Freitag, 23. November 2012

Rezension: Der Leichenkönig (Tim Curran)

Atlantis
Paperback, 150 Seiten
ISBN 978-3-941258-56-3
11,90 €

Ein kurzer Einblick

Auf den Feldern der Toten wird die Ernte eingeholt. Bestellt von Erweckungsfarmern mit schmutzigen Fingern, kalten Herzen und gierigen Gedanken, werden die Felder mit Schaufel und Spaten und Schweiß bearbeitet. Unter einem Leichentuch dünnen Mondlichts werden die Früchte aus der feuchten, schwarzen Erde gepflückt, aus wurmstichigen Särgen und verschimmelten Totenhemden gerissen, wie faulendes Korn aus zerfallenden Hülsen. Die Leichenernte wird auf schlammigen Karren aufgebahrt und zu Markte getragen, um an den Meistbietenden verkauft zu werden, zur Versorgung von Autopsiesälen und Anatomielaboren. Nacht für Nacht graben die Farmer auf ihren Gebeinfeldern und denken, sie seien allein bei ihrer finsteren Ernte. Aber es gibt noch einen anderen, der in Gräbern und Leichenhallen erntet. Einen anderen Schnitter, der seit Jahrtausenden sein Feld bestellt. Das Gesicht bleich wie der Mond und Finger wie Knochen, ist er der Große Herr der Leichenernte und Meister der Friedhofsegge. In der Welt des 19. Jahrhunderts gehen Samuel Clow und Mickey Kierney ihrem Lebensunterhalt im Erweckungsgewerbe nach - nicht ahnend, dass sie bald dem Leichenkönig begegnen werden ...


Bewertung

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erblüht die industrielle Revolution in England. Die Menschen treibt es in die Städte und infolge fehlender Arbeit und Hungerlöhnen in die Slums. Armut herrscht in den schmalen Gassen, Seuchen dezimieren die Bevölkerung. Hoffnungslosigkeit regiert und der Hunger quält die Bäuche vieler. Prostitution und Grabräuberei bieten Einkünfte: auch in Edinburgh. Die Nutzung Verstorbener als Anschauungs- und Seziermaterial für wissenschaftliche Zwecke ist per Gesetz verboten, das Material der verurteilten Straftäter langt den Forschenden nicht. Grabräuber machen sich des Nachts über die Gräber her, bauen einen Leichenhandel auf: Ärzte, Sezierer und Wissenschaftler sind ihre Kunden, die für geringes Geld eine sichere Abnahme des Fleisches garantieren. Die Grabräuberei erblüht als lukratives Geschäft, das das Leben in den Slums erträglich gestaltet. Der Raub der Leichen steht unter Todesstrafe. Die Arbeit an den Grabstätten selbst ist ein Knochenjob. Wer erwischt wird, wird anstandslos erschossen. Doch die Menschen haben keine Wahl, Grabräuberei sichert ihre Existenz.
Tim Currans Morbidität entspringt keineswegs seiner Fantasy, sondern beruht auf wahren Tatsachen. In einer Einführung widmet er sich den Verhältnissen der Menschen in den Slums und den Gefahren des Leichenraubes. Es entsteht ein düsteres Bild einer verarmten Volksschicht, die jedes Mittel zum Überleben nutzt. Insofern sorgt die Einführung nicht nur für einen erleichterten Einstieg in Story und Setting, sondern fungiert auch als Stimmungsmacher. Gnadenlos wird verdeutlicht, dass selbst eine Beschönigung der Lebensverhältnisse noch immer von Verwahrlosung und dem Hungertuch geprägt ist.
Samuel Clow und Mickey Kierney verdingen sich mit dem Handel der Toten ihren mageren Lebensunterhalt, arbeiten in den Dämmerstunden und sind stets auf der Hut vor Wachen. Ihr Charakter ist einfach gehalten, aber keineswegs stereotyp. Sie sind schwer differenzierbar, aber dennoch unterschiedlich genug. Eine größere Abgrenzung ihrer Figuren wäre wünschenswert gewesen, ist aber vielleicht auch ihren Lebensverhältnissen geschuldet. In ihrem Keller lagern eingepökelte Leiber von Frauen und Männern, Kindern und Erwachsenen, um die Anforderung und Wünsche ihrer Kunden erfüllen zu können. Der Gestank der Leichen begleitet sie, der Ekel verwesender Leichname wird zur Geduldsprobe. Die Leichengase lassen selbst sie so manches Mal erblassen. Es ist ein notwendiges Übel. Ihre vulgäre Sprache und ihr bitterböser Humor prägen die Sprache der Novelle auf unnachahmliche Weise. Man fühlt sich hineinversetzt in die schlammigen Gassen und nimmt sich in acht vor aus den Fenstern gekippten Fäkalien. Das Leben in den Slums Edinburghs wird fühlbar, das Leben wirkt zum Greifen nah. Wenn Mickey seine saufende und hurende Mutter eine Göttin der Liebenswürdigkeit - die ihren Sohn selbst als stinkenden Auswurf bezeichnet - nennt, wird klar, dass allein deftiger Humor über die schrecklichen Lebensumstände hinwegtäuschen kann.
Trotz aller ekeligen Szenen, verwesender Leiber und eingepökelter Menschen, vermeidet die Novelle jegliche Gewaltorgien und Blutströme. »Der Leichenkönig« lebt von Atmosphäre, Grusel und Horror. Als die Legende des Leichenkönigs lebendig wird, das Grauen dieser Kreatur Samuel und Mickeys Leben bedroht, nimmt die Novelle richtig an Fahrt auf. Leider, leider wird der Leichenkönig niemals zu einer echten Bedrohung, allein in an einer Hand abgezählter Szenen lässt sein schwarzes Maul die Herzklappen flattern.

Fazit

»Der Leichenkönig« ist eine abgrundtief schaurige Novelle, der es virtuos glückt, eine farbenprächtige und stinkende Atmosphäre zu erzeugen. Tim Curran gelingt es, das Leben Samuels und Mickeys in den Slums lebensnah und überzeugend zu zeichnen. Stets begleitet sie ein schleichendes Grauen, das tief unter den Friedhöfen schlummert und langsam erwacht.

4 von 5 Punkten

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