Kaltduscher“ habe ich mich ausgiebig an der oft absurden Berliner Realität bedient. Einer meiner besten Freunde ist zum Beispiel tatsächlich einmal morgens aufgewacht, und sah einen riesigen Bohrer zehn Zentimeter neben seinem Kopf aus der Wand kommen. Auch bei den Charakteren habe ich diesmal viele Anleihen aus dem Freundeskreis genommen. „Kaltduscher“ ist für mich nicht nur ein Comedy-Roman, sondern auch eine Hymne auf das verwirrende und wunderbare Niemandsland zwischen jugendlich und erwachsen, das wir gemeinsam durchschritten haben.

Der Hauptprotagonist Krach hat mehr oder weniger künstlerische Fähigkeiten. Wie viel Matthias Sachau steckt in Oliver Krachowitzer?

Zeichnen, schauspielern und singen, so wie Oliver in “Kaltduscher”, kann ich nicht. Was ich an ihm mag, ist, dass er die Ruhe weg hat. Das hatte ich in seinem Alter noch nicht so. Fußballerisch bewegt er sich auch auf einem hohen Level. Seine Vorliebe für Sex in Umkleidekabinen teile ich zwar nicht, aber sonst könnte er tatsächlich ein Vorbild für mich sein. Allerdings müsste er dazu noch ein wenig sein Phlegma ablegen.

Krach hat immer wieder Probleme mit SMS schreiben. Er probiert viel in die kurzen Nachrichten hinein zu interpretieren. Wie stehen Sie selber zu SMS und dem Handy?

Ich benutze beides, aber ich mache keinen Kult darum. Gerade einer wie ich, der viel allein am Schreibtisch sitzt, genießt es doch sehr, in der übrigen Zeit „echte“ Leute zu treffen.

Wie rum hängen die Klorollen bei Ihnen zu Hause? Und gab es bei Ihnen deswegen schon mal Diskussionen?

Papier nach vorne. Da gibt es für mich keine Frage und keine Diskussionen.

Comedyverfilmungen werden immer beliebter, was man anhand der Verfilmung des Buches „Vollidiot“ von Tommy Jaud sehen konnte. Können Sie sich vorstellen, dass auch „Kaltduscher“ den Weg ins Kino finden könnte? Und hätten Sie für die Rollen schon Schauspieler im Kopf?

Christian Ulmen wäre für mich der perfekte Oliver. Bei den noch jüngeren Schauspielern kenne ich mich nicht so aus, aber da gäbe es sicher auch den ein oder anderen. Weil Sie gerade Tommy Jaud erwähnen – der Mann hat wirklich große Verdienste. „Vollidiot“ ist nicht nur ein großartiger Comedy-Roman, er hat auch den „Chaosmännern“ endlich ihre verdiente Nische im deutschen Buchmarkt freigehauen. Falls du das liest – danke Tommy!

Mittlerweile sind die E-Books auf dem Markt. Was halten Sie von der Technisierung des Buches?

Ich hoffe, dass die Verlage sehr genau analysieren, welche gigantischen Fehler die Plattenfirmen seinerzeit gemacht haben, als sie von den mp3s überrollt wurden. Wie groß die Marktanteile sein werden, die das E-Book in ein paar Jahren besetzen wird, weiß keiner. Ganz wichtig ist im Moment, dass die Taschenbücher günstig bleiben – oder, besser, noch günstiger werden. Außerdem sollte jeder, der ein „echtes“ Buch kauft, sich selbstverständlich zusätzlich kostenlos eine E-Book-Version herunterladen können, wenn er will. Das sind Maßnahmen, die dazu beitragen würden, dass gedruckte Bücher möglichst wenig vom Kuchen abgeben. Auf keinen Fall würde ich dagegen darauf setzen, den „echten“ Büchern verzweifelt mit irgendwelchen Gimmicks und Aufpimpungen Mehrwert gegenüber dem E-Book zu verschaffen. Das lässt den Kunden völlig kalt und macht das Produkt unnötig teuer.

Noch eine abschließende Frage. Arbeiten Sie schon an einem neuen Buch und machen sie dieses Jahr noch eine Lesereise? Auf was können sich Ihre Fans als nächstes freuen?

Ich bin mitten in der Arbeit am nächsten Comedy-Roman. Er wird 2010 erscheinen. Diesmal sind die Protagonisten eher Mitte 30, und die Liebesgeschichte steht, trotz allem äußeren Chaos, das es natürlich wieder geben wird, diesmal noch mehr im Vordergrund. Eine Lesereise ist im Moment nicht geplant, aber wenn die Anfragen weiter so reinkommen, werde ich wohl demnächst mal die Fahrpläne der Deutschen Bahn studieren müssen.

Herr Sachau, wir danken Ihnen für dieses Interview.

Dieses Interview führte Jana Quade für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.

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